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«Wir sind keine Fundamentalisten»

Von Susanne Graf. Aktualisiert am 05.08.2011 12 Kommentare

Ihre Mitglieder gelten als fromm, evangelikal, fundamentalistisch – und fühlen sich stigmatisiert. Nach den Anschlägen in Oslo sah sich die Evangelische Allianz zu einer offiziellen Stellungnahme genötigt. Zentralsekretär Hansjörg Leutwyler erklärt, weshalb.

Hansjörg Leutwyler wehrt sich als Zentralsekretär der Evangelischen Allianz dagegen, dass Mitglieder der Freikirchen mit Fundamentalismus in Verbindung gebracht werden.

Hansjörg Leutwyler wehrt sich als Zentralsekretär der Evangelischen Allianz dagegen, dass Mitglieder der Freikirchen mit Fundamentalismus in Verbindung gebracht werden.
Bild: zvg

Zur Person

Hansjörg Leutwyler ist Zentralsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz. Der 57-jährige Vater von vier erwachsenen Kindern lebt mit seiner Frau in Suhr. Er ist Mitglied der Minoritätsgemeinde aus der evangelisch-reformierten Landeskirche Aarau.

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Herr Leutwyler, warum äusserte sich die Evangelische Allianz zu den Anschlägen in Oslo?
Hansjörg Leutwyler: Zum einen wollten wir unsere Bestürzung zum Ausdruck bringen. Zum andern hiess es in den Medien, der Attentäter sei gläubiger und fundamentaler Christ. Beide Bezeichnungen werden oft auch mit uns in Zusammenhang gebracht.

Sie wollten sich distanzieren?
Es störte uns, dass zuerst Muslime hinter den Attentaten vermutet wurden. Als sich das nicht erhärtete, sollten es gleich die gläubigen Christen gewesen sein. Das sind bekannte Mechanismen.

Was meinen Sie?
Ein grosser Teil unserer Mitglieder ist freikirchlich. Freikirchen werden oft als fromm, evangelikal, fundamentalistisch bezeichnet. Klar sind wir fromm, gläubig ...

...«fromm» ist für Sie kein Schimpfwort?
Nicht unbedingt. Uns stört es mehr, wenn Freikirchen im abwertenden Sinn von den staatlich anerkannten Kirchen unterschieden werden. Diese Unterscheidung gibt es weltweit fast nur bei uns. In Italien oder Griechenland beispielsweise gehören auch die Reformierten zu den Freikirchen. Gläubige, Fromme gibt es jedoch in allen Kirchen.

Was ist der Unterschied zwischen einem «frommen» und einem «normalen» Christ?
Es gibt zwei Zugänge zum Christsein: den liberalen, der nicht sicher ist, ob es einen Gott gibt, der Wunder tut. In Jesus Christus sieht er einen guten Menschen und Lehrer, der aber gestorben ist und fertig. Den anderen Zugang, der oft als evangelikal bezeichnet wird, möchte ich lieber «zentral» nennen. Er geht davon aus, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, der Wunder tat, der gestorben und auferstanden ist – so, wie es in der Bibel steht. Dieser zweite Zugang ist das Markenzeichen der Evangelischen Allianz...

...und gilt für viele als fundamentalistisch.
Fundamentalismus im Sinne von Intoleranz gegenüber anderen ist falsch. Diesen gibt es da und dort – auch unter Liberalen. Wie man mit dem Glauben umgeht, hat doch nichts zu tun mit dem Glaubenszugang. Deshalb ist es undifferenziert, den zentralen Glaubenszugang mit Fundamentalismus gleichzusetzen.

«Zentrale» Christen nehmen die Bibel sehr wörtlich und beharren etwa darauf, dass die Erde in sechs Tagen erschaffen wurde.
Wir gehen davon aus, dass es einen Schöpfergott gibt. Wie er die Welt erschaffen hat, darüber sind sich die Gläubigen in unseren Reihen auch nicht einig. Demgegenüber wird die Evolutionslehre in den Schulen ebenso oft fundamentalistisch als einzige Möglichkeit propagiert. Interessant ist doch, dass trotz aller Evolutionslehre immer noch 65 Prozent der Bevölkerung an einen Schöpfer glauben.

Schreitet Ihr Verband ein, wenn junge Lehrer nur die Schöpfungsgeschichte gelten lassen?
Ich kenne kein konkretes Beispiel, wo das gemacht wurde. Ein Lehrer muss die Evolutionstheorie lehren. Aber so wie politische Haltungen unweigerlich durchscheinen, muss der Lehrer auch in Glaubensfragen nicht immer neutral bleiben. Wichtig ist Transparenz und dass Schüler zu nichts gezwungen werden.

Sie sehen also keinen Grund, «Fromme» an den pädagogischen Hochschulen zur Mässigung anzuhalten?
Nein. Junge malen schwarz-weiss, das gehört zum Jungsein. Später sieht man vieles differenzierter. Wenn sich Lehrer nicht an die Vorgaben hielten, würden Schulbehörden eingreifen. Aber davon höre ich nichts.

Versucht die Evangelische Allianz, Einfluss zu nehmen auf die öffentliche Volksschule?
Im Zusammenhang mit dem neuen Lehrplan haben wir uns geäussert. Wir möchten, dass in der Schule weiterhin biblische Themen besprochen werden.

Intensiver als Themen anderer Religionen?
Ja. Weil wir als Kulturchristenvolk wissen müssen, woher wir kommen.

Hält die Evangelische Allianz am Missionieren fest?
Durchaus. Wer ein gutes Restaurant kennt, behält das ja auch nicht für sich.

Geraten Sie damit in Konflikt mit dem Islam in der Schweiz?
Das sehe ich entspannt. Ich habe lange in islamischen Ländern gearbeitet und genoss es, mit muslimischen Kollegen zusammenzusitzen und über den Glauben zu diskutieren. Nie hiess es dort, «wir haben alle den gleichen Gott, wir sind alle gleich». Das fände ich schlimm.

Das fänden Sie schlimm?
Mit solchen Aussagen bevormundet man den andern. Man gibt ihm zu verstehen, dass nicht wichtig sei, was er glaube, da ja alle gleich seien. Aber er will vielleicht gar nicht gleich sein. Den eigenen Zugang zum Glauben glaubwürdig zu leben, hilft der Verständigung zwischen Völkern und Religionen mehr als Gleichmacherei oder Konfrontation.

Was sagen Sie zum Minarettverbot?
Wir waren gegen das Verbot.

Haben Sie keine Angst, dass der Islam Europa überrollt?
Man muss differenzieren: Dem politischen Islam, der hier Fuss fassen will, muss man entgegenhalten. Es wäre blauäugig, beispielsweise eine Imamausbildung zuzulassen, in der Hoffnung, den politischen Islam beeinflussen zu können.

Aber?
Dass der Islam in die Schweiz gekommen ist, hat auch sein Gutes: Es fordert uns heraus, über unseren Glauben nachzudenken. Dabei bietet uns die Bibel Lebensweisheit, die zu beachten uns in vielen Gebieten gut täte.

Woran denken Sie?
An soziales Handeln etwa oder an den Umgang mit der Sexualität und der Schöpfung. Deshalb wünschte ich mir einen etwas entspannteren Umgang mit Leuten, die einen starken Glauben haben.

Denken Sie, dass fromme Christen in der Schweiz stärker stigmatisiert werden als Gläubige anderer Religionen?
Ja. Die Schweiz scheint ihrem eigenen Hintergrund gegenüber kritisch eingestellt zu sein.

Weshalb?
Keine Ahnung. Aber was ist falsch daran, wenn jemand sagt, er wolle treu sein? Er wolle nicht mehr nur gamen, sondern sich sozial engagieren? Was ist falsch daran, wenn sich einer nicht mehr prügelt? – Selbst wenn der Grund dafür ein frommer Glaube sein sollte?

Die SVP will sich laut ihrem Parteiprogramm auch einsetzen für christlich-abendländische Werte. Sind Sie froh darüber?
Der SVP geht es wohl weniger um eine Glaubenshaltung als um Kulturchristentum. Wenn sie sich auch für Familien einsetzen will, ist das schön. Aber die Armen weltweit und das soziale Engagement gehören ja nicht unbedingt zu ihren grossen Stärken.

Die SVP findet, die Kirchen müsse sich auf Seelsorge und Verkündigung konzentrieren und sich nicht in die Tagespolitik einmischen.
Die Kirche muss sich – neben einer biblisch verankerten Verkündigung und Seelsorge – auch politisch einbringen. Christsein schliesst den Glauben am Montag mit ein. Wir leben in der fast einmaligen Situation, in der alle im Land eingeladen sind, sich am politischen Prozess zu beteiligen. Das ist Privileg und Pflicht. Dieser Verantwortung muss und soll sich auch die Kirche stellen und sich meinungsbildend einbringen, insbesondere dort, wo es um Werte geht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.08.2011, 12:04 Uhr

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12 Kommentare

Zeller Daniel

05.08.2011, 17:25 Uhr
Melden 35 Empfehlung

Dieses Interview finde ich sehr hilfreich und informativ. Ich glaube, dass die Antworten von Hansjörg Leutwyler einen grossen Teil der bekennenden Christen in der Schweiz repräsentieren. Ich wünsche mir viel mehr solche und ähnliche Berichte in den Medien. Mit diesem Interview ist ein bekennender Christ zu Wort gekommen und nicht nur, wie so oft, einer der Sektenexperten. / Pastor FEG Thierachern Antworten


Werner Grylka

05.08.2011, 16:28 Uhr
Melden 31 Empfehlung

Frau Susanne Graf hat gute Fragen an einen kompetenten Mann gestellt, der weiss, wovon er spricht.. Bravo an beide! Dieses Inverview finde ich hilfreich und informativ. Antworten



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