Region
Fehlbarer Kehrichtmann will eine zweite Chance
«Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient im Leben», schreibt Martin P.* im Juni dieses Jahres, «wenn er dafür gebüsst hat und seine Schuld einsieht.»
Den Brief schickt er an Biels Baudirektor Hubert Klopfenstein. Flehentlich bittet er darum, ihm doch wieder eine Anstellung bei der städtischen Kehrichtabfuhr zu geben.
Er habe unzählige Bewerbungen geschrieben, sagt Martin P., 50. Doch keine Gemeinde wollte ihn als Kehrichtmann anstellen. Der Grund ist klar: Ein Gerichtsverfahren wiegt schwer. «Wenn ich diesen Mist doch nicht gemacht hätte», sagt er.
Für einen Znünikaffee
Der «Blödsinn» begann vor rund zehn Jahren und trug ihm und seinem Kollegen 2008 ein Gerichtsverfahren, bedingte Freiheitsstrafen von je einem Jahr und Bussen von einigen Tausend Franken ein.
Martin P., bei der Stadt Biel als Kehrichtmann angestellt, fuhr seine Touren immer mit demselben Kollegen. Eines Tages begannen die beiden damit, Abfallcontainer ohne Vignetten zu leeren – gegen ein kleines Entgelt, das sie in die eigene Tasche steckten. Manchmal gabs auch einen Znünikaffee oder ein Mittagessen, wenn sie dafür Abfallsäcke gratis mitnahmen.
Das lief so während acht Jahren. Rund 80'000 Franken haben die beiden auf diese Weise für sich erwirtschaftet. Bis sie im Jahr 2007 aufflogen.
Arbeiten oder Sozialhilfe?
Resultat: Die fristlose Entlassung von Martin P. und seinem Kollegen. Martin P. lebt nun von der Sozialhilfe. «Ich will und kann arbeiten», schreibt er in seinem Brief an Hubert Klopfenstein, «es kommt die Stadt Biel viel teurer, wenn ich auf Kosten des Sozialamts leben muss, als wenn ich eine Anstellung bekommen würde.» Geantwortet hat ihm Klopfenstein bis heute nicht.
Interne Lösung unmöglich
Wäre es eine einmalige Sache gewesen, «hätten wir das intern gelöst», sagt Silvan Kocher, der Leiter des Strasseninspektorats. Doch als man gesehen habe, wie systematisch, ja fast professionell die beiden vorgegangen seien, habe man sich gesagt: «Das können wir nicht einfach unter den Tisch wischen.»
*Name der Redaktion bekannt (Bieler Tagblatt)
Erstellt: 02.09.2010, 07:50 Uhr



