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«Will ein Mann reduzieren, ist er weg vom Fenster»

Von Susanne Graf. Aktualisiert am 05.11.2010 1 Kommentar

Dori Schaer ist überzeugt: Die Gleichstellungskommission des Kantons Bern hat in den ersten 20 Jahren viel erreicht. Aber entbehrlich sei sie deswegen noch lange nicht, sagt die Präsidentin der Kommission und frühere SP-Regierungsrätin.

Viel erreicht, aber noch nicht am Ziel: Dori Schaer, die Präsidentin der Gleichstellungskommission
des Kantons Bern, will auch künftig für die Gleichstellung von Frau und Mann sensibilisieren.

Viel erreicht, aber noch nicht am Ziel: Dori Schaer, die Präsidentin der Gleichstellungskommission des Kantons Bern, will auch künftig für die Gleichstellung von Frau und Mann sensibilisieren.

Feier im Rathaus

Die ständige ausserparlamentarische Kommission hat seither mehrere Berichte veröffentlicht, die Anstösse für staatliches Handeln gaben. Thematisiert hat sie etwa die Gewalt zwischen Frauen und Männern, den Schutz von Migrantinnen bei häuslicher Gewalt und die politische Förderung der Frauen. Mit ihren Gewaltberichten hat die Fachkommission «wesentlich zur Enttabuisierung häuslicher Gewalt» beigetragen, schreibt die Kommission. Ihre Empfehlungen an Regierung und Verwaltung gipfelten etwa in einem Interventionsprogramm gegen häusliche Gewalt und einem Aktionsprogramm zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dass bezüglich Gleichstellung immer noch Handlungsbedarf bestehe, schliesst die Kommission aus dem Interesse an der Jubiläumstagung: Über 200 Personen hätten sich für die heute im Ratshaus stattfindenden Podiumsdiskussionen angemeldet, freut sich Präsidentin Dori Schaer.

Frau Schaer, war es vor 20 Jahren nicht schön, Frau zu sein?
Dori Schaer: Wenn sie Karriere machen wollten, mussten Frauen für ihre Rechte mehr kämpfen. Allerdings habe ich auch erlebt, dass ich gefördert wurde, weil ich eine Frau war. Als ich dann Regierungsrätin war, wurde ich intensiver beobachtet als die Kollegen. Als Frau musste ich stärker beweisen, dass ich «es kann».

Konnte die Gleichstellungskommission hier Abhilfe schaffen?
Die Kommission konnte für die Gleichstellung von Frau und Mann sensibilisieren und unter anderem Beiträge leisten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch zum Thema häusliche Gewalt und Familie konnten wir viel initiieren.

Wenn die Kommission so viel erreicht hat: Braucht es sie heute überhaupt noch?
Es braucht sie immer noch sehr. Noch immer verdienen Frauen für gleiche Arbeit weniger, besetzen im bernischen Parlament nur gut ein Viertel der Sitze und sind in den Chefetagen der Unternehmen kaum vertreten. Gegenwärtig sind wir zudem daran, die Strategien des Regierungsrats in Bezug auf die Gleichstellung unter die Lupe zu nehmen. Und ich spreche bewusst von Gleichstellung und nicht nur Frauenförderung.

Wollen Sie jetzt mehr den Männern zu ihrem Recht verhelfen?
Nicht mehr – aber auch. Deshalb überprüfen wir etwa die regierungsrätlichen Strategien auf ihre Kongruenz hin.

Haben Sie ein Beispiel?
Die Volkswirtschaftsdirektion will die Frauen im Beruf behalten. Die Gesundheitsdirektion will die häusliche Pflege aktivieren. Doch wer macht die Pflege zu Hause? Die Frauen.

Ihre Kommission kann kaum bewirken, dass ein Mann plötzlich seine kranke Mutter pflegt.
Halt! Ich kenne Männer, die das gern tun. Sie müssen aber wie Frauen beruflich entlastet werden können. Aber so wie viele Frauen schlicht keine Lust haben, Karriere zu machen, werden sich viele Männer nicht darum reissen, Angehörige zu pflegen, aber vielleicht bei ihren Kindern zu sein. Wir wollen niemanden zu etwas verpflichten, sondern Möglichkeiten schaffen. Heute ist es doch so: Wenn ein Mann im Job reduzieren will, ist er weg vom Fenster. Es heisst, ihm sei der Job zu wenig wichtig, und er kann froh sein, wenn er die Stelle behält. Karriere macht er garantiert keine mehr. Es muss möglich werden, dass Männer und Frauen auch in Kaderpositionen reduziert arbeiten können.

Und wenn sich das nicht organisieren lässt?
Früher sassen Kadermänner nebenbei in Verwaltungsräten und machten Militär. Also hatten sie auch Teilzeitjobs. Das ging. Wenn sie sich heute in der Familie engagieren möchten, heisst es, das gehe nicht. Dem muss man entgegenwirken.

Trotzdem: Betreibt die Gleichstellungskommission jetzt nicht Gleichmacherei?
Es geht um Gleichwertigkeit. Jede Person soll gemäss ihren Möglichkeiten und Neigungen ihr Leben gestalten dürfen. Es darf keine Stereotypen geben, die sagen, was eine Frau und was ein Mann zu machen hat.

Aber wollen junge Väter überhaupt reduzieren?
Nur zwei, drei Prozent der Väter arbeiten Teilzeit. In vielen Gesprächen höre ich, dass sie gerne reduzieren würden. Aber in ihrem Job ist das schlicht nicht vorgesehen. Deshalb versuchen wir, Unternehmen aufzuzeigen, dass es sich lohnt, Strukturen zu schaffen, in denen Teilzeitarbeit möglich ist. Als Regierungsrätin profitierte ich, wenn ich eine Stelle aufteilte: Ich hatte auf 100 Stellenprozente zwei Menschen mit ihrem ganzen Wissen und einem Einsatz, der meist grösser war als bei Vollzeitangestellten. Der Gewinn war grösser als der organisatorische Mehraufwand.

Stellen Sie in den Unternehmen ein Umdenken fest?
Ein langsames Umdenken findet statt. Weil man als Gesamtgesellschaft sieht, dass es ein Unding ist, Frauen teuer auszubilden, ihr Wissen danach aber brachliegen zu lassen.

Wenn die Gesellschaft ohnehin umdenkt, könnte der Staat das Geld für die Gleichstellungskommission erst recht sparen.
Wir tragen zu diesem Umdenken bei. Zudem arbeiten wir fast ehrenamtlich. Unsere Kommission mit 21 Mitgliedern hat ein Budget von 10000 Franken pro Jahr. Damit können wir nicht operativ arbeiten, aber wir können Bedürfnisse der Bevölkerung aufnehmen, aufarbeiten und der Fachstelle für Gleichstellung, der Regierung und der Öffentlichkeit Anregungen geben.

Dori Schaer (SP) war 1992–2002 Berner Regierungsrätin. Die 68-Jährige lebt in Bern, ist verwitwet, hat zwei Kinder und ein Grosskind. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.11.2010, 10:37 Uhr

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1 Kommentar

Urs Muntwyler

06.11.2010, 14:40 Uhr
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Frau Schär hat recht. Wenn ich als Arbeitgeber junge Männer frage, was sie wollen, ist es oft weniger ein höherer Lohn als vielmehr eine reduzierte Beschäftigung. Dies primär um sich der Familie oder sozialem Engagement zu widmen. Antworten



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