«Der Schweizer Fussball besteht ja nur noch aus dem FC Basel»

InterlakenUli Hoeness kritisiert in Interlaken die Fifa scharf. Zudem fordert der frühere Sträfling und heutige Präsident von Bayern München ein Umdenken bei den grossen deutschen Parteien. Und er blickt auf seine Zeit im Gefängnis zurück.

Uli Hoeness stand Medienschaffenden am Alpensymposium Interlaken Red und Antwort – durchaus freimütig. Video: Florine Schönmann

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Die Gäste am Alpensymposium in Inter­laken hängen Uli Hoeness an den Lippen. Der alte und neue Präsident von Bayern München ist der Stargast beim zweitägigen Anlass im noblen Hotel Victoria-Jungfrau. Die Fragen von Moderator Stephan Klapproth beantwortet der 65-Jährige mal nachdenklich, mal witzig, oft pointiert.

Nach dem Podium wird er um Fotos und Unterschriften gebeten. Hoeness nimmt sich Zeit, scheint den Zuspruch, den er erfährt, zu geniessen. Am Abend reist er für ein paar Tage Urlaub mit seiner Frau in die Lenzerheide, wo er seit dreissig Jahren eine Wohnung besitzt. In den Bündner Bergen wird er Zeit haben, die aufregenden letzten Wochen und Monate Revue passieren zu lassen.

Rückblick: Im März 2014 wird Hoeness vom Landgericht München zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Er hat mit einem Schweizer Konto Steuern in Höhe von 28,5 Millionen Euro hinterzogen. Acht Monate verbringt er hinter Gittern, in der übrigen Zeit wird er Freigänger, arbeit tagsüber in der Nachwuchsabteilung des deutschen Rekordmeisters, schläft nachts eingesperrt in einer Zelle.

Letzten Februar wird er ent­lassen, mittlerweile steht er seinem Herzensklub erneut als Präsident vor. Bei der Hauptversammlung Ende November erhielt er 98 Prozent der Stimmen. Seither erweckt er den Einruck, nie weg gewesen zu sein. Er sagt dem neuen Konkurrenten RB Leipzig herrlich leidenschaftlich den Kampf an, kritisiert die deutsche Rechtspartei AfD scharf, fordert bessere Deutschkenntnisse seiner Spieler. Kurz: Er bewegt die Gemüter.

Nach Interlaken reist Uli Hoeness aus Katar an, im Emirat bereiten sich die ­Bayern auf die Rückrunde vor. Vor dem Podiumsgespräch äussert er sich bei einem Termin mit einem Dutzend Journalisten zu den folgenden Themen:

Der Entscheid der Fifa, die WM 2026 von 32 auf 48 Teams aufzublasen: «Ich finde den Entschluss unmöglich. In erster Linie geht es ums Geld. Die Haltung wird uns bei Bayern München zwar auch immer vorgeworfen. Und wir sind tatsächlich auch hinter dem Geld her, aber wir bewahren ge­wisse Grenzen und Prinzipien. Bei der WM-Aufstockung besteht eindeutig der Verdacht, dass sie nur zur Gewinn- und Stimmenmaximierung erfolgte. Schliesslich ist ein Fifa-Präsident auf den Zuspruch der einzelnen Verbände angewiesen.

Man stelle sich vor: Bei der EM 1972 waren 4 Teams dabei, heute sind es 24. Das Niveau wird verwässert, der Tag kommt, an dem sich die Menschen sagen werden: ‹Ich habe die Nase voll.› Der sportliche Wert der Spiele an der letzten EM in Frankreich war schon unter aller Kanone.»

Die politische Lage in Deutschland: «Die Zukunft bereitet mir keine Sorgen. Den Leuten geht es so gut wie nie. Die Flüchtlingsproblematik war eine Zeit lang ausser Kontrolle geraten. Das hat dazu geführt, dass leider vor allem im rechten Spektrum gewisse Entwicklungen stattgefunden haben. Die etablierten deutschen Parteien müssen sich endlich mal aufraffen und gemeinsam ein Konzept entwickeln, wie sich die Flüchtlingsproblematik vernünftig lösen lässt.

Aber: Wenn jemand in Deutschland und der Schweiz morgens in den Spiegel schaut und überlegt, wie es ihm ergeht, muss er sich glücklich schätzen. Er könnte ja auch in Aleppo aufwachen, da hätte er nicht mal einen Spiegel.»

Die Zeit im Gefängnis und wie sie ihn verändert hat: «Es war eine sehr harte Zeit, in der ich nicht über den Fussball nachgedacht habe, sondern über mich. Natürlich hat mich die Erfahrung verändert: Ich bin demütiger geworden, besonnener, noch grosszügiger. Sie können sich vorstellen, dass ich sehr viele Angebote erhalten habe, die Geschichte über meine Haft in einem Buch zu erzählen. Das werde ich aber nie machen. Sie bleibt meiner Familie und Freunden vorenthalten.»

Seine Wiederwahl zum Präsidenten und die Gründe für die Rückkehr ins Rampenlicht: «Ich war vor der Hauptversammlung sehr nervös. Weil ich nicht genau wusste, wie es ausgehen wird. Die Ereignisse dieses Jahres wie der Brexit und die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten haben ja gezeigt, dass Vorhersagen über den Haufen geworfen werden können. Ich hatte zwar ein gutes Gefühl, weil mir auf der Strasse und in vielen Briefen grosse Unterstützung zuteil geworden war, dennoch überraschte mich die Deutlichkeit des Entscheids. Es war ein überwältigendes Ereignis.

Ich kehre aber nicht zurück, um meine Machtgefühle zu befriedigen. Wirtschaftlich steht der Klub super da. Aber der Patriarch, der den Menschen die Hand reicht, mit ihnen spricht, der hat in meiner Abwesenheit gefehlt. Ich versuche zu spüren, was die Basis denkt, und handle danach. Das treibt mich an.»

Der Schweizer Fussball: «Er besteht ja nur noch aus dem FC Basel. Eigentlich schade. Die Basler aber dafür verantwortlich zu machen, dass die Liga langweilig ist, ist falsch. Sie haben weder im Lotto gewonnen noch eine Erbtante in Amerika. Die Leute dort haben einfach einen guten Job gemacht. Auch in Bern und Zürich sind die Voraussetzungen für sportlichen Erfolg vorhanden. Man muss sich halt mehr anstrengen und sie nutzen.» (Berner Zeitung)

(Erstellt: 11.01.2017, 14:28 Uhr)

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