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Wie der Schokolade- und Uhrenkanton Bern unter die Räder kam

Von Stefan von Bergen. Aktualisiert am 09.05.2011 9 Kommentare

In der Ära der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), der heutigen SVP, gerät der strukturschwache Kanton Bern wirtschaftlich in eine Abwärtsspirale. Er schrumpft auch deshalb, weil er im fruchtlosen Jura-Konflikt an Boden verliert.

1/5 Ausgezogen: Nach der Fusion und dem Verkauf von Chocolat Tobler wird deren Fabrik im Stadtberner Länggassquartier 1985 geschlossen und zur universitären Bildungsfabrik Unitobler umgebaut.
Keystone

   

Der Verteidigungsminister und EMD-Vorsteher Rudolf Gnaegi auf einer Aufnahme aus dem Dezember 1975. (Bild: Keystone )

Rudolf Gnägi

Der 1917 im Seeländer Bauerndorf Schwadernau geborene Gnägi verkörpert jene bernische BGB-Behäbigkeit, die früher bis auf den politischen Karrieregipfel führen konnte. Der nicht gerade charismatische, seriöse Schaffer und Fürsprecher betritt 1945 als Sekretär der BGB und des Bauernverbandes die zäh aufwärtsführende Ämterochsentour.

1952 wird er Regierungsrat, 1953 auch Nationalrat. 1966 erringt er den quasi garantierten Bundesratssitz der Berner Staatspartei BGB. Sein bisweilen unverrückbares Weltbild prädestiniert ihn für das Militärdepartement, wo er die Modernisierung der Armee vorantreibt. Für Kritiker ist Gnägi ein strammer Kalter Krieger. 1979 tritt er zurück. Er stirbt 1985 in Spiegel, Bern.

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Am 24. November 1917 schlägt Rudolf Minger, Bauer und Agrarpolitiker aus Schüpfen, im Stadtberner Bierhübeli-Saal Töne an, wie man sie im Bernbiet noch nicht gehört hat. Er wettert gegen die «zersetzende Überindustrialisierung», die «Versuchung der Grossstadt». Und attackiert den mit der Industrie verbandelten Freisinn, der in der Versorgungskrise des Ersten Weltkriegs die Bauern im Regen stehen lasse. Am Ende lässt Minger eine Bombe platzen: Er ruft zur Gründung einer Berner Bauernpartei auf. Das ist eine Kampfansage an das Establishment. Minger fordert auch den Wechsel zum Proporzwahlrecht, damit die neue Partei an die Macht komme.

Umgepflügte Politlandschaft

Mit Mingers Auftritt beginnt eine Berner Revolution. Keine blutige und sozialistische wie die russische Oktoberrevolution, die Lenin wenige Wochen vorher lostrat. Aber der charismatische Populist Minger und seine Bauernbewegung sind so stark, dass sie die Ära des Freisinns beenden und eine im Kanton bis heute spürbare konservative Wende einläuten.

Man kann Mingers Parteigründung als Gegenreaktion und Schubumkehr verstehen nach der überhitzten Industrialisierung und Verstädterung. Aber es ist mehr. Bauer Minger pflügt gezielt die Berner Politlandschaft um. Er gründet eine konservative Volkspartei, die sich geschickt auf mehrere gesellschaftliche Gruppen stützt und sich «Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei» (BGB) nennt. Diese gibt sich als Bewahrerin der Tradition, die sie vor allem von links bedroht sieht. Die BGB heisst ab 1971 SVP. Deren Kopf Christoph Blocher orientiert sich bis heute gern an Bauernführer Minger.

Erste Macht im Staat

Die Machtübernahme erfolgt 1919, bei den ersten Nationalratswahlen nach Proporzwahlrecht. Die BGB erobert auf Anhieb 16 der 32 Berner Nationalratssitze. 1922 holt sie bei den ersten kantonalen Proporzwahlen 110 der 224 Grossratssitze. Zahllose Freisinnige sind zu ihr übergelaufen. Bis 1938 regiert sie mit absoluter Mehrheit. Von 1946 bis 1986 garantieren vier Köpfe der BGB – später der SVP – zusammen mit zwei Freisinnigen die konservative Mehrheit im Berner Regierungsrat, dem auch drei Sozialdemokraten angehören. Die drei Parteien bilden bald ein eingespieltes Machtkartell.

Auf dem Land ist die BGB die unangefochtene Macht. Ihre Lokalfürsten sorgen dafür, dass der staatliche Geldfluss keine Randregion auslässt. Die neue Politelite des Kantons, eine Allianz von Bauern und Gewerblern, hat ein anderes Verständnis vom Staat als die Bahn- und Strompioniere von 1900: Er soll nicht in riskante Grossprojekte investieren, sondern herkömmliche Strukturen, Boden und Bauern schützen. Nicht zuletzt vor den Härten des Markts. Das ist auch im Sinn der Sozialdemokraten.

Stagnation als BGB-Erbe?

Mingers Bewegung verliert bald ihre defensive Kraft und wird zur behäbigen Staatspartei. «Die BGB ist strukturerhaltend, bremsend und wendet sich von den Wachstumsbranchen ab», sagt Christian Pfister, emeritierter Berner Geschichtsprofessor. Er wählt deutliche Worte wie einst Minger: «Ab 1920 fällt die Berner Wirtschaft unter der BGB-Ägide in den alten Trott zurück und begnügt sich fortan mit dem gemütlichen Charme von Käse, Bergen, Uhren und Schokolade.»

Sind die BGB und ihre Nachfolgerin SVP verantwortlich für Berns wirtschaftlichen Kriechgang? Der Historiker Christian Lüthi anerkennt zwar, dass unter Führung der wachstumsskeptischen BGB ein «Entwicklungsknick» erfolgt. Es fehle aber leider an interkantonalen Vergleichen, die die ökonomischen Folgen einer bestimmten Parteikonstellation belegen würden.

Auch der Politikwissenschaftler und Historiker Claude Longchamp macht die BGB nicht allein für die Stagnation verantwortlich: «Der Kanton Bern atmet zwar bis heute einen boden- und bauernorientierten, antistädtischen SVP-Geist, das Berner Malaise hat aber tiefere Gründe.» Longchamp sieht den Kanton langfristig gefangen in einer Konstellation der Dezentralität. Und regiert von einem Parteienkartell ohne politische Vision und ohne Vorwärtsstrategie.

Demografisch überholt

Die jüngere Berner Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik ist wenig erforscht, deutliche Zäsuren markieren aber ihren Verlauf. Mitte der 1940er-Jahre wird Bern als bevölkerungsreichster Kanton überholt von Zürich. Berns Anziehungskraft für Zuwanderer ist bloss mittelmässig. Während Zürichs Kantonsbevölkerung bald die Millionengrenze übertrifft, verharrt Bern bis heute knapp darunter.

Zur gleichen Zeit verpasst Bern eine vielleicht entscheidende Weichenstellung, als es um den Anschluss an ein weiteres technisches Grosssystem geht: den Flugverkehr. In einer nationalen Debatte werden mehrere Standorte für einen internationalen Flughafen diskutiert. Neben Zürich-Kloten und Basel hat auch die flache Berner Landgemeinde Utzenstorf gute Karten.

Bauern bodigen Airport

1942 geben Kanton und Stadt Bern ein Utzenstorfer Flughafenprojekt in Auftrag. Bevor es Luft unter die Flügel bekommt, wird es mit geballter Berner Bauernpower gebodigt. Ein Aktionskomitee dirigiert den Widerstand der in der BGB organisierten Bauern, die für den Flughafen Land abtreten müssten. An Protestversammlungen fragen die Bauern: Pflug oder Flugzeug? Kornkammer oder Steppe? 1945 beerdigt der Nationalrat mit 130 zu 7 Stimmen das Projekt. Bald darauf erhält Zürich-Kloten den Zuschlag als Gate zum Himmel.

Wäre der Kanton Bern heute wettbewerbsfähiger, wenn er damals den Nationalflughafen erhalten hätte? «Es ist unbestritten, dass erst ein internationaler Flughafen ein Wirtschaftszentrum zur Metropolitanregion macht», sagt Claude Longchamp. Aber er glaubt nicht, dass ein Flughafen Utzenstorf an Berns Rückstand und an der ökonomischen Überlegenheit von Zürich viel geändert hätte: «Utzenstorf hätte nicht rentiert, Kloten ist der richtige Standort.»

Toblerone allein reicht nicht

Die Politik ist nicht allein verantwortlich für den Abwärtsstrudel, in den der Kanton Bern nach dem Zweiten Weltkrieg gerät. Versagt haben auch die Nachfolger der einst dynamischen eingewanderten Firmengründer. Den Niedergang der Berner Nahrungsmittelindustrie hat der Burgdorfer Historiker Thomas Fenner exemplarisch aufgearbeitet. Sein Buch «Die Milchwelle» verfolgt Aufstieg und Fall der Berneralpen-Milchgesellschaft in Stalden bei Konolfingen.

Die 1892 gegründete Herstellerin der legendären Stalden-Crème gedeiht vorerst dank Subventionszuschüssen und der Produktionsauslagerung ins billigere Ausland. Weil Milch durch die Verbreitung des Kühlschranks haltbar wird, bricht das Geschäft mit der Kondensmilch ab den 1950er-Jahren ein. Überdies verpasst die Milchgesellschaft die Internationalisierung und Diversifizierung. Beides hat ihr der damals schon global tätige Konkurrent Nestlé aus Vevey voraus.

Fenner beschreibt die Falle, in die die Berner Nahrungsmittelfirmen tappen. Die Milchgesellschaft, aber auch Chocolat Tobler oder Wander sind allzu ausschliesslich auf Klassiker wie die Stalden-Crème, die Toblerone und die Ovomaltine ausgerichtet. Diese verkaufen sich zwar noch gut, ihr Reifezyklus aber läuft ab, ihr Potenzial ist ausgeschöpft. Weil sich die Firmen nicht innovativ mit neuen Produkten an die veränderliche Nachfrage anpassen, trifft sie der Exporteinbruch der 1970er-Jahre hart.

Verlust der Eigenständigkeit

Obwohl weltberühmt, sind die Berner Traditionsfirmen als Grosse der Branche zu klein und als Kleine zu gross. 1971 wird die Milchgesellschaft von der Nestlé übernommen, die heute noch Werke in Konolfingen betreibt. Tobler fusioniert 1970 mit Suchard. 1985 wird die Tobler-Fabrik im Berner Länggassquartier geschlossen und die Produktion nach Brünnen ausgelagert. 1991 geht Tobler in der Philipp-Morris-Gruppe auf. Die Wander AG wird 1967 von der Basler Sandoz übernommen und später an Associated British Foods mit Anlagen in Neuenegg veräussert.

Christian Pfister, der Fenners Studie als Dozent betreute, weitet den Befund noch aus: Die Berner Wirtschaft basiere vor 1970, in noch höherem Ausmass als die Schweizer Wirtschaft, auf einseitigem «Breitenwachstum». Sie stelle, vereinfacht gesagt, neben eine erfolgreiche Fabrik eine zweite und dritte nach demselben Muster. Die Vervielfältigung traditioneller Erfolgsrezepte und die verpasste Innovation räche sich spätestens in der Ölkrise der 1970er-Jahre, als sich die Nachfrage verändere und die Konkurrenz verschärfe. «Der Kanton Bern verschläft den Übergang von der Industrie- zur Konsumgesellschaft mit ihrer Massenproduktion», bilanziert Pfister.

Der Stocker-Risch-Schock

Das ist kein nachträglicher und zugespitzter Befund. 1968 enthüllen der Berner Volkswirtschaftsprofessor Paul Stocker und Paul Risch, Professor für Fremdenverkehr, das Berner Malaise in ihrer Analyse «Einkommenslage und Wirtschaftsstruktur des Kantons Bern». Der Stocker-Risch-Bericht ist eine Auftragsarbeit des Regierungsrats. Ausgelöst wird er durch einen Vorstoss im Grossen Rat, aufgrund der «unerfreulichen Finanzlage» und «schwachen Entwicklung der Steuereinnahmen».

Stocker und Rischs Röntgenaufnahme der Berner Wirtschaft ist umfassend – und alarmierend. Ihre wichtigsten Erkenntnisse: Der Berner Ertrag aus der Wehrsteuer, der heutigen direkten Bundessteuer, ist im nationalen Vergleich der Kantone unterdurchschnittlich und sinkend. Der Agrarsektor ist überdurchschnittlich gross, der Industrie- und der Dienstleistungssektor sind vergleichsweise klein. Stocker und Risch machen eine «starke Überbelegung» in der Uhren- und der Nahrungsmittelbranche aus. Sie erkennen ein tiefes Branchenlohnniveau und ungünstige Strukturen: Vielen Klein- und Mittelbetrieben stehen wenige Grossbetriebe mit Rationalisierungsrückständen gegenüber. Auch im Tourismus hinkt Bern hinterher.

Prophetisch wirkt Stocker und Rischs Befund zur Uhrenindustrie: «Hersteller von Kleinuhren, allen voran die Japaner, weisen uns den Weg aus dem Strukturmalaise: Die Fabrikation kleiner Serien eignet sich für Spezialitäten, beim Gros der Produktion aber muss der Massenproduktion Rechnung getragen werden.» Wenige Jahre später wird der Markt überschwemmt von japanischen Billigquarzuhren. Die Uhrenindustrie im Jura hat diese Innovation verpasst und bricht dramatisch ein. Bis 1990 verliert sie über 80 Prozent ihrer Arbeitsplätze. Berns ökonomisches Zugpferd ist halb tot.

Überrollt von der Moderne

Der Stocker-Risch-Bericht ist ein Schock. Immerhin löst er im trägen BGB-Land Gegenwehr aus. 1971 entsteht die kantonale Wirtschaftsförderung, die aktiv Unternehmen ansiedeln und so den Steuerertrag verbessern soll. Stocker und Risch schlagen gar die Schaffung einer «kantonalen Entwicklungsgesellschaft» vor, die der Berner Kantonalbank unterstellt ist und auch «zulasten der Staatsrechnung» Darlehen sprechen soll. Bei den Kreditinvestitionen in bisweilen krisenhafte Strukturen und in die Randregionen spielt Paul Risch, bis 1986 in der Dreierspitze der Kantonalbank, selber eine wichtige Rolle.

Der Kanton pusht ab den 1960er-Jahren den Strassenbau und sucht Anschluss an das jüngste der grossen technischen Systeme: die Autobahn. 1975 entsteht an der Autobahn bei Schönbühl das Shoppyland, eines der ersten Schweizer Einkaufszentren auf der grünen Wiese. Indem Bern die neuen Wege des Fortschritts und Konsums begeht, zieht es jene Modernisierung an, der es nicht richtig gewachsen ist. Die Zersiedelung der Landschaft setzt ein. Und weil die Autobahnen parallel zu den Eisenbahnlinien verlaufen und Zentren verbinden, verschärfen sie das wirtschaftliche Gefälle zwischen Mittelland und Randregionen noch.

Die Zunahme der Mobilität und der Pendler führt im Kanton Bern eher zu einem Abfluss von qualifizierten Kräften als zu einem Zufluss, weil in anderen, dynamischeren Kantonen mehr Arbeitsplätze entstehen. Im Grossraum Bern setzt die Agglomerationsbildung ein. Fabriken in der Stadt wie die von Chocolat Tobler werden geschlossen und umgenutzt. Bern wandelt sich zur Stadt der Dienstleistung und der wertschöpfungsschwachen öffentlichen Verwaltung.

Kräfteverschleiss im Jura

Es brennt an der Wirtschaftsfront, aber der Kanton Bern löscht auf einem ganz anderen Schauplatz: im peripheren Jura. 1947 eskaliert dort der Konflikt, weil der Grosse Rat dem jurassischen Regierungsrat Georges Möckli den Wechsel in die Baudirektion verweigert. Die Berner wollten sie germanisieren und unterdrücken, behaupten viele Jurassier. In Delsberg protestieren Hunderte für Möckli.

Separatistische Organisationen entstehen, die – beflügelt von Unabhängigkeitsbewegungen im Baskenland oder in Nordirland – die Abtrennung von Bern verlangen. Der Kanton lenkt zu spät ein und wird bestraft für die Vernachlässigung der Infrastruktur im Jura. Extreme Separatisten verüben selbst in der Stadt Bern Gewaltattacken. 1978 endet eine Kaskade von Volksabstimmungen mit der Schaffung des Kantons Jura. Die Amtsbezirke im Südjura verbleiben bei Bern. Vielleicht hat der Jura-Konflikt Berns Kräfte absorbiert und so sein wirtschaftliches Fortkommen behindert. Sicher ist, dass der Verlust eines Kantonsteils in der ganzen Schweiz sichtbar macht, dass das einst stolze Bern auf das Mittelmass geschrumpft ist. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.05.2011, 16:03 Uhr

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9 Kommentare

Jacqueline Gafner

25.04.2011, 13:58 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Von nichts kommt nichts, auch nicht im Fall von Bern. Die höchst informative und spannend geschriebene BZ-Serie kann dazu beitragen, die Fehler der Vergangenheit in der Gegenwart und Zukunft möglichst nicht zu wiederholen.
Das ist die Art von engagiertem Journalismus, von der man sich mehr wünschen würde, gerade auch in Bern. Danke!
Antworten


kurt habegger

23.04.2011, 15:45 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Heute haben wir eine rot-grüne Regierung, die dem Kanton Bern den Rest gibt und durch ihren Zentarlisationsfimmel die ländlichen Regionen entvölkern will. Wer will diesem Vorhaben entgegentreten - wieder einmal die Landwirte mit ihrer SVP - leider hat man vergessen, dass nur der bürgerliche Schulterschluss Unheil vermeiden kann - die FDP sägt am eignen Ast und die BDP ist bei Rot-Grün mit im Bunde Antworten



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