Wie Spitäler ihre Qualität messen
Von Brigitte Walser. Aktualisiert am 14.10.2011 2 Kommentare
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Händehygiene ist ein Teil der
Qualitätsstrategie. (Bild: Markus Hubacher)
Qualitätsinstitut
Der Bundesrat will die Qualität stärken. Dank eines nationalen Qualitätsprogramms ab 2012 sollen die Bereiche Spitalinfektionen, Medikationssicherheit und Sicherheit bei Operationen verbessert werden. Ausserdem wird der Bundesrat dem Parlament die Gründung eines Qualitätsinstituts vorschlagen. Der bestehende Verein ANQ soll darin integriert werden. Zur Finanzierung des Instituts schlägt der Bundesrat eine Abgabe pro Versicherten von rund drei Franken pro Jahr vor, wie das Bundesamt für Gesundheit Anfang Sommer in einer Medienmitteilung festhielt.
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An den Wänden im Spital Frutigen hängen Plakate: «Fehler vermeiden – helfen Sie mit!», steht darauf. Patienten erhalten beim Eintritt eine Broschüre zum Thema Sicherheit im Spital. Darin werden sie etwa ermuntert, nachzufragen, falls unerwartet eine zusätzliche Tablette bei ihren Medikamenten liege. Dies helfe, Fehler bei der Medikation zu verhindern. Broschüre und Plakate sind Teil der Qualitätsstrategie des Spitals Frutigen, das zur Spitalgruppe fmi gehört.
Mit der nationalen Einführung der neuen Spitalfinanzierung 2012 soll Qualität eine neue Bedeutung erhalten: Dank verstärktem Wettbewerb suchen sich Patienten ein Spital vermehrt nach Qualitätskriterien aus, so die Hoffnung an die Reform. Der Bundesrat plant zudem ein nationales Qualitätsinstitut, und die Kantone haben für das Erstellen der Spitalliste teilweise Qualitätskriterien berücksichtigt. Diese sind allerdings umstritten.
Qualität vor Ort
Im Spital Frutigen, genau wie in anderen Spitälern auch, befasst man sich schon lange mit dem Thema Qualität. Reto Weber ist seit 2003 Qualitätsbeauftragter. Der Co-Chefarzt Medizin plant und koordiniert Qualitätsstrategien, «doch Qualität mache ich nicht, jedenfalls nicht vom Schreibtisch aus», sagt er. Qualitätsarbeit müsse vor Ort geleistet werden, und zwar von Ärzteschaft und Pflege. Bei bestimmten Themen sind weitere Fachleute involviert, an der Hygienestrategie etwa beteiligen sich der Küchenchef und der Leiter des technischen Dienstes.
Die Qualitätsbemühungen erfolgen teils auf freiwilliger Basis, teils sind sie vorgeschrieben. Im Kanton Bern haben sich die Spitäler 2007 verpflichtet, Messungen durchzuführen, und jährlich veröffentlichen sie einen Bericht. Das Krankenversicherungsgesetz verpflichtet Spitäler zudem, den Behörden Daten bekannt zu geben, die zur Qualitätskontrolle nötig sind.
Auf freiwilliger Basis arbeitet das Spital Frutigen mit der Zertifizierungsstelle Sanacert Suisse zusammen. Acht Bereiche hat Sanacert im Oberländer Spital überprüft, von der Hygiene über den Umgang mit kritischen Zwischenfällen bis hin zum Beschwerdemanagement. Für jeden Bereich hat das Spital Ziele definiert und entsprechende Massnahmen ergriffen. Diese mussten einer Überprüfung durch Sanacert vor Ort standhalten. Reto Weber besucht selbst als Gutachter für Sanacert Spitäler in der ganzen Schweiz. «Dabei lerne ich sehr viel», sagt er.
Im Bereich Hygiene hat das Spital Frutigen zum Beispiel das Desinfizieren der Hände thematisiert. «Konsequentes Desinfizieren reduziert die Infektionsgefahr für die Patienten», sagt Weber. Mit Merkblättern werden Pflegende und Ärzteschaft angeleitet, wann und wie sie die Hände desinfizieren müssen. In der Broschüre für die Patienten steht gar, man solle sich nicht scheuen, den Arzt zu fragen, ob er die Hände desinfiziert habe.
Infektionsraten
Infektionsraten in Spitälern werden als Qualitätsindikatoren verwendet. Doch voreilige Schlüsse dürften nicht gezogen werden, warnt Weber. «Wenn in einem Spital viele Infekte auftreten, heisst das nicht, dass der Chirurg ein Grüsel sein muss.» Bei bestimmten Operationen sei das Infektionsrisiko höher, vielleicht habe ein Spital mit hoher Infektionsrate viele Risikooperationen durchgeführt. Zudem könne auch die beste Hygiene nicht alle Infekte verhindern, «eine Infektionsrate von null gibt es nicht», sagt der Qualitätsbeauftragte.
Dass Qualitätsmessungen vorsichtig ausgewertet werden müssen, zeigt Weber mit einem weiteren Beispiel: «Wenn ein Spital wenig geplatzte Blinddarme vorweisen kann, so deutet das zwar darauf hin, dass in diesem Spital schnell und effizient gearbeitet wird» – und man schliesse daraus, dass die Qualität hoch sei. Allerdings könne es auch sein, dass in diesem Spital zu schnell und zu effizient gearbeitet und schon beim kleinsten Verdacht der Blinddarm operiert werde, auch wenn das gar nicht nötig wäre. Das wiederum wäre schlechte Qualität und darüber sage das Resultat nichts aus.
Schweizer sind zufrieden
Vor einigen Jahren hat das Bundesamt für Gesundheit für Aufregung gesorgt, als es die Sterberaten in Spitälern als Indiz für Qualität beizog. Damit kam Bewegung in die Qualitätsmessung. 2009 wurde der nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) gegründet. Er hat zuletzt die Patientenzufriedenheit untersucht und das Resultat im Mai veröffentlicht. Demgemäss lag schweizweit die Zufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 6 im Schnitt bei 5,3.
Inzwischen ist das Thema Qualitätsmessung derart präsent, dass schon fast der Überblick verloren geht. «Die Zahl von Zertifikaten und Qualitätslabels im Gesundheitswesen ist kaum mehr überschaubar und führt zunehmend zu Unsicherheit und Verwirrung», hielt die Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) Ende Juni in einer Medienmitteilung fest. Zertifikate seien keine Garantie für Qualität, warnt die SAMW. Sie hat Anforderungen aufgelistet, welche ein Zertifikat erfüllen sollte. Gemäss den Vorstellungen der Politik sollen Qualitätsmessungen den Patienten als Kriterium bei der Auswahl eines Spitals dienen. Doch Qualitätsberichte sind nicht einfach zu lesen, und der ANQ verzichtet auf das Publizieren von Ranglisten. «Dass sich Patienten durch all die Messungen hindurchlesen, bevor sie ins Spital gehen, ist nicht realistisch», sagt Reto Weber. Bei der Wahl entscheidend seien die Distanz zum Spital und die Empfehlung des zuweisenden Arztes. Daran werde auch die neue Spitalfinanzierung nichts ändern. (Berner Zeitung)
Erstellt: 14.10.2011, 07:45 Uhr
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2 Kommentare
Die Qualitätsbeurteilung der GEF hat nichts mit der Realität zu tun. Die Beurteilung eines Patienten, der wochenlang schwerkrank im Spital war, wäre aussagekräfter. Klinik Sonnenhof in Bern: Schwierigste Behandlungsmassnahmen, 2 OPs. Die Ärzte und das Pflegepersonal haben mich hervorragendst betreut! Das ist Qualität! Antworten
Ehrlichkeit würde die Qualität im Gesundheitswesen verbessern. Das ständige Gelaber über Qualitätslabel und Zertifikate und die Bemühungen mit Gütesigeln statt mit guter Arbeit zu punkten führt zur Erhöhung der Kosten und zur Verminderung wirklicher Qualität. Antworten

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