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«Ich falle nicht als typisch schwul auf»

Interview: Tanja Kammermann. Aktualisiert am 11.02.2011

Der 18-jährige Philipp Linder aus Detligen bei Radelfingen ist der jüngste Finalist der diesjährigen Mister-Gay-Wahlen. Im Interview spricht er über seine Chancen auf den Titel und wie es ist, als Homosexueller in einem kleinen Dorf aufzuwachsen.

1/11 Die zehn Finalisten
Das Gruppenbild erinnert an das Bundesratsfoto. Die Parallele ist gewollt.
Bild: zvg Mr. Gay Schweiz

   

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Mister Gay Wahl 2011

Die Mister Gay Wahl feiert dieses Jahr ihre 10. Ausgabe und damit ein Jubiläum. Im Final stehen zehn Männer aus der ganzen Schweiz. Am 12. März wird in Luzern der neue schönste schwule Mann erkoren. An diesem Tag wird auch der Mr. Gay Alliance Award verliehen. Er geht jeweils an eine Person, Firma oder Organisation, die sich gleichermassen wie der Mr. Gay für Schwule einsetzt.

Zum Beginn eine klassische Einstiegsfrage: Warum sollten Sie die Schweizerinnen und Schweizer am 12. März zum neuen Mister Gay wählen?
Philipp Linder: Es braucht jemanden, der die Toleranz und Sympathien der Schwulen fördert, jemanden ganz junges.

Wie wollen Sie für mehr Toleranz für Schwule sorgen?
Indem ich durch das Modeln in die Öffentlichkeit trete und mich als schwulen Mann zeige. Konkrete Projekte habe ich aber noch keine, das wird sich vielleicht durch das Netzwerk ergeben, das ich mir durch die Wahl aufbauen kann.

Wer hat Sie zur Wahl angemeldet?
Ich habe mich selber angemeldet, ich halte es für eine gute Erfahrung. Ich habe schon alle Kandidaten kennengelernt auf der Tour durch die Schweiz und wir haben es auch privat lustig miteinander.

Wie hat Ihr Umfeld auf die Teilnahme an der Mister Gay-Wahl reagiert? Gab es auch negative Reaktionen?
Sie waren alle ganz erstaunt, ich habe es vorher niemandem erzählt. Sie freuten sich sehr und sie unterstützen mich. Ich habe mein Kandidaten-Bild im Geschäft aufgehängt und die Serviceleute und auch die Köche wollten für mich voten, sie stehen alle hinter mir. Negative Reaktionen hatte ich bisher keine und sie machen mir auch nicht Angst, ich gebe mich einfach wie ich bin. Meine Kollegen und mein Umfeld unterstützen mich und ich stehe mit beiden Beinen auf dem Boden.

Wissen Sie, warum Sie es in den Final geschafft haben?
Wegen meinem Charakter und weil ich ein Berner bin, sie wollten unbedingt einen Berner. Ich rechne mir gute Chancen auf den Titel aus. Aber jeder gibt sein Bestes und ich mag es jedem gönnen. Ich habe kein Konkurrenzdenken.

Sie machen eine Ausbildung zum Restaurantfachmann im Casino Restaurant in Bern und sind im 3. Lehrjahr. Wie geht es nach der Lehre im Sommer bei Ihnen beruflich weiter?
Nach der Lehre will in Mexiko eine Sprachschule machen und Spanisch lernen. Später soll noch Englisch dazukommen. Eines Tages würde ich gerne bei der Swiss Flight Attendant werden.

Sie singen auch gerne, habe ich gelesen.
Ja, ich war früher in einem Pop-Chor und wir hatten viele Auftritte im Seeland. Aber wegen der Arbeit musste ich aufhören. Nun singe ich zuhause mit Mikrofon und Verstärker, ich singe eigentlich permanent.

Wie würden Sie sich beschreiben: Sind sie ein typisch schwuler Mann?
Nein, als typisch Schwuler falle ich nicht auf. Aber mein Umfeld weiss natürlich, dass ich schwul bin. Ich bin ein fröhlicher, aufgestellter Mensch, der das Leben geniesst, den Job liebt und gerne mit der Familie zusammen ist.

Auf dem Bild wirken Sie aber eher rebellisch…
Ich habe schon etwas Rebellisches in mir, doch eher auf Fotos und wenn ich singe, ich stehe auf Rock.

Sind Sie in festen Händen? Was ist Ihnen bei einem Partner wichtig?
Ich bin ein fröhlicher Single. Aber eines Tages einen fröhlichen, charmanten und liebenswerten Mann an meiner Seite zu haben, der mich unterstützt, wäre schon schön.

Was gefällt Ihnen besonders an Ihnen? Was vielleicht weniger?
Meine Augen gefallen mir. Zu verbergen habe ich nichts und es gibt eigentlich nichts, das mir nicht gefällt. Es gehört alles zu mir, wie es ist.

Wie ist es, als junger schwuler Mann in einem kleinen Dorf zwischen dem Mittelland und dem Seeland zu leben?
Es ist schon sehr speziell, denn wenn bei uns im Dorf etwas passiert, weiss es fünf Minuten später jeder. Das mit dem Schwulsein war jedoch nie ein grosses Problem, es wurde aufgenommen und dann wurde nie gross darüber geredet. Wir haben es gut miteinander im Dorf.

Wurde es totgeschwiegen?
Nein, ich würde nicht sagen totgeschwiegen, ich habe mit vielen darüber geredet und sie haben mich verstanden.

Können Sie uns von Ihrem Coming-Out erzählen?
Das war sehr früh mit 13,14 Jahren, als erstes habe ich es meiner Mutter erzählt. Sie fragte dann, ob ich das schon wissen könne und mir sicher sei. Doch mich zogen immer Männer an, ich finde sie attraktiv. Als sie sagte «du bleibst mein Sohn und ich liebe dich», habe ich mich bei Verwandten und Freunden weiter geoutet.

Haben Sie auch Diskriminierungen erlebt?
In der Oberstufe ist es vorgekommen dass andere sagten: «Ähh der ist schwul». Vor allem die Jungs sind teilweise nicht klargekommen damit. Vermutlich waren die auch eifersüchtig, weil ich mit den Frauen gut auskam und sie verstand. Mit der Zeit checkten es auch die Jungs und hörten auf mich zu hänseln.

Wo haben Sie Hilfe und Unterstützung gefunden?
Das habe ich nie gebraucht, ich konnte mich immer an die Familie wenden. Sonst hätte ich enge Freunde, die mir zur Seite gestanden hätten.

Haben Sie einen Rat für junge schwule Männer?
Vielleicht dass sie ihre sexuelle Ausrichtung nicht gleich in die Welt herausposauen, sondern zuerst mit Freunden und der Familie darüber, das tut gut. Man sollte es jedoch auch nicht totschweigen, das ist auch nicht gut. Wir in der Schweiz haben zum Glück keine grossen Probleme mehr mit Schwulen, im Gegensatz zu anderen Ländern. Nach dem Coming-Out kann man dann sein Leben leben. Wenn man es verheimlichen muss, fühlt man sich nicht wohl. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.02.2011, 15:31 Uhr

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