Integration von Flüchtlingen: Die Bündner zeigen, wie es geht

Teure Doppelspurigkeiten und kein Gehör für die Wirtschaft: Die Asylstrategie des Kantons Bern steht in der Kritik. Wie Integration mit einfacheren Strukturen erfolgreich sein kann, zeigt derweil der Kanton Graubünden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rauch steigt aus dem Kamin der Stadtvilla in der Nähe des Churer Bahnhofs. Immer wieder treten Menschen durch das Gartentor und verschwinden in der Tür. «Fachstelle Integration» ist am Eingang zu lesen. Im Innern herrscht emsiges Treiben. Telefone klingeln, Türen gehen auf und zu, und der Lärm einer Kaffeemaschine ist zu hören. Mittendrin warten Eritreer, Syrer und Afghanen auf Stühlen entlang des Korridors. Sie alle haben dasselbe Ziel: Sich in der Schweiz integrieren.

Ihre Chancen stehen gut. Denn dem Kanton Graubünden gelingt es viel besser, Flüchtlinge zu integrieren, als dem Rest der Schweiz (siehe Kasten). Zu diesem Erfolg trägt die Fachstelle Integration massgeblich bei. Sie allein ist in Grau­bünden für die sprachliche und berufliche Integration von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen zuständig – während in anderen Kantonen, wie auch in Bern, verschiedenste Organisationen diese Aufgabe übernehmen.

«Nur so behalten wir den Überblick», erklärt Adrian Mäder. Er ist einer von drei Jobcoachs der Fachstelle in Graubünden. In dieser Funktion unterstützt er aktiv den Integrationsprozess der Flüchtlinge. «Wir sind die erste und wichtigste Anlaufstelle.» Die Flüchtlinge wüssten so immer, an wen sie sich wenden müssten.

In 18 Sprachen erklärt

Die Integration im Kanton Graubünden hat einen festen Ablauf: Sobald Asylsuchende vorläufig aufgenommen oder als Flüchtling anerkannt werden, erhält die Fachstelle Integration eine Meldung. Anschliessend werden die Flüchtlinge zu einer ersten Informationsveranstaltung eingeladen. Damit es zu keinen Missverständnissen komme, seien stets Dolmetscher dabei, erklärt Mäder. Ausserdem würden alle wichtigen Informationen in Broschüren festgehalten – in 18 Sprachen. «Die Flüchtlinge müssen verstehen, was sie zu tun haben. Erst dann können wir fordern», sagt Mäder.

Der erste Schritt im Integrationsprozess ist die Sprache. Dazu arbeitet die Fachstelle mit zwei Anbietern von Deutschkursen zusammen. «Die Angebote werden immer wieder den Bedürfnissen unserer Zielgruppe angepasst», erklärt Mäder. Auch die individuellen Leistungen der Flüchtlinge würden regelmässig überprüft. «Als Jobcoachs werden wir stets über Fortschritte und Schwierigkeiten informiert.» Erst wenn die Flüchtlinge das Sprachniveau A2 des europäischen Referenzrahmens erreichen, nehmen sie gemeinsam mit dem Jobcoach den nächsten Schritt in Angriff: die Suche nach einer Arbeitsstelle.

Suche ist Knochenarbeit

Die Bündner setzen dabei auf den ersten Arbeitsmarkt. In Bern hingegen werden Flüchtlinge meist in arbeitsmarktlichen Programmen untergebracht, die keine ­Anschlusslösungen bieten. «Wir wollen die Flüchtlinge aber nicht bloss beschäftigen, sondern auf dem Arbeitsmarkt integrieren», erklärt Mäder. Dazu absolvieren diese zuerst ein Praktikum, um in der Arbeitswelt Fuss zu fassen.

Bereits Erfahrungen mit Flüchtlingen hat die Klinik Beverin der Psychiatrischen Dienste Graubünden. «Die Zusammenarbeit mit der Fachstelle funktioniert bestens», erklärt die Leiterin der Raumpflege, Brigitte Schett. In ihrem Team arbeitet Tsighermariam Dejene aus Eritrea, die von der Fachstelle vermittelt wurde. Auch Praktika hat Adrian Mäder hier bereits aufgegleist. «Wenn er jemanden hat, der geeignet ist, ruft er uns an.» Bis jetzt habe das immer gut geklappt. «Wir könnten Praktika von heute auf morgen abbrechen. Doch das war noch nie nötig.»

Die Akquise für Stellen und Praktika in Unternehmen sei Knochenarbeit, sagt Mäder. Die wenigsten Arbeitgeber hätten Interesse an Flüchtlingen. «Es gilt deshalb Anreize zu schaffen.» Die Praktika beispielsweise erfordern keine Arbeitsbewilligung und sind unentgeltlich. «So können wir Flüchtlingen unkompliziert eine Chance geben», sagt Schett.

Das Prozedere sei mit wenig Aufwand verbunden, sagt auch Sepp Meier. Die Fachstelle hatte dem Küchenchef der Klinik Beverin ebenfalls eine junge Eritreerin als Praktikantin vorgeschlagen. «Sie hat einen guten Eindruck gemacht, und ich war einverstanden.» Den Rest habe die Personalabteilung mit der Fachstelle geklärt.

Während der Praktika bekommen die Arbeitgeber einen ersten Eindruck von den Flüchtlingen. Dabei zielt die Fachstelle dar­auf, dass Flüchtlinge nach ei­nem Praktikum weiterbeschäftigt wer­den. Im Fall der Klinik Beverin geht diese Taktik auf. «Wird bei uns eine Stelle frei, versuchen wir Praktikanten, die gute Arbeit geleistet haben, weiterzubeschäftigen», sagt Meier.

Wünschenswert wäre auch eine Ausbildung für die Flüchtlinge. «Dafür reichen die Sprachkenntnisse in den meisten Fällen jedoch nicht aus», gibt Meier zu bedenken. Es sei deshalb wichtig, dass Flüchtlinge auch während des Praktikums – oder während einer Festanstellung – weiterhin Deutschkurse besuchten.

Aufwände nehmen ab

Ein Praktikum dauert in der ­Regel sechs Monate und wird eng von den Jobcoachs begleitet. Danach ist eine Anschlusslösung ­gefragt. Sobald Flüchtlinge aber angestellt werden – sei es als Lehrling oder als Mitarbeiter –, wächst der administrative Aufwand des Arbeitgebers. Es ­müssen Bewilligungen eingeholt und Formulare ausgefüllt werden, wie Mäder sagt. «Das schreckt Unternehmen ab.» Arbeitgeber müssten deshalb unterstützt werden. Dazu müssten Jobcoachs manchmal auch pragmatisch vorgehen: «Wir erledigen den Papierkram für dich, dafür wird der Flüchtling ein­gestellt.»

Am erfolgreichsten sei die Akquise von Praktika bei kleineren und mittleren Unternehmen. Ein Beispiel dafür ist Raffi Casutt. Er betreibt in Thusis eine Carrosserie mit sechs Angestellten. Momentan arbeitet zusätzlich der Praktikant Debesay Merhawi bei ihm. «Er ist der dritte Flüchtling, der bei mir ein Praktikum macht.» Die ersten beiden Praktika habe er abbrechen müssen.

Casutt profitiert davon, dass Merhawi bereits in seiner Heimat Eritrea als Karossier arbeitete. «Er hat gewisse Fachkenntnisse.» Casutt wäre deshalb nicht abgeneigt, den 26-jährigen Merhawi in die Lehre zu nehmen. Im Praktikum werde sich zeigen, ob der Eritreer dazu geeignet sei.

Auch im Fall von Merhawi war es Adrian Mäder, der das Praktikum aufgegleist hat. «Ohne die Fachstelle wäre es mir wohl gar nicht in den Sinn gekommen, Flüchtlinge zu beschäftigen», sagt Casutt. Ausserdem würde er wohl ohne die Unterstützung der Fachstelle auf solche Praktika verzichten.

Kein voller Lohn

Ein weiterer Vorzug für die Arbeitgeber im Kanton Graubünden ist das Teillohnmodell. Dieses erlaubt, den Flüchtlingen während maximal 18 Monaten einen tieferen Lohn zu zahlen, als die Gesamtarbeitsverträge (GAV) vorschreiben. «Man kann einem Flüchtling nicht den vollen Lohn zahlen, wenn er noch nicht die volle Arbeit leisten kann», erklärt Mäder. Das Modell wurde von den relevanten Partnern im Kanton gemeinsam erarbeitet.

Während der ersten sechs Monate bekommen angestellte Flüchtlinge den Lehrlingslohn des ersten Ausbildungsjahres. Für die nächsten sechs Monate gilt der Lohn des zweiten Lehrjahres. Schliesslich erhalten die Flüchtlinge in den letzten sechs Monaten ein Gehalt von 2500 Franken. Danach wird der Lohn entsprechend dem GAV gezahlt.

Integration im Kanton Graubünden klingt zunächst nach einem strengen Regime. Die Flüchtlinge seien anfangs skeptisch gewesen, sagt Mäder. «Arbeit ohne Lohn stiess nicht gerade auf Begeisterung.» Jedoch hätten die Flüchtlinge schnell gemerkt, dass sie nach einem Praktikum gute Chancen haben, eine Stelle zu finden. Das gleiche gelte für das Teillohnmodell. «Zuerst hatten sie Bedenken, für weniger Geld zu arbeiten.» Doch allmählich werde das Teillohnmodell als «Türöffner» für den Arbeitsmarkt akzeptiert.

«Schritt für Schritt»

Mit Ausnutzen habe das nichts zu tun. Schliesslich würden die Flüchtlinge von ihren Erfahrungen auf dem ersten Arbeitsmarkt profitieren, erklärt Mäder. «Sie kommen in Kontakt mit Arbeitgebern und lernen die Anforde­rungen des Arbeitsmarkts kennen.» Ausserdem erhalten sie Arbeitszeugnisse, die ihnen bei der Jobsuche helfen.

«Die Praktika sind eine grosse Chance für uns», sagt auch Yonas Michale aus Eritrea. Der Vater von vier Kindern hat bereits mehrere Praktika absolviert und ist nun in der Klinik Beverin angestellt. «Die Integration passiert Schritt für Schritt.» Erst mal ein Praktikum zu machen, störe ihn daher nicht.

Michale hat seine Kontakte nach dem Praktikum genutzt: «Yonas hat immer wieder nachgefragt, ob bei uns eine Stelle frei werde», erzählt Brigitte Schett. Er sei präsent gewesen und habe schliesslich in der Hotellerie der Klinik eine Stelle bekommen. Auch Tsighermariam Dejene schätzt das Modell: «Um mich zu integrieren, muss ich immer dran bleiben und Interesse zeigen.» Die Praktika seien dafür hilfreich. «Wenn wir uns während dieser Zeit bewähren, klappt es später auch mit einer festen Anstellung.»

Obwohl er seit Kindesbeinen das Handwerk des Karossiers gelernt hat, muss auch Debesay Merhawi ein Praktikum machen. Das verstehe er aber. «Hier in der Schweiz ist alles ganz anders.» Er müsse die Unterschiede des Systems und der Kultur erst kennen lernen. Dass er während des Praktikums keinen Lohn bekomme, störe ihn nicht. Schliesslich erhalte er 300 Franken Integrationspauschale über die Sozialhilfe hinaus.

Einig sind sich die drei auch, was die Fachstelle Integration betrifft. «Der Jobcoach ist wie ein Vater oder ein guter Freund», sagt Michale. Jederzeit könnten die Flüchtlinge bei der Fachstelle anrufen, und jemand kümmere sich um sie. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.01.2017, 18:31 Uhr

Integration in Zahlen

Im Vergleich zum Rest der Schweiz gelingt es dem Kanton Graubünden besser, Flüchtlinge zu integrieren. 2015 lag der Schweizer Durchschnitt der Erwerbsquote von Flüchtlingen, die zwischen vier und fünf Jahren in der Schweiz sind, bei knapp 29 Prozent. In Graubünden lag sie bei 42 Prozent. Bei vorläufig aufgenommenen Personen, die zwischen sechs und sieben Jahren in der Schweiz sind, waren schweizweit 48 Prozent erwerbstätig. Im Kanton Graubünden 69 Prozent.

Artikel zum Thema

Der Grosse Rat stellt Mängel fest und sagt trotzdem Ja

Der Grosse Rat nahm am Mittwoch Kenntnis von der neuen Asylstrategie der Re­gierung. Die Mängel will die Parlamentsmehrheit mittels unverbindlicher Planungserklärungen beheben. Mehr...

Rückweisung wäre konsequent gewesen

Andrea Sommer, Leiterin Ressort Kanton, zum Entscheid des Grossen Rates, die neue Asylstrategie durchzuwinken. Mehr...

Schnegg kritisiert Blindflug bei der Integration

Der neue Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) nimmt Stellung zur Kritik an der neuen Asylstrategie und erklärt, was er unter besserer Integration versteht. Mehr...

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Sonnenschutz: Ein Feiernder am Glastonbury Festival versucht sich von der Sonne zu schützen (21. Juni 2017).
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...