«Zwanzig Jahre reichen nicht, um die Stromversorgung neu aufzusetzen»
Von Stefan Schnyder, Niklaus Bernhard. Aktualisiert am 28.01.2011 10 Kommentare
Solothurner Niederamt
Das geplante AKW Gösgen II stösst bei der Bevölkerung in der Standortregion Niederamt im Kanton Solothurn auf Skepsis. Ein Endlager wird deutlich abgelehnt. 45 Prozent der Niederämter lehnen die Pläne für das unter anderem vom Energiekonzern Alpiq angestrebte AKW Gösgen II ab. Das zeigt eine sozioökonomische Studie im Auftrag der Präsidenten der 15 Gemeinden zwischen Aarau und Olten, die gestern vom Verein Gemeindepräsidentenkonferenz Niederamt (GPN) vorgestellt wurde. Sie basiert auf einer repräsentativen Umfrage unter 1000 Personen der Region. Im Niederamt leben 32800 Menschen.
Für ein zweites Atomkraftwerk – zusätzlich zum seit 1979 bestehenden AKW Gösgen – sind 38 Prozent. Weitere 15 Prozent der Befragten geben sich neutral. Unternehmen, die ebenfalls befragt wurden, sehen die Pläne positiver.
Auf klaren Widerstand stösst das vom Bund geplante Tiefenlager für schwach und mittelradioaktive Abfälle. 71 Prozent der Niederämter sprechen sich dagegen aus. Die Ablehnung zieht sich durch alle 15 Gemeinden. Auch eine Mehrheit der Unternehmen ist dagegen. Die Niederämter erwarten gemäss Studie mehrheitlich negative Wirkungen auf das Image der Region und einen Verlust der Attraktivität. Sie befürchten auch Unruhen und Spannungen in der Bevölkerung.
Die Studie werde in der Gemeindepräsidentenkonferenz zu «heftigen Diskussionen» führen, sagte Hanspeter Jeseneg von der Arbeitsgruppe Energie der GPN vor den Medien in Niedergösgen. Wichtig sei, dass sich das Niederamt an einen Tisch setze.
Die gesamte Schweiz werde über ein neues AKW entscheiden und nicht das Niederamt. Die Region müsse daher vorbereitet sein, «wenn uns die Schweiz das Projekt aufdrückt», sagte Jeseng. Es gehe darum, «eine positive Entwicklung» zu ermöglichen und die negativen Auswirkungen abzufedern.
Die Region will sich nicht zuletzt in Position bringen, um mit der Energiewirtschaft finanzielle Abgeltungen aushandeln zu können, wie GPN-Präsident Kurt Henzmann ausführte. Von den Steuereinnahmen und Entschädigungen des bestehenden AKW Gösgen profitiert derzeit vor allem die Standortgemeinde Däniken.sda
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Am 13.Februar stimmt das Bernervolk über ein neues Atomkraftwerk in Mühleberg ab. Wie stark stehen Sie unter Strom?
Kurt Rohrbach: Es ist sicher eine wichtige Abstimmung, auch wenn sie konsultativ ist. Sie hat Signalwirkung und zeigt, wie sich die Bernerinnen und Berner in Bezug auf die Kernenergie positionieren. Sie ist wichtig für den Kanton Bern als künftigen Standort von neuen Kernkraftwerken. Unter Strom stehe ich immer.
Wie wichtig ist die Abstimmung für die BKW?
Das Abstimmungsergebnis ist ein wichtiger Entscheid in Bezug auf die künftige Positionierung der BKW. Die BKW betreibt heute in Mühleberg ein Kernkraftwerk, und sie verfügt über Mitarbeitende mit Know-how in diesem Bereich. Die Kompetenzen für den Betrieb eines Kernkraftwerkes würden bei einem negativen Entscheid verloren gehen. Das hätte auch einen Verlust von Arbeitsplätzen zur Folge.
Sie drücken dies jetzt etwas diplomatisch aus. Ein Nein würde doch bedeuten, dass
die BKW im Mark getroffen wäre, denn die Energieproduktion ist für sie eine zentrale Unternehmensaktivität.
Ja, das trifft zu. Die BKW ist in der Energieproduktion stark in der Wasserkraft und in der Kernenergie präsent. Bei einem Nein am 13.Februar würde eine der Kernkompetenzen der BKW wegfallen.
Welche Auswirkungen hätte ein Nein auf den BKW-Gewinn?
Diese lassen sich derzeit kaum beziffern. Die BKW müsste aber die Energie aus den anderen Kernkraftwerken beziehen, an welchen sie beteiligt sein wird, oder auf dem Markt beschaffen, und da stellt sich die Frage nach den Kosten beziehungsweise nach dem Preis. Wichtiger ist, dass der Mehrwert, der bisher im Kanton verblieb, wegfallen würde.
Wie hoch schätzen Sie diesen wirtschaftlichen Mehrwert für den Kanton Bern?
Die Konjunkturforschungsstelle BAK Basel hat die Wertschöpfung errechnet und ist auf einen Wert von 500 Millionen Franken im Jahr für die Region gekommen. Zudem hat BAK Basel errechnet, dass der Betrieb eines Kernkraftwerkes rund 1300 direkte und indirekte Arbeitsplätze bringt. Im neuen Werk wären rund 500 Mitarbeiter beschäftigt. Heute sind es gegen 350 Arbeitsplätze. Und schliesslich bringt ein neues Kernkraftwerk dem Kanton Bern, immer noch laut BAK, Steuereinnahmen in Höhe von etwas über 80 Millionen pro Jahr.
Doch warum braucht es ein neues Atomkraftwerk? Und warum setzen Sie nicht stattdessen auf die erneuerbaren Energien?
Wir setzen ja auch auf erneuerbare Energien. Die BKW ist eine der grössten Produzentinnen in diesem Bereich. Und wir haben massiv Mittel in diesen Bereich investiert und tun es auch weiterhin. Unser Engagement ist ungebrochen, die Realisierung der Projekte ist allerdings erschwert. Aus diesen Grund haben wir eine realistischere Einschätzung vorgenommen und unser selbst gesetztes Mengenziel nach unten korrigieren müssen. Es ist also nicht eine Frage des Wollens, sondern vielmehr eine Frage des Könnens. Sicher ist, dass die neuen erneuerbaren Energien nicht ausreichen werden, um Grossanlagen zu ersetzen. Mit dieser Einschätzung stehen wir im Übrigen nicht alleine da. Kommt hinzu, dass Kernkraftwerke praktisch CO2-freien Strom liefern.
Regierungsrätin Barbara Egger sagt, sie sei sicher, dass die Technologie solche Fortschritte machen werde, dass in zwanzig Jahren europaweit genügend Strom aus erneuerbaren Energiequellen verfügbar sein werde.
Innert zwanzig Jahren die Versorgung komplett auf erneuerbare Energien umzustellen, ist nicht möglich. Das ist einfach ein zu kurzer Zeitraum. Die Frage ist: Was machen wir, wenn sich die erhofften Technologiefortschritte nicht einstellen? Wenn wir in zwanzig Jahren merken, dass es nicht genügend Strom aus erneuerbaren Quellen gibt, ist es zu spät, um mit dem Bau eines Kernkraftwerkes zu beginnen. Planung und Bau eines solchen Werks dauern zehn bis fünfzehn Jahre.
Dann setzt Frau Egger auf ein Luftschloss?
Das sagen Sie. Natürlich gibt es neue technologische Entwicklungen. Doch die Kernenergiegegner unterschätzen, wie lange es dauert, bis man eine Versorgung völlig neu aufgesetzt hat. Das wird uns in zwanzig Jahren nicht gelingen. Definitiv nicht.
Denken Sie, dass eine Entwicklung wie vom Computer zum iPhone ausgeschlossen ist?
Schon rein aus physikalischen Gründen ist es nicht denkbar, dass plötzlich eine ähnlich rasche Verdoppelung der Produktion im Bereich der Energie machbar ist. Wir freuen uns schon ungemein, wenn wir bei einer Anlage den Wirkungsgrad um zwei bis drei Prozent verbessern können.
Eine Variante wäre, die Zahl der Windparks massiv auszubauen, zum Beispiel in Nordeuropa.
Ein massiver Ausbau in der Windenergie bedingt einen massiven Ausbau der Leitungskapazitäten, der innerhalb kürzester Zeit realisiert werden müsste. Das Grundproblem bleibt aber weiterhin bestehen: Die Windproduktion ist nicht plan- und steuerbar. Sie ist vom Wetter abhängig.
Visionär ist das Projekt «Desertec», das die Produktion von Solarenergie in der Wüste vorsieht.
Das grösste Problem bei diesem Projekt ist der Transport und die Verteilung des Stroms. «Desertec» bedingt einen massiven Ausbau der Übertragungskapazitäten nach und in Europa. Die Initialkosten dafür belaufen sich auf 30 bis 40 Milliarden Franken. Zudem stellt sich die Frage der politischen Stabilität der Staaten in der Sahara, die als Standorte vorgesehen sind. Ich schliesse nicht aus, dass dies längerfristig ein Beitrag an eine Lösung sein kann. Aber nicht in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren. Die nächste Generation Kernenergie brauchen wir einfach noch.
Das Berner Unternehmen Megasol schlägt nun vor, für rund 14 Milliarden Franken auf den Hausdächern Solaranlagen zu installieren, statt ein AKW zu bauen. Warum haben Sie diese Idee zurückgewiesen?
Die erste Frage, die sich hier stellt, ist: Wenn das Unternehmen ein Konzept hat, das so gut und ausgereift sein soll, warum kommt es zufällig erst gerade jetzt auf den Tisch?
Sie unterstellen den Initianten Abstimmungstaktik?
Die Frage ist zumindest erlaubt. Das Konzept ist offenbar so geheim, dass sie es uns nur in einer Präsentation vorstellen wollten. Der Sonntagspresse wurden die Grundzüge des Projekts aber bereits zugestellt. Auf die Frage, wie sie das Problem der Integration und der Speicherung der Energie lösen wollen, haben die Initianten bis anhin keine Antwort gegeben. Der Bau von hohen Kapazitäten im Solarbereich bedingt, dass Möglichkeiten vorhanden sind, die Energie zu speichern, weil die Energie äusserst ungleichmässig anfällt.
Der Betrieb eines Atomkraftwerkes bringt das Risiko eines Reaktorunfalls mit sich. Finden Sie es vertretbar, dass die Berner Bevölkerung diesem Risiko ausgesetzt wird?
Es gibt keine Technologie ohne Risiken. Immerhin wohnen die meisten Mitarbeitenden, welche die Anlage betreiben, in der Nähe. Bei den zukünftigen Anlagen werden zusätzliche, neuartige Sicherheitssysteme verwendet. Im Falle einer schweren Störung sind keine Eingriffe durch den Menschen nötig. Die Anlage wird durch Wasser gekühlt, das allein durch die Schwerkraft zufliesst.
Aber ein Restrisiko bleibt?
Es wird immer unterstellt, dass ein Zwischenfall einen grossen Schaden auslösen würde. Aus Kernkraftwerken westlicher Bauart ist noch nie in einem grossen Mass Radioaktivität ausgetreten. Die Sicherheitsstandards sind wirklich sehr hoch. Ich würde ohne weiteres in der Nähe von Mühleberg wohnen.
Doch wie erklären Sie sich, dass sehr viele Leute Angst vor einem Unfall haben?
Ich habe volles Verständnis für die Angst. Radioaktivität kann gefährlich sein. Deshalb muss man mit Respekt damit umgehen. Aber die Angst kommt wohl auch daher, dass der Mensch kein Sensorium für Radioaktivität hat. Bei Rauch kann der Mensch sehr genau einschätzen, wann es gefährlich ist und wann nicht. Bei Radioaktivität ist das anderes: Misst jemand irgendwo einige Masseinheiten Radioaktivität, kann er damit bereits Ängste auslösen, auch wenn die Strahlung vielleicht nicht stärker ist als diejenige der Granitplatte in der Küche.
In den letzten Tagen sorgte für Schlagzeilen, dass in Mühleberg auch ein Zwischenlager für die radioaktiven Abfälle geplant ist. Kommunizierte die BKW dies vorher bewusst defensiv?
Wir haben vielleicht die Sensibilität in dieser Frage in der Tat unterschätzt. Aus heutiger Sicht ist klar, dass wir dies zu wenig prominent hervorgehoben haben. Nun ist es den Kernenergiegegnern gut gelungen, dies zu einem Thema zu machen. Ein Lager gehört zum Betrieb. Auch in den in Betrieb stehenden Kernkraftwerken gibt es heute bereits solche Lager. Das ist in der Schweiz also nichts Neues. Neu ist die Dimensionierung und bezüglich Mühleberg, dass das Lager in einem separaten Gebäude vorgesehen ist. Den Vorwurf, dass wir dies aber verschwiegen hätten, weisen wir von uns.
Neu ist aber auch, dass hoch radioaktive Abfälle in Mühleberg gelagert werden.
...gelagert werden können. Eine definitive Lagerung in Mühleberg ist ausgeschlossen.
Was geschieht bei einem Nein?
Es ist klar, dass die BKW bei einem Nein über die Bücher gehen müsste, auch gemeinsam mit ihren Partnern.
Aber Sie wollen jetzt nicht die Aussage machen: Wenn das Berner Stimmvolk am 13.Februar Nein sagt, ziehen wir unser Projekt für ein neues AKW in Mühleberg zurück?
Nein, ich will die Beurteilung nicht vorwegnehmen. Erst wenn das Abstimmungsergebnis bekannt ist, liegen alle Fakten auf dem Tisch. Aber eines ist klar: Bei einem Nein hätte der Standort Mühleberg sehr schlechte Karten. (Berner Zeitung)
Erstellt: 28.01.2011, 08:53 Uhr
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10 Kommentare
Selbstverständlich spricht Herr Rohrbach nur rechtes über die Notwendigkeiten von AKW's -oder doch etwa nicht? Müsste er nicht auch sagen, dass die neuen Technologien schon vor mindestens zwanzig Jahren hätten neu aufgesetzt werden können, hätten wir -AKW Lobbysten -diese nicht verhindert? Und -eine definitive Lagerung in Mühleberg ausgeschlossen -wo denn sonst -Herr Rohrbach? Weit, weit weg? Antworten
Wenn ich Ulrich Scheidegger richtig verstanden habe,war er ein AKW Loobyist.Das erstaunt mich aber.Mir grauts vor zehntausenden von Windrädern auf dem Lande und in den Bergen.Ich verstehe nicht,dass Dieselben,die seit mehr als 20 Jahren gegen die Erhöhung der Grimsel Staumauer kämpfen, auch gegen Atomkraftwerke sind.Offensichtlich verbrauchen Diese keinen Strom,oder die Führsorge zahlt für sie. Antworten






