Huttwil

Die grosse Leere nach dem Feuer

HuttwilFritz Herrmann macht schwere Tage durch. Eigentlich feierte er am Freitag seinen 44. Geburtstag, doch vor zehn Tagen ist sein Haus in der Lochmühle abgebrannt. Mit seiner Tochter Jessica besucht er die Ruine am Samstag ein letztes Mal.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Abgemacht hatte Fritz Herrmann in seiner provisorischen Wohnung in Huttwil. Zu schwer sei für ihn der Gang zur Brandstätte, hatte er bei der Kontaktnahme betont. Doch dann verlegt er das Treffen doch in den Garten der Lochmühle. «Ich bin froh, wenn das dann weg ist», hält der am Freitag 44-jährig Gewordene vor den Haufen schwarzer Balken und dem russgeschwärzten Rieg des ehemaligen Bauernhauses fest.

Er setzt sich so hin, dass er die Ruine im Rücken hat und ins Grün des Gartens und der Bäume blickt, die den Rothbach säumen. Dann erzählt er, wie er die Nacht vom Pfingstmontag auf Dienstag erlebte.

Eine Feuerwalze

Kurz nach ein Uhr weckte ihn ein lauter Knall aus dem Schlaf. Er dachte zuerst an die Marder auf dem Dachboden oder einen Einbrecher. Beim Nachsehen knallte es erneut, diesmal im Technikraum der Wärmepumpe. «Als ich die Tür öffnete, kam mir eine Feuerwalze entgegen. Mir blieb nichts anderes mehr übrig, als Jessica zu wecken, wir zogen an, was wir gerade noch erwischten, und rannten vor das Haus.» Dort hatte sich der Mieter der Par­terrewohnung zum Glück ebenfalls bereits eingefunden.

Nachdem sie die Feuerwehr alarmiert hatten, konnten sie noch ihre Autos und einen Quad in Sicherheit bringen. «Danach mussten wir machtlos zusehen, wie wir alles verloren.» Es war nicht irgendein Haus, das da vor ihm und seiner 15-jährigen Tochter vom Feuer verzehrt wurde. «Jessica ist die vierte Generation, die darin wohnte», erklärt der Vater.

1933 hatte sein Grossvater die Liegenschaft gekauft, noch sein Vater betrieb darin Landwirtschaft, doch weil das beste Land eingezont wurde, musste er den Betrieb aufgeben und andere Arbeiten annehmen. Fritz Herrmann lernte Mechaniker. Das Elternhaus jedoch hat er für sich umgebaut, zuletzt mit der erwähnten Wärmepumpe. «Endlich war es warm, wenn wir von der Arbeit oder der Schule nach Hause kamen», sagt er, und ein Strahlen huscht über sein nachdenkliches Gesicht.

Fast 300-jährig

1718 wurde das Haus gebaut, weiss Fritz Herrmann. Als Mühle, die es noch heute in seinem Namen trägt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts verkauften die Besitzer das Wasserrecht an einen Tüftler, der das Wasser auf eine neue Turbine umleitete und Strom zu erzeugen begann. ­Später, als die Elektrizität auch über Distanzen übertragen werden konnte, trieb diese jenseits von Hauptstrasse und Bahn­gleisen Strickmaschinen an ­(heute Fabrik Frilo). An die ­Mühle wurden die Stallungen angebaut, sie wurde zum Bauernhaus.

Nächstes Jahr hätten Fritz und Jessica Herrmann das 300-jährige Bestehen der Lochmühle gross feiern wollen. «Daraus wird nun nichts», ist für ihn klar.

Am Leben und unverletzt

Doch Fritz Herrmann will nicht nur klagen. «Wir leben alle, wurden nicht verletzt.» Voll des Lobes und Dankes ist er über die Arbeit der Feuerwehr, der er selbst jahrelang in verschiedensten Chargen angehört hatte, bis ihn seine berufliche Tätigkeit zum Aufhören zwang. Aus denen, die ihn unterstützten und trös­teten, hebt er die Behörden von Gemeinde und Regierungsstatthalteramt hervor.

Insbesondere Gemeindepräsident Walter Rohrbach und Gemeindeschreiber Martin Jampen hätten sich einfühlend um ihn, seine Tochter und seinen Mieter gekümmert, ihnen fürs erste Kleider, Essen und Trinken besorgt.

Weil ein Architekturbüro einen Umzug etwas vorzog, haben sie inzwischen wieder eine Wohnung. «Dort übernachten wir, hier sind wir daheim», stellt Fritz Herrmann im Garten mit Mischung zwischen Erleichterung und Trauer fest. Selbst eine Kaffeemaschine und Tassen habe er erst organisieren müssen, um den Helfern beim Einzug in die Wohnung etwas offerieren zu können.

Ein Daheim, besonders an den Samstagen, hatten in der Lochmühle jedoch nicht nur die drei Bewohner. Ein Kollege hatte seine Musikanlage eingelagert, mit der er vor den ersten Einsätzen in der Open-Air-Saison stand. Gewerkelt wurde auch an Autos und Motorrädern, wer da war, sass in gemütlicher Runde zusammen. Jemand zieht Vögel in einer Voliere, eine Frau Gemüse und Salat. Die jüngsten waren 13, die ältesten 60, umreisst Fritz Herrmann das Alter des Kollegenkreises.

Wenigstens gut versichert

Noch herrsche in ihm eine grosse Leere, verdeutlicht Fritz Herrmann seinen Gemütszustand zehn Tage nach dem Schock der Brandnacht. Nächste Woche will er seine Arbeit wiederaufnehmen. Mit der Zukunft befassen konnte er sich noch kaum. Ein Architekt, den er beizog, habe ihm aber in Aussicht gestellt, dass er Weihnachten 2018 wieder «daheim» feiern könne. Da er bei den Sanierungen immer sofort nachversichert habe, sollten die Finanzen beim Neubau kein Problem sein.

Mit dem Schätzer der Gebäudeversicherung konnte er den Neubau in Kleindietwil besichtigen, den Hans Schneeberger erstellt hat, nachdem sein Heim im Sommer 2015 abgebrannt war. «Die Aussicht, Jessica künftig derart schöne Räume bieten zu können, erfüllte mich mit grosser Freude», hält er fest, «aber auch ein bisschen mit Angst. Werden wir uns getrauen, in so neue ­Wände noch einen Nagel einzuschlagen?»

Am Samstag wollen Jessica und ihr Vater nun noch ein letztes Mal ihr ehemaliges Daheim besuchen. Sie werden dabei von der Feuerwehr unterstützt. Und Fritz Herrmann hofft, dass es nicht bis Weihnachten 2018 dauert, bis rund um das abgeräumte Haus wieder Leben einkehrt. Einen Rasenmäher hat er sich jedenfalls bereits besorgt und den Rasen gemäht. «Und die von der Feuerwehr gerettete Garage will ich so rasch wie möglich wieder an den Strom anschliessen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.06.2017, 07:06 Uhr

Artikel zum Thema

Bauernhaus durch Feuer zerstört

Huttwil Mit dem Brand der Lochmühle in Huttwil verschwand das Gebäude, das dem nahen Quartier seinen Namen gab. Die Brandursache ist noch nicht geklärt. Mehr...

Kommentare

Blogs

Foodblog 1000 Scotch Eggs

Gartenblog Griechische Randen

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Die Welt in Bildern

Blas mir in die Muschel: Ein australischer Aborigine begrüsst in Sydney einen Einwohner der Torres-Strait-Inseln mit einem Ton aus einer Muschel (28. Juni 2017).
(Bild: David Gray) Mehr...