Die Biber sind etlichen viel zu fleissig
Von Herbert Rentsch. Aktualisiert am 18.07.2011 2 Kommentare
Pfahlbauten
Am Lobsigensee liegt die Fundstelle einer Ufersiedlung aus der Jungsteinzeit. 2007 führte der Archäologische Dienst des Kantons eine Rettungsgrabung durch, um den Zustand und die Ausdehnung der Fundschichten abzuklären. Es zeigte sich, dass wichtige Teile oberhalb des Grundwasserspiegels liegen. Damit trocknen sie aus und werden nach und nach zerstört. Das Siedlungsareal ist rund 3000 Quadratmeter gross und lag einst wohl auf einer Insel im damals grösseren See. Gefunden wurden 2007 unter anderem Reste von Hausböden und Lehmestriche. Die Fundstelle Lobsigensee ist Teil der Pfahlbausiedlungen, die seit Ende Juni 2011 zum Weltkulturerbe gehören.
Über die Tätigkeit der Biber am Lobsigensee kann sich Albert Hafner vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern nur freuen. Denn wenn der Wasserspiegel des Sees wieder ansteigt, liegen auch die Pfahlbaufundstellen tiefer im Wasser und sind besser konserviert. Hafner: «So gesehen sind wir froh, dass der Biber mithilft, den Boden zu wässern.»
Was zählt mehr: Natur oder Mensch? Wer hat Vorrang: Biber oder Landwirt? In Seedorf stellen sich diese Fragen, seit der Biber wieder heimisch ist. Vor vier Jahren besiedelten die schwimmenden Nager den Seebach im unteren, bewaldeten Teil. Dort störten die Tiere niemanden. Vor zwei Jahren richteten sich Biber jedoch im höher gelegenen Teil des Seebachs ein. Und bald begannen die Probleme.
«Es müssen etwa sechs Biber sein. Die Tiere haben dort mehrere Dämme gebaut, zwischendurch waren es deren fünf», sagt der zuständige Gemeinderat Stefan Leiser (SVP). Die Dämme haben Folgen: Das Wasser des Bachs staut sich. Dies lässt den Lobsigensee, aus dem der Bach fliesst, ansteigen. Der Wasserspiegel liegt so hoch wie sonst nie. Der Rückstau der Biberdämme bewirkt, dass das Land, welches an Bach und See grenzt, nass oder überflutet ist. Betroffen sind auch die Entwässerungsleitungen, die in den Seebach münden. «In den Röhren setzen sich Sand und Erde ab und verstopfen sie», erklärt Stefan Leiser.
Der Pächter des Sees ärgert sich
Der See samt dem kleinen Bootshaus gehört der Gemeinde. Diese hat ihn seit fast 25 Jahren an Werner Hostettler verpachtet. «Es ist eigentlich ein Bijou von einem Seeli», schwärmt der 74-jährige Rentner aus Lyss. Doch die Lust, dort zu fischen, ist ihm heuer vergangen. Denn nicht nur der Zugang zum Bootshaus steht oft unter Wasser, sondern auch das Fundament des Hauses. Damit Hostettler trockenen Fusses zum Bootshaus gehen kann, hat die Gemeinde jüngst zwei lange Balken über den nassen Boden gelegt. Doch der hohe Wasserstand ärgert den Seepächter trotzdem: «Das hängt mir langsam zum Hals heraus. Wenn das so weiter geht, will ich nichts mehr wissen vom See.»
Der Gemeinderat sucht nun nach Lösungen. «Es ist schwierig, denn der Biber ist geschützt», sagt Gemeinderat Leiser. Immerhin ist in Zusammenarbeit mit dem Wildhüter beim grössten Biberdamm ein Rohr verlegt worden, damit ein Teil des Wassers abfliessen kann. Einlass und Ausfluss des Rohres sind mit Gittern geschützt. «Sonst verstopfen die Biber das Rohr sofort wieder», so Leiser.
Provisorisches Rohr lässt Wasser abfliessen
Doch das Abflussrohr ist nur ein Notbehelf, weil der Biber bachaufwärts neue Dämme baut. Nicht viel nützt auch das Wegräumen der Dämme. Denn in der gleichen Nacht beginnt er mit dem Bau eines neuen. Den Biber zurückzudrängen könne zu einer «anhaltenden Schlacht» werden, gibt Christof Angst von der Biberfachstelle Schweiz zu bedenken. Denn: «Am Ende hat der Biber den längeren Atem.» Auch wenn die Biber entfernt würden, bringe das nichts: «Es vergeht kein Jahr, und andere Biber sind dort.»
Angst plädiert deshalb dafür, den Bibern mehr Raum zu bieten, wo sie leben können, ohne die Menschen zu stören. Dazu wäre aber eine Renaturierung des Lobsigensees und des Seebachs nötig. Geld dafür ist im Renaturierungsfonds des Kantons vorhanden. Der Lyssbachverband erarbeitet gegenwärtig ein Projekt für die Revitalisierung des Seebachs für 2 bis 3 Millionen Franken. Geplant ist ein Bau in Etappen ab 2013. Doch was fehlt, ist der dazu benötigte Boden. «Die meisten Bauern würden Land hergeben, wenn sie dafür Realersatz erhalten», sagt Hanspeter Heimberg (SVP), Gemeindepräsident und selbst Bauer mit Kulturland am Seebach. Das Land sei für die Bauern wichtig wegen der Ausgleichszahlungen des Bundes. Denn diese werden nach der Bodenfläche berechnet. Büsst ein Landwirt Fläche ein, so sinken auch die Zahlungen.
Die Pfahlbauten des
Weltkulturerbes
Für Hanspeter Heimberg ist es ein Interessenkonflikt. Als Bauer fürchtet er um sein Weideland, als Gemeindepräsident muss er eine für alle verträgliche Lösung anstreben. «Ich habe vorgeschlagen, der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion einen Brief zu schreiben, um die Probleme aufzuzeigen.» Das hat der Gemeinderat unterstützt. Doch nun spielt ein weiterer Faktor in die Seedorfer Biberproblematik hinein: die Ende Juni zum Weltkulturerbe erhobenen Pfahlbauten. Denn am Lobsigensee gibt es eine Fundstelle, die dazu gehört (siehe Kasten). Hanspeter Heimberg: «Wir wollen nun wissen, ob es in diesem Zusammenhang neue Auflagen gibt. Deshalb warten wir mit dem Brief an den Kanton noch ab.»
Doch bald einmal müssen die Seedorfer handeln. Die vernässten Böden und der gestiegene Seespiegel harren einer Lösung. Vielleicht findet sich eine, mit der die Biber und die Menschen leben können. (Berner Zeitung)
Erstellt: 18.07.2011, 10:14 Uhr
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2 Kommentare
Mit gutem Willen lässt sich sicherliche eine für beide Parteien gute Lösung finden. Eine Sanierung des Seeliauslaufs sollte doch möglich sein. Eine Teilfinanzierung wird sicherlich durch den Bund u./od. Umweltverbände unterstützt! Die Landwirte müssen lernen, dass Sie für die grosszügigen Subventionen/Direktzahlungen (~ 4.Mia. CHF) durch die Steuerzahler auch Gegenleistungen erbringen müssen! Antworten

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