Schneeschuh und Ski in einem Gerät

Ulo Gertsch, Erfinder der ersten richtigen Tourenskibindung, lanciert seine neuste Erfindung, die Cross­blades. Ab Donnerstag ist dieser neuartige Schneeschuh, mit welchem man auch Ski fahren kann, im Fachhandel erhältlich.

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76 Jahre und kein bisschen müde: Ulo Gertsch, vor 40 Jahren Erfinder der revolutionären Platten-Skitourenbindung, bringt die Crossblades auf den Markt: einen Schneeschuh, mit welchem man auch Ski fahren kann. Mit wenigen Handgriffen und selbst in dicken Handschuhen kann die Platte des neuen Schneeschuhsystems umgedreht werden, womit man wahlweise einen Abfahrtsbelag mit Stahlkante unter den Füssen hat oder aber ein 68 Zentimeter langes, integriertes Steigfell.

Bei Wanderungen über Hügel und Felder kann entsprechend wechselweise aufgestiegen und hinuntergefahren werden, ohne Steigfelle oder anderes Zubehör zu montieren, entfernen, aus- oder einpacken zu müssen. Mit etwas Übung müssen die Schneeschuhe für den Seitenwechsel der Platte nicht einmal von den Füssen genommen werden, denn Magnete zentrieren und halten die Wendeplatte am richtigen Ort. Zum Reduzieren des Tempos können Abfahrten auch auf Fellen bewältigt werden.

Doppeldecker für Tiefschnee

Das «Twindeckprinzip» hat eine doppelte Funktion: Es bildet eine schmale Fläche für das Traversieren von Hartschneehängen, was das Aufkanten erleichtert und müheloses Schwingen in der Abfahrt ermöglicht. Im Tiefschnee kommt beim Einsinken das obere Deck zum Tragen, womit die Tragfläche fast verdoppelt wird. Die Lernphase ist kurz, Nichtskifahrer üben sich zunächst in sanftem Gelände.

Die Crossblades sind sowohl mit einer Bindung für Ski- und Tourenskischuhe als auch mit Softbootbindung für Wander- und Bergschuhe erhältlich. Die «Steigwannen» sind 89 Zentimeter lang und wiegen 3,7 kg (Skischuh) und 4,3 kg (Softboot). Als Einsatzbereich für die Crossblades eignet sich sanftes bis mittelsteiles Gelände wie voralpine Hügellandschaften. Anfängern wird empfohlen, erst einmal im Flachen zu üben.

Der Tipp kam vom Sohn

Mit den Crossblades mischt Ulo Gertsch einmal mehr den Outdoormarkt auf: «Vor fünf Jahren rief mich mein Sohn Peter vom Gipfel des Morgenberghorns an, wo hervorragende Bedingungen für eine Tiefschneeabfahrt herrschten.

Da er mit Schneeschuhen aufgestiegen war, sagte er mir am Telefon: Vater, es wäre Zeit, dass du Schneeschuhe entwickelst, mit denen man hin­unterfahren kann.» Gertsch machte sich dahinter, liess seiner ganzen Kreativität freien Lauf und zeichnete erste Pläne auf Millimeterpapier. So entstanden nach und nach die Crossblades.

Die Geschichte des «Tüftlers»

Der gebürtige Wengener gilt als Urheber von weit über 100 internationalen Patenten. Nach der Entwicklung der ersten Vollkunststoff-Skibindung und revolutionären Erfindungen für Bindungshersteller widmete sich der heute 76-Jährige vorübergehend dem Thema Wassersport für Gehbehinderte. Nach der Jahrtausendwende kehrte er mit den Snowrails zum Skimarkt zurück.

Kürzlich entwickelte Gertsch das Dynaboard – ein Snowboard, auf welchem man in Fahrtrichtung steht, «denn auf der ganzen Welt gibt es kein einziges Lebewesen, welches sich seitlich vorwärtsbewegt», begründet der Ingenieur. Seit 2001 leitet Gertsch auch die von ihm gegründete Inventra AG in Thun, welche die aufgeführten Sportgeräte entwickelt und die einzige Indoorskianlage der Schweiz betreibt.

Ab 31. Dezember sind die Crossblades bei Bächli Bergsport (u. a. in Bern und Thun) erhältlich: Verkaufspreis: 559 Franken für Skischuhbindung, 599 Franken für Softbindung. ()

Erstellt: 29.12.2015, 21:37 Uhr

Testbericht

Zugegeben, mit der Besteigung der Nordwestflanke des Sidelhorns (2764 m) am Grimselpass wurden die Crossblades gleich in Verhältnissen auf Herz und Nieren getestet, in welchen sie üblicherweise nicht eingesetzt werden – sind diese doch primär für voralpines Gelände bestimmt. Auf flacherem Terrain und in flockigem Neuschnee unterscheidet sich der Gang der Crossblades kaum von den handelsüblichen Schneeschuhen, ausser dass die an ein Modellmotorboot erinnernde Frontschaufel wirklich butterweich in den Schneemassen versinkt. Und schon sind wir beim ersten Nachteil: Sobald das Gelände steiler wird, tendieren die Crossblades beim Traversieren zum seitlichen Ausbrechen. Am wohlsten ist es dem Schneeschuh-Ski-Zwitter im Aufstieg über leicht angefrorenen Schnee bis zu 25 Grad Hangneigung; ein Einsinken bis zu 20 Zentimeter wird schon fast luxuriös weich vom Oberdeck abgefedert. Je härter der Untergrund, desto heikler wird es, konsequenter Kanteneinsatz wird unerlässlich. Auf vereister Fläche sind sowohl Steigfell als auch Kunststoffkante schliesslich hoffnungslos überfordert. Es fehlt eine bissige Frontkralle, ein Harscheisen oder eine Stahlkante. Auch im direkten Aufstieg rutscht das 68 Zenti­meter kurze Steigfell gerne zurück. Das Abfahrtsverhalten ist rasch erklärt: Hier erinnern die Crossblades an die ähnlich langen Snowblade-Kurzski. «Gertsch-typisch» ist die tadellose Qualität und Handhabung der Geräte; hier ging der «Daniel Düsentrieb der Skisportszene» keine Kompromisse ein: Die Crossblades scheinen für die Ewigkeit geschaffen, und sämtliche Einstellungen lassen sich selbst in dicksten Expeditionshandschuhen ausführen. Kein Trumpf ist das Gewicht, sind die fast vier Kilo schweren Crossblades mindestens doppelt so schwer wie normale Schneeschuhe und viele Skitourensets. Fazit: Die Blades als Fungeräte sind für alle geeignet, die sich gerne in nicht allzu steilem Gelände bewegen, klassische Schneeschuhtrails begehen und auf Abstiegspassagen lieber fahren statt absteigen. Ulo Gertsch hat mit den Crossblades eine Marktlücke geschlossen. So gesehen hat sich das Telefon seines Sohnes vom Gipfel des Morgenberghorns mehr als ausgezahlt.(bpm)

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