Bern kämpfte zu verkrampft

Philippe Müller, Leiter Ressort Kanton, zur Abstimmung vom 18. Juni über die Kantonszugehörigkeit Moutiers.

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Es ist eigentlich absurd. Da gibt es im 21. Jahrhundert in einer der weltweit fortschrittlichsten Demokratien tatsächlich eine Gemeinde, in der viele Familien kein einziges Wort miteinander wechseln. Dies, weil sie wegen des jahrzehntealten Jura-Konflikts verfeindet sind. Das 7000-Seelen-Städtchen ist nach wie vor tief gespalten.

Der eine Teil der Bevölkerung ist probernisch geprägt und will verhindern, dass Moutier den Kanton Bern in Richtung Jura verlässt. Der andere Teil, die Separatisten, streben die Abspaltung von Bern an. Wahrscheinlich gibt es noch einen dritten Teil: jene Einwohner, denen der Konflikt im Grunde gleichgültig ist. Auch sie werden übermorgen Farbe bekennen müssen, wenn die ewige Jura-Frage möglicherweise endgültig geklärt wird. Das Tragische an dieser Abstimmung: Es wird so oder so Verlierer geben. Es ist zu befürchten, dass das Städtli auch nach dem 18. Juni nicht zur Ruhe kommen wird.

Die Beziehung zwischen dem Kanton Bern und Moutier war lange problematisch. Bern konnte sich zunächst nicht mit dem ungeliebten Erbe Berner Jura anfreunden und vernachlässigte die Region. Spätestens seit der Gründung des Kantons Jura 1979 hat sich das aber geändert. Der Kanton bemüht sich seither, der Region gerecht zu werden, unterhält in Moutier eine bemerkenswerte Infrastruktur. Er hat Arbeitsplätze geschaffen, unterhält Volks- und Tagesschulen, ist alleiniger Aktionär der Hôpital du Jura bernois SA mit Standorten in Moutier und St-Imier. Auch für den Bau der Autobahn Transjurane hat sich Bern stark im Berner Jura engagiert. Den Separatisten in Moutier, die ohnehin nie zu Bern gehören wollten, ist das immer noch zu wenig.

Die Berner Regierung will nach Kräften verhindern, dass Moutier verloren geht. Jedoch wirkte es zuweilen verkrampft und ungeschickt, wie die Exponenten im Abstimmungskampf auftraten. Nicht gut ausgesehen hat der Kanton zuletzt, als er falsche Zahlen bezüglich der Steuerzahlungen Moutiers an Bern veröffentlichte. Das löste im bernjurassischen Städtchen Empörung aus. Als Beobachter hatte man zudem das Gefühl, die Konkurrenzfähigkeit des ganzen Kantons stünde auf dem Spiel, falls Moutier die Seite wechselt. Das ist natürlich absurd.

Schätzungsweise 90 Prozent der Bernerinnen und Berner ist es gleichgültig, ob Moutier beim Kanton Bern bleibt oder nicht. Die Wirtschaftskraft des Städtchens ist vernachlässigbar, zumal der Maschinenbauer Tornos seit Jahren mit einem Umsatzrückgang kämpft. Auch die viel gepriesene Zweisprachigkeit, die die Berner Regierung als Hauptargument für einen Verbleib Moutiers ins Feld führt, wird in der Realität – abgesehen vielleicht von der Stadt Biel – nicht richtig gelebt. Ent­weder redet man Französisch oder Deutsch. Auch in Moutier hält sich das Interesse an der anderen Sprache in ­engen Grenzen: Es wird dort einfach erwartet, dass die Deutschschweizer Französisch sprechen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Moutier am Sonntag für einen Kantonswechsel stimmt, ist grösser als bei früheren Abstimmungen. Den Separatisten ist es im Abstimmungskampf gelungen, den Jura als jungen, aufstrebenden Kanton zu präsentieren. Ob er dies tatsächlich ist, steht auf einem anderen Blatt. Sollte Moutier gehen, stünde der Berner Regierung eine gesunde Portion Gelassenheit und Selbstvertrauen gut an: Bern hat alles gegeben und von einem Teil Moutiers dafür vor allem Undankbarkeit erhalten. Soll der Jura doch beweisen, dass er es besser kann.

Wenn Moutier dem Lockruf aus dem Jura folgt, müssten vor allem die Separatisten Verantwortung übernehmen. Bis jetzt haben sie sich auf die einfachste aller Disziplinen spezialisiert: Sie haben von Bern profitiert und gleichzeitig die fütternde Hand gebissen sowie Tiraden in Richtung Bern abgefeuert. Im Falle einer Abspaltung müssten sie den Einwohnern Moutiers beweisen, dass das Leben im Kanton Jura tatsächlich so viel besser ist, wie sie es jahrelang gebetsmühlenartig gepredigt haben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.06.2017, 11:46 Uhr

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