Rütschelen

«Die Schule wird sich grundlegend verändern»

RütschelenWie sieht der Unterricht der Zukunft aus? Nando Stöcklin befasst sich mit dem Einfluss des Internets auf das Bildungswesen. Die Schule wird sich grundlegend verändern, ist der Wissenschaftler überzeugt.

Seit vergangenem Sommer wohnt Nando Stöcklin mit seiner Familie in idyllischer Umgebung im Leebach in Rütschelen.

Seit vergangenem Sommer wohnt Nando Stöcklin mit seiner Familie in idyllischer Umgebung im Leebach in Rütschelen. Bild: Thomas Peter

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Ein Strässchen führt entlang der frisch eingeschneiten Felder zum Haus der Familie Stöcklin. Hinter dem hügligen Gelände versteckt, bleibt das ehemalige Bauernhaus lange Zeit unsichtbar. «Wie wir bei viel Schnee mit dem Auto ins Dorf kommen, weiss ich noch nicht», sagt Nando Stöcklin und lacht.

Der 41-Jährige wohnt mit seiner Familie erst seit vergangenem Sommer im Leebach in Rütschelen. Zuvor musste einiges ­geräumt und erneuert werden. «Über Generationen hat sich im Haus viel Gerümpel angesammelt», sagt Stöcklin. Und Wasser habe es nur von der nahe gelegenen Quelle gegeben. Doch auch jetzt erinnert noch vieles an das Bauernhaus, das es mal war.

Esszimmer und Küche hat die Familie im umgebauten Tenn eingerichtet. An den grob gemaserten Holzwänden hängen Kinderzeichnungen. Der Blick durchs Küchenfenster fällt auf die ein­gebrochenen Ziegel des alten Schweinestalls. Daraus wolle er einen Kaninchenstall bauen, sagt Stöcklin. «Dieses Haus ist der perfekte Ausgleich zu meiner Arbeit.»

Keine Wissenshoheit mehr

Scheint sein Zuhause wie aus vergangenen Zeiten, so befasst sich Nando Stöcklin beruflich mit der Zukunft. Der Zukunft der Bildung. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Pädagogischen Hochschule in Bern erforscht er den Einfluss der digitalen Medien auf die Schule. «Die Lehrperson hat heute keine Wissenshoheit mehr», sagt Stöcklin. Denn alle Informationen könnten die Schülerinnen und Schüler jederzeit im Internet abrufen.

Um diesem Wandel gerecht zu werden, müsse sich die Schule grundlegend ändern, ist er überzeugt. «Nicht obligatorische Fächer, sondern frei gewählte Projekte sollten das Lernen bestimmen.» Dass Schulabgänger den gleichen Wissensstand hätten, sei ohnehin illusorisch, sagt Stöcklin. «Schon nach fünf Wochen Sommerferien haben die Kinder vieles wieder vergessen.»

Erinnert sich der gebürtige Aargauer an seine Schulzeit, dann kommt ihm zuerst ein Thema in den Sinn, das er nicht in der Schule gelernt hat. In der Bibliothek entdeckte er Bücher mit Geschichten über Indianerhäuptlinge. «Die Indianer haben mich so interessiert, dass ich ihnen meine ganze Freizeit widmete», sagt er.

Manchmal seien dann halt die Hausaufgaben zu kurz gekommen. «Zum Glück hat es aber immer irgendwie gereicht.» Als Student kam er der Geschichte der Ureinwohner Amerikas dann noch näher. Im Yellowstone-Nationalpark arbeitete Stöcklin während der Semesterferien als Tellerwäscher. Dort, wo die Indianer lange Zeit unentdeckt gelebt haben.

Der Wikipedia-Autor

Über den Yellowstone-Park schrieb er dann auch seinen ersten Artikel auf Wikipedia. Schnell hätten andere Autoren seinen Beitrag ergänzt und verbessert. «Mich hat dieses Gemeinschaftswerk fasziniert.» Das war im Jahr 2003. Damals gab es auf Wikipedia erst rund 40 000 Artikel. «Man konnte beinahe zu jedem Thema etwas schreiben.» Und das tat Nando Stöcklin dann auch. Mehr als 200 Beiträge hat er verfasst.

Zwei Jahre später war er Pressesprecher von Wikipedia für die deutschsprachige Schweiz. «Diese neue Enzyklopädie stiess auf riesiges Interesse.» Auch die Frage, welchen Einfluss Wikipedia auf die Schule hat, wurde Nando Stöcklin oft gestellt. Dass Schulkinder einen Wikipedia-Artikel als ihr eigen Werk verkaufen, hat damals manchen Pädagogen beschäftigt.

Es sei dabei aber nicht das Verhalten der Kinder, sondern der Auftrag der Lehrperson das Problem, sagt er. So sollte eine Aufgabe nicht lauten: Schreibe einen Aufsatz über den Russlandfeldzug von Napoleon. Sondern: Versetze dich in die Haut eines Schweizers, der am Feldzug teilgenommen hat.

Statt Smartphone und Computer zu verbieten, sollte die Schule diese in den Unterricht integrieren, meint Stöcklin. Selbst an einer Schule zu unterrichten könnte er sich jedoch nicht vorstellen. Zumindest nicht im heutigen Schulsystem.

Doch wie lässt sich seine Tätigkeit an der Pädagogischen Hochschule – der Ausbildungsstätte für Lehrpersonen – mit dieser Einstellung vereinbaren? «Es ist mein Job, den Einfluss des Internets auf die Schule zu analysieren – da gehört Kritik dazu», sagt er.

Nach einem Spaziergang im Schnee kommen der dreijährige Norin und seine Mutter nach Hause. Manchmal zeige er ihm Videos über Bären auf Youtube. Sonst seien digitale Medien für seinen Sohn noch kaum ein Thema.

Momentan interessiere er sich ohnehin mehr für praktische Dinge. Quer durch die Küche habe Norin mit Ausdauer Schnüre gespannt. «Wir haben ihm das Material dazu gegeben und ihn machen lassen, so hat er vieles gelernt.»

Auch im Schulalter soll der Kleine von seinem Vater und der Mutter, einer Primarlehrerin, bei seinen Lernprozessen begleitet werden. «Ich kann mir momentan eher nicht vorstellen, ihn in eine öffentliche Schule zu schicken.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2017, 06:17 Uhr

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