So setzt die Denkmalpflege den Rotstift an

Die Denkmalpflege muss das Bauinventar überarbeiten. Begonnen hat sie mit den Baugruppen, von denen bis zu einem Viertel aus dem Inventar gestrichen werden sollen. Bereits geschehen ist dies zum Beispiel in Wynigen und Köniz.

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Das Dorfzentrum von Wynigen hat es Jürg Hünerwadel besonders angetan. «Es ist alles andere als selbstverständlich, dass ein Zentrum noch so ursprünglich aussieht, wie dies hier der Fall ist. Da haben die Hauseigentümer und die Gemeindebehörden sehr gut Sorge zum Ensemble getragen», schwärmt der Mitarbeiter der Denkmalpflege.

Er zeigt auf die Kirche, das Pfarrhaus und den ehemaligen Gasthof zum Wilden Mann. Auf die Strassen, die von der zentralen Kreuzung weg verlaufen und wiederum hin zu prägenden Bauten wie etwa der alten Mühle. Als die Denkmalpflege Wynigen 1988 erstmals inventarisierte, teilte sie das Dorf in vier Baugruppen ein, je nach ihrer Funktion und historischen Entwicklung. Es gab etwa eine Kirchen- und eine Mühlegruppe, teils überschnitten sich diese.

«Es ist alles andere als selbstverständlich, dass ein  Zentrum noch so ursprünglich  aussieht wie in Wynigen.»Jürg Hünerwadel, kantonale Denkmalpflege

2016 wurden diese Gruppen zusammengefasst. Seither gibt es im Dorf Wynigen nur noch eine einzige, insgesamt kleinere Baugruppe. Denn hier und in 25 weiteren Gemeinden hat die Denkmalpflege in den letzten Jahren bereits die Anzahl Baugruppen aufgrund von strengeren Kriterien überprüft und reduziert. Nun sind die anderen Gemeinden im Kanton Bern dran.

Nach eingehender Prüfung schlagen die Mitarbeiter der Denkmalpflege diesen vor, welche Baugruppen sie anpassen oder streichen würden. Heute werden die Gemeinden über das weitere Vorgehen informiert.

Erster Schritt zur Reduktion

Dies ist ein erster Schritt zur Umsetzung eines politischen Auftrags: Letztes Jahr hat der Grosse Rat beschlossen, nur noch höchstens 7 Prozent der Gebäude im Kanton Bern als schützens- oder erhaltenswert einzustufen.

Wird eine Baugruppe aufgelöst, hat dies erste Auswirkungen auf den Schutz. Bei der Diskussion um den Status der einzelnen Gebäude muss dann das Ensemble nicht mehr im gleichen Masse betrachtet werden. Denn der Aussenraum und die Nachbargebäude spielen bei den Baugruppen eine grosse Rolle. Wer also am Umfeld oder an den Hausfassaden etwas verändern will, muss die Denkmalpflege beiziehen.

Bauernhofgruppen gestrichen

Dass das Dorfzentrum von Wynigen weiterhin als Baugruppe geschützt sein soll, ist für die Denkmalpflege klar. Anders sieht es bei der Bauernhofgruppe «Zelgli», ebenfalls in der Gemeinde Wynigen, aus. Der Einzelhof mit dem zum Stöckli umgebauten Speicher und dem Ofenhaus ist neu nicht mehr als Baugruppe verzeichnet.

«Wir haben viele solche Ensembles im Kanton Bern – mit Bauernhaus, Stöckli und Speicher», sagt Edith Keller, die bei der Denkmalpflege das Revisionsprojekt leitet. «Sie enthalten häufig gute Einzelobjekte, ihnen fehlt aber in der Regel die wichtige räumliche Komponente.» Damit ein solches Ensemble auch in Zukunft im Inventar bleibe, brauche es daher weitere Elemente – etwa Nebengebäude wie eine historische Scheune.

Bei der Arbeit in den bereits revidierten Gemeinden strich die Denkmalpflege 20 bis 25 Prozent der rund 400 Baugruppen.

Im «Zelgli» in Wynigen kann nun in einem zweiten Schritt darüber diskutiert werden, ob das Bauernhaus und das Stöckli den Status «erhaltenswert» verlieren sollten. Das Ofenhaus als schützenswertes Objekt hingegen dürfte im Inventar bleiben.

Bei der Arbeit in den bereits revidierten Gemeinden strich die Denkmalpflege 20 bis 25 Prozent der rund 400 Baugruppen. 1600 weitere Gruppen hat sie nun im Gesamtkanton unter die Lupe genommen. Keller geht davon aus, dass bei diesen eine Reduktion in ähnlichem Ausmass wie in den bisher revidierten Gemeinden möglich sein wird. «Diese kann aber in der einzelnen Gemeinde sehr unterschiedlich ausfallen.»

Noch ist unklar, ob die Vorschläge der Denkmalpflege so umgesetzt werden. Denn die Betroffenen können mitreden. «Meistens interessieren sich vor allem die Gemeinden für die Baugruppen, weil es ja ums Ortsbild geht. Hausbesitzer engagieren sich dann erfahrungsgemäss eher, wenn es direkt um die Gebäude geht», sagt Keller.

Veränderungen sind möglich

An einigen Orten muss man indes gar nicht darüber diskutieren, ob sie weiterhin als Baugruppe verzeichnet sein sollen. Etwa im Weiler Breitenegg in den Wynigenbergen. «Dieses Ortsbild ist auch im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz verzeichnet», sagt Hünerwadel.

Das heisst, der Weiler ist von nationaler Bedeutung. Hünerwadel zeigt auf die Rasenflächen vor den Häusern, die direkt in die Strasse übergehen und typisch sind für den ländlichen Aussenraum, weist auf Obstgärten hin, die diesen ebenso prägen.

In Breitenegg wird indes offensichtlich, dass in einer Baugruppe durchaus Neues Platz hat: «Dort drüben, dieser neue Unterstand für Landmaschinen, und dort, dieses neue Stöckli – so etwas kann eben auch möglich sein in einer Baugruppe», sagt Hünerwadel. Denn in einer Baugruppe soll weiterhin gelebt werden. «Das hier ist kein Ballenberg», sagt Hünerwadel, während Strassenarbeiter in orangen Kleidern neben der früheren Käserei mit ihrer Arbeit beginnen.

Kein Bauerndorf mehr

Andere Szene, die gleiche Situation: Auf dem Schlosshof in Köniz weht ein eisiger Wind, während Hünerwadel und Kellers Augen glänzen. «Auch hier ist es gelungen, das historische Ensemble neu zu nutzen und zu beleben», erklärt Hünerwadel. Diese Baugruppe bleibt bestehen.

Doch auch in Köniz hat die Denkmalpflege 2014 den Rotstift angesetzt, und zwar mitten im Herzen: Das Dorfzentrum ist heute nicht mehr als Baugruppe verzeichnet – aber aus anderen Gründen als beim Hof in Wynigen. Hünerwadel zieht eine alte Dorfansicht von Köniz aus einer Mappe. Die Bauernhäuser hätte eine Nichteinheimische kaum als das Könizer Zentrum mit Kreisel, Migros, Coop und ausgebautem Gemeindehaus erkannt.

«Es ist immer eine Interessenabwägung, bei der nicht zwingend der Erhalt der bestehenden Situation das Ziel ist.»Edith Keller, 
kantonale Denkmalpflege

«Wir wollten bewusst etwas Neues gestalten, das Zentrum so aufwerten. Zuvor war dies ein Unort», sagt die Könizer Gemeinderätin Katrin Sedlmayer (SP). «Es ist immer eine Interessen­abwägung, bei der nicht zwingend der Erhalt der bestehenden Situation das Ziel ist», sagt Keller dazu. «Wenn wie in Köniz eine Verstädterung stattfindet, geht es vor allem darum, diesen Veränderungsprozess bewusst zu gestalten.»

Hünerwadel fügt an, dass es nichts über die Qualität des neuen Zentrums aussage, wenn dieses nun als Baugruppe gestrichen wurde. «Köniz hat nicht umsonst den Wakkerpreis für die Aufwertung des Ortskerns gewonnen. Aber das ursprünglich bäuerliche Dorf ist halt eben nicht mehr da.» (Berner Zeitung)

(Erstellt: 10.01.2017, 19:36 Uhr)

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