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«Früher habe ich viel mehr Staub geschluckt»

Von Simone Lippuner. Aktualisiert am 31.12.2011

Kaminfegermeister Kurt Schwab hängt nach 40 Jahren den Besen an den Nagel. Unglücklich ist der Glücksbringer darüber nicht. Der 65-Jährige hat in dieser Zeit viel Staub geschluckt, in tausende Wohnstuben geguckt – und dabei auch Unschönes erlebt.

Kaminfegermeister Kurt Schwab hatte selber viel Glück im Leben. Obschon er beim Kamine putzen früher viel Staub schlucken musste, ist er stolz auf sein Handwerk, das er
bis zu seiner heutigen Pensionierung ausübte.

Kaminfegermeister Kurt Schwab hatte selber viel Glück im Leben. Obschon er beim Kamine putzen früher viel Staub schlucken musste, ist er stolz auf sein Handwerk, das er bis zu seiner heutigen Pensionierung ausübte.
Bild: Beat Mathys

Früher haben ihm wildfremde Menschen auf der Strasse mit dem Zeigefinger über seinen Arm oder die Hand gestrichen. Sie erhofften sich, so von Kurt Schwab ein Stück Glück abzubekommen. Denn Kaminfeger putzen ja nicht nur Russ und Dreck, sondern auch das Pech weg. «Ich glaube aber nicht daran, dass Kaminfeger Glück bringen. Und die Leute seit Jahrzehnten auch nicht mehr», sagt Kaminfegermeister Schwab. Er sei jedenfalls schon lange nicht mehr von Fremden berührt worden.

Ab heute ist für Kurt Schwab sowieso Schluss mit dem Mythos, an den er nicht glaubt: Er feierte vor wenigen Tagen seinen 65. Geburtstag. Den schwarzen Zylinder und den Besen hängt er heute, am letzten Tag des Jahres, definitiv an den Nagel.

Verstaubte Lungen

Der Seedorfer lernte das Kaminfegerhandwerk von seinem Vater. «Sonst wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen.» Er hätte sich lieber im Kaufmännischen ausgebildet als in schmutzige Kamine zu kriechen. Denn als Schwab in den sechziger Jahren die Lehrabschlussprüfung absolvierte, musste er tatsächlich noch in die Kamine klettern. «Das macht man heute nicht mehr.» Sowieso habe sich der Beruf in den letzten Jahrzehnten stark verändert.

Alles ist technischer geworden. Früher musste Schwab Sitzheizungen oder Holzöfeli in Schuss halten. Heute gilt es in Minergiehäusern Holzschnitzelheizungen zu warten. Statt Ölheizungen werden vermehrt Wärmepumpen installiert – die sind elektrisch, der Kaminfeger hat also gar nichts mehr zu tun. Kamine sind heute nicht mehr gemauert, sondern aus Kunststoff oder Glas gebaut. Der Kamin heisst übrigens auch nicht mehr Kamin, sondern Abgas-Anlage. Eine Reinigung dauerte früher oft einen halben Tag, heute manchmal noch knapp eine Stunde. Und: Bei diesem Job macht man sich heute die Hände weniger schmutzig. «Früher habe ich viel mehr Staub geschluckt» erzählt Schwab. Mit dem Staubsauger habe man damals noch nicht gearbeitet.

Verschmutzter Brotteig

Als Kreiskaminfegermeister betreute Kurt Schwab mit seinen vier Mitarbeitern über 4000 Kunden aus den Gemeinden Seedorf, Lyss, Aarberg, Kallnach, Niederried, Kappelen, Bargen und Golaten. Gute, ordentliche Leute, seien die Seeländer. Auch wenn er in den 40 Jahren als «Chemifäger» nicht nur in blitzblanke Stuben gucken durfte:

«Vor langer Zeit hatte ich auf einem Bauernhof zu tun», erzählt Schwab, und kann sich das Lachen kaum verkneifen. Es war damals üblich, die Büezer auf ein «Zimis» einzuladen, also zu einer Pause mit Wurst, Brot und Schnaps. Besagte Bäuerin aus Radelfingen aber hatte es nicht so mit der Hygiene: «Im selben Pot, in dem sie den Brotteig zubereitete, machten die Hühner ihren Kot rein.» Das Brot ass er nicht, auch den Schnaps kippte Schwab meistens in den Abfluss.

Verwurzelter Seeländer

Kurt Schwab ist ein gemütlicher Mensch. Ein Seeländer, der seine Wurzeln liebt, die Aussicht vom Frienisberg und Tiere. Immer schon habe er mit Katzen und Hunden das Heim geteilt. Letztere sind auch stets an seiner Seite, wenn er mit dem Gewehr durch die Wälder streift. Schwab ist passionierter Jäger. In seinem Wohnzimmer hängt ein imposanter Steinbockkopf, daneben eine ausgestopfte Steingeiss, Bussarde und ein Dachs.

Kurt Schwab ist auch ein Traditionalist. Er ist Burger, SVP-Mitglied, reist seit 30 Jahren mit seiner Frau jeden Silvester ins Ferienhäuschen auf der Lauchernalp. Schwab hat drei Söhne – keiner davon ist Kaminfeger – und vier Enkel. Ein Teil der Familie reist jeweils mit ins Lötschental.

Verdientes Glück

Fürs Foto montiert Schwab seinen schwarzen Kaminfeger-Zylinder – der Hut steht auch für eine Tradition. «Früher hat man ihn bei Festen getragen, heute laufe ich nicht mehr damit herum.» Doch sein Gesicht unter dem Hut leuchtet sichtlich stolz. Für Schwab beginnt mit der Pensionierung ein neuer Lebensabschnitt. Er blicke auf eine gute Zeit zurück: «Eigentlich hatte ich bisher immer Glück» (eben doch!). Keine schlimmen Krankheiten oder tragischen Schicksalsschläge habe ihm das Leben beschert. Natürlich hofft der Seedorfer, dass ihm das Glück auch 2012 hold bleibt. Für sich, seine Familie, die Leser dieser Zeitung und den Rest der Welt wünscht sich der Kaminfeger im Ruhestand schlicht und einfach: «Frieden». (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.12.2011, 09:01 Uhr

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