Berner Spitäler investieren Millionen in gesättigten Markt

Die öffentlichen Spitäler im Kanton Bern investierten Millionen in ihre bauliche Infrastruktur. Für die Finanzierung müssen sie selber aufkommen. Allein die bisher bekannten Projekte ergeben eine Investitionssumme von über 500 Millionen Franken.

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Die Ausnahme bestätigt die Regel: Das Spital von Meiringen hat ausgedient. Der Operationssaal ist veraltet, seit dem Jahreswechsel wird hier nicht mehr operiert. Ins Gebäude, das nach wie vor zur Gruppe der Spitäler Frutigen, Meiringen, Interlaken (fmi AG) gehört, sind Mieter eingezogen.

Die ehemaligen Spitalzimmer nutzt eine Stiftung für behinderte Menschen, der Chirurg nimmt in seiner Praxis im Erdgeschoss noch kleinere Eingriffe vor – und operiert als Belegarzt im Spital Interlaken. Die Operationssäle wurden dort erst vor drei Jahren neu gebaut.

Jetzt ist der ganze Eingangs­bereich des Spitals Interlaken an der Reihe. Ein viergeschossiger Glaskubus wird das alte Gebäude ersetzen – im Neubau werden «spitalergänzende Dienstleistungen» untergebracht. Kostenpunkt: 33 Millionen Franken.

Für 2017 ist der Spatenstich vorgesehen, für 2020 die Einweihung. Im dritten Spital des fmi-Verbundes, in Frutigen, sind die Baumaschinen bereits vor einem halben Jahr aufgefahren. Spital und ­Pflegeheim erhalten derzeit einen Anbau – inklusive eines neuen Helilandeplatzes. Das kostet 10 Millionen Franken.

Oberland: «Ein Bekenntnis»

Die Millioneninvestitionen der fmi AG sind keineswegs die einzigen in der Spitallandschaft des Berner Oberlandes: 40 Millionen Franken will die Spital STS AG (Simmental-Thun-Saanenland) in einen Spitalneubau in Zweisimmen stecken. Das sei «ein klares Bekenntnis zur ganzen Region», sagte STS-Vizepräsident Andreas Hurni anlässlich der Präsentation des Siegerprojekts. Der neue Gebäudekomplex soll drei Bedürfnisse abdecken: ein Akutspital mit einer stationären Versorgung, Alterswohnungen sowie eine hausärztliche Grundversorgung. Der Baustart ist für Frühling 2017 vorgesehen, im Herbst 2018 würde eröffnet.

Noch keine konkreten Pläne hat die Spital STS AG in Thun. Nach dem Neubau des Notfallzentrums im Jahr 2012 denken die Verantwortlichen aber bereits an das künftige Wachstum. Damit eine Vergrösserung des Spitals nicht an planerischen Hürden scheitert, haben sie eine Anpassung des Zonenplanes initiiert. Der Richtplan «Arealentwicklung Spital Thun» sieht die Erweiterung des Spitals mit einem viergeschossigen Gebäude auf den Parkplätzen vor. Diese würden durch eine Tiefgarage mit 400 Plätzen ersetzt. Noch bis Ende Monat liegen die Pläne öffentlich auf.

Biel: Letzte Kantonsbeiträge

Dank einer früheren Zusicherung des Kantons kann auch das Spitalzentrum Biel (SZB) seine Zukunft planen. Im Dezember 2011 hatte der Grosse Rat einen Investitionskredit von 84,8 Millionen Franken gesprochen, um den Bielern eine Gesamterneuerung ihres Spitalzentrums zu ermöglichen. Inzwischen zwingt das neue Krankenversicherungsgesetz (KVG) die Spitäler dazu, ihre Bauinvestitionen ohne die öffentliche Hand zu finanzieren. Seither hat der SZB-Verwaltungsrat den Baukredit um weitere 40 Millionen auf 125 Millionen Franken aufgestockt mit dem erklärten Ziel von «mehr Komfort für Patientinnen und Patienten». Die Baueingabe ist erfolgt.

Oberaargau: Mit Kantonsgeld

Auch das Spital der Region Oberaargau (SRO) in Langenthal konnte gerade noch von einem Kantonsbeitrag profitieren: Nach einer ersten Sanierung des Bettenhochhauses im Jahr 2004 für 16,5 Millionen Franken bewilligte das Kantonsparlament 2010 weitere 75 Millionen für eine zweite Etappe inklusive Neubau für 58 Millionen. Damit nicht genug: In den kommenden vier Jahren wird das SRO, diesmal aus der eigenen Kasse, noch einmal 86 Millionen investieren: für eine neue Frauenklinik, ein Dialysezentrum, eine Intensivpflegestation, einen neuen Haupteingang und ein Parkhaus.

Auch das erst vor zwölf Jahren erneuerte Bettenhochhaus wird noch einmal umgebaut und modernisiert. Die Mittel dazu will Spitaldirektor Andreas Kohli aus dem eigenen Gewinn erwirtschaften: «Für die Instandhaltung und die Erneuerung benötigen wir pro Jahr einen Cashflow von 12 Millionen.» Die Investitionen entsprechen laut Kohli einem dringenden Nachholbedarf: «Wir führen das Spital in die Gegenwart und denken an die Zukunft.»

Burgdorf: Selber finanzieren

Ganz auf sich gestellt ist das keine halbe Stunde entfernte Spital Emmental in Burgdorf. Nach zweistelligen Millioneninvestitionen in Bettenhaus und Notfallstation des Tochterspitals Langnau steht jetzt der Bau eines neuen Bettenhauses für 132 Akutbetten in Burgdorf an. Die Arbeiten haben begonnen, für Herbst 2017 ist die Eröffnung vorgesehen. Die Finanzierung der 111 Millionen Franken teuren Erneuerung über Bankdarlehen musste das Spital organisieren.

Das gilt auch für die diversen Millionenprojekte der Spital Netz Bern AG mit ihren Stadt- und Landspitälern. Das für den Herbst vorgesehene Einrichten einer neurologischen Rehabilitationsklinik mit 36 Betten im Spital Riggisberg dürfte nur wenige bauliche Veränderungen nach sich ziehen. Das Bekenntnis zum Standort Aarberg hingegen kostet das Stadtberner Spitalnetz satte 22 Millionen. So hoch sind der Um- und der Ausbau des Landspitals inklusive des neuen Operations- und Notfalltrakts veranschlagt. Der Neubau soll bis Oktober 2017 bezugsbereit sein.

Bern: Weniger Stationäre

Und in Bern? In der Bundesstadt besteht kein Mangel an Spitalkapazität. Dennoch soll bis Ende Jahr ein Projekt für die ambulante und stationäre Patientenversorgung auf dem Tiefenau-Areal vorliegen. Nach der Schliessung des Zieglerspitals will die Insel-Gruppe dort ein neues Stadtspital bauen. Über Grösse und Kosten des Neubaus schweigen sich die Verantwortlichen noch aus. Verwaltungsratspräsident Joseph Rohrer hält dazu nur allgemein fest, das neue Stadtspital werde im Vergleich zu früheren Plänen weniger Betten haben: «Wir verfolgen eine Strategie mit eher ­defensivem stationärem Wachstum», so Rohrer, denn die ambulanten und teilstationären Behandlungen würden zunehmen. «Entsprechend vorsichtig ist die Planung im stationären Bereich.»

Verglichen mit den Land- und Regionalspitälern hat ein Stadtspital allerdings einen wichtigen Faktor zu berücksichtigen: die Konkurrenz durch die Privaten. So investiert die private Klinik Siloah in Gümligen 60 Millionen Franken vor allem in die lukrativen Bereiche Geriatrie und Orthopädie. Und die Lindenhof-Gruppe plant auf ihrem Areal ein neues, vierstöckiges Frauenzen­trum. Insgesamt will die Gruppe 80 Millionen Franken in ihre bauliche Infrastruktur investieren.

Mit jährlich 2300 Geburten hat die private Lindenhof-Gruppe schon heute deutlich mehr Geburten als die 1450 der Frauenklinik im Inselspital. Was das Universitätsspital seinerseits nicht daran hindert, ebenfalls Millionen in Neubauten zu investieren: An der Friedbühlstrasse ist ein neuer Spitaltrakt für 250 Millionen Franken vorgesehen, an der Freiburgstrasse ein Neubau für 500 Millionen Franken. Damit erhöht das Inselspital die Bettenkapazität um rund ein Fünftel. Dies in einem reichlich gesättigten Markt. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 18.01.2016, 06:10 Uhr)

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Blutiger Kampf um Patienten

Die Millioneninvestitionen in die bernischen Spitäler sind indirekt eine Antwort auf die Spitalstandortinitiative. Und heizen den Wettbewerb an.

Es war die Schliessung der Geburtsabteilung im Spital Riggisberg im Sommer 2013, welche die Spitalstandortinitiative auslöste. «Die Initiative bezweckt, für Stadt und Land und die gesamte Bevölkerung eine ausreichende, qua­litativ gute und wirtschaftliche Spitalversorgung im ganzen Kanton sicherzustellen.» Nun stellen sich die millionenteuren Investitionen der öffentlichen Spitäler (siehe Haupttext) zumindest indirekt als Antwort auf diese Forderungen heraus.Einen abschliessenden Überblick über die Projekte der Spitäler hat die kantonalbernische Gesundheitsdirektion (GEF) nicht mehr. Die öffentlichen Spitäler sind zwar nach wie vor mehrheitlich im Besitz des Kantons, mit dem Inkrafttreten des neuen Krankenversicherungsgesetzes wurden die Spitäler aber in den freien Wettbewerb entlassen und müssen ihre Investitionen selber finanzieren. Dadurch ist auch der Kanton Bern von der Planungspflicht entbunden. Eine neue Verordnung zur Spitalversorgung schreibt zwar vor, dass die Spitäler der GEF melden müssen, in welchem Zustand sich ihre Immobilien befinden. Die Verordnung ist aber erst seit 1. Dezember 2015 in Kraft, weshalb sich Annamaria Müller als Vorsteherin des Spitalamtes noch keine Übersicht verschaffen konnte.

Dennoch kennt sie die bernische Spitalszene bestens. Angesichts der Millioneninvestitionen spricht die Amtsleiterin offen von einer «Spitalblase». Und warnt von den Folgen: Wegen der allgemein zu tiefen Tarife lebten die meisten Spitäler von der Substanz. Um die Investitionen zu finanzieren, seien die Spitäler auf Mehreinnahmen angewiesen. Während die Geburtshilfe das unrentable «Schmerzthema» eines Spitals sei, würden die Spitäler «tendenziell die lukrativen Angebote ausbauen».

Zudem befürchtet Müller unter den Spitälern einen Kampf um Patienten: «Entweder jagt man sich die Patienten gegenseitig ab oder requiriert sie von anderen Kantonen.» Einige Spitäler kalkulierten mit Zuwachsraten im zweistelligen Bereich, warnt Müller, «und das ist nicht realistisch». Und um möglichst viele Patienten anzulocken, buhlten die Spitäler mit allen Mitteln um die ärztlichen Koryphäen: «Da ist der Kampf blutig.»

Auch der Gesundheitsökonom Heinz Locher kann sich als Folge der Investitionen einen ruinösen Wettbewerb unter den Spitälern vorstellen. «Die Gefahr ist real vorhanden, wenn auch nicht dramatisch.» Die happigen Investitionen begründet er mit Nachholbedarf: «Viele Spitäler wurden in den 70er-Jahren gebaut und müssen ersetzt werden.» Gleich sieht das Christoph Schöni vom bernischen Verband öffentlicher Spitäler: «Der Nachholbedarf ist bekannt und nachvollziehbar.» Und zur Spitalstandortinitiative hält Schöni fest: Die Investitionen belegten, dass die Spitäler an ihren Standorten Entwicklungspotenzial sehen.

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