Wenn in der Psychiatrie die Menschen fehlen

In den Berner UPD müssen Zwangsmassnahmen aus Spargründen öfter angewendet werden, als den Verantwortlichen lieb ist. Kathrin M.* hat erlebt, wie sich Fixierungen und Isolierungen anfühlen.

«Der einzige Ort in der Waldau, an dem ich mich wohl gefühlt habe»: Kathrin M. im Tiergarten der Universitären Psychiatrischen Dienste in Bern.

«Der einzige Ort in der Waldau, an dem ich mich wohl gefühlt habe»: Kathrin M. im Tiergarten der Universitären Psychiatrischen Dienste in Bern. Bild: Stefan Anderegg

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Kathrin M.* liegt auf der Rollbahre. Zwei Sanitäter bringen sie an diesem Donnerstag im Mai 2012 aus dem Inselspital zurück in die Waldau, Berns psychiatrische Klinik. Wieder einmal, wie so oft in diesen Wochen.

Die Sanitäter rollen Kathrin M. nicht zurück auf jene Station, wo sie vorher neun Monate lang behandelt wurde. Sie bringen sie ins Überwachungszimmer einer benachbarten Station. Zwei Ärztinnen und eine Pflegerin stehen bereit. Als die Pflegerin die Decke des Betts zurückschlägt, blickt Kathrin M. auf fünf Gurte. Panik lässt ihr Herz rasen.

Vier Tage wird Kathrin M. (30), wohnhaft in einem Berner Vorort, an Armen, Beinen und Rumpf ans Bett gegurtet im Überwachungszimmer liegen. Jede halbe Stunde kommt eine Pflegeperson, bindet eine Hand los. Fürs Essen und fürs Trinken. Nur für den Toilettengang lösen sich alle fünf Gurte.

Tiefe Schnittwunden

«Sie müssen unser Vertrauen wiedergewinnen», sagt ihr die Oberärztin an diesem Donnerstagmorgen. Am Montag will sie die Situation neu beurteilen.

Kathrin M. argumentiert. Sie sei nicht suizidal. Schneide sich mit den Rasierklingen nur, um «Druck abzulassen». Habe am Vorabend ja selbst die Sanität alarmiert. Wie so oft in diesen Wochen. Und diese Rückenschmerzen. Seit einer Lebertransplantation ist längeres Liegen eine Qual. Kathrin M. fleht und bettelt. Für ein Kissen unters Knie. Für eine freie Hand. Für ein Buch.

Die Oberärztin sagt Nein. Verweist auf «die Vorgeschichte». Auf den Suizidversuch vor vier Jahren, der Kathrin M. die Leber kostete. Die Ärztin fürchtet, dass sich Kathrin M. die Fäden herausreisst. Jene Fäden, mit welchen die Spitalärzte am Vorabend die tiefen Schnittwunden an Kathrin M.s Armen und an ihrem Bauch genäht haben. Schnittwunden, die sich Kathrin M. selbst zugefügt hat. Wie so oft in diesen Wochen.

Unzählige Narben

Kathrin M. leidet seit Jahren an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Mit 11 schneidet sie sich das erste Mal. Sie ist 15, als ihre Eltern ihre vernarbten Arme sehen. Seither sind unzählige Narben hinzugekommen. Es gibt Phasen, da landet sie praktisch täglich im Spital. Es gibt Phasen, da schneidet sie sich jahrelang nicht.

Als Kathrin M. im September 2011 freiwillig in die Waldau eintritt, liegt eine ruhige Phase hinter ihr. Doch die marternden Rückenschmerzen setzen ihr zu. Sie spürt, dass sie den Halt verliert. Wieder einmal. Kathrin M. flüchtet in die Klinik. Eine weitere blutige Phase beginnt.

In solchen Phasen ist Kathrin M. eine schwierige Patientin. Eine, die viel Betreuung braucht. Doch nicht immer ist die Personaldecke an der Waldau dick genug. «Oft war niemand da», sagt Kathrin M. heute.

Auf Effizienz gedrillt

Dass Kathrin M. nicht immer die intensive Betreuung erhielt, die sie nötig gehabt hätte, ist auch die Folge davon, dass der Kanton Bern seiner Psychiatrie massiv Mittel entzogen hat. In mehreren von der Politik befohlenen Sparschritten haben die Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) ihre Kennzahlen optimiert und die Effizienz gesteigert. Auf immer weniger Pflegende kommen immer mehr Patienten.

In den letzten zwanzig Jahren wurde rund ein Drittel der Betten geschlossen, Langzeitstationen aufgelöst. Die Anzahl stationärer Patienten hat sich nahezu verdoppelt, die Aufenthalte dauern noch halb so lang. Der Oberarzt jener Station, auf die sie nicht mehr zurückdurfte, sagte Kathrin M. später, sein ganzes Team sei ausgebrannt gewesen, habe keine Kraft mehr gehabt.

2009 musste die UPD-Leitung weitere zwei Stationen der Klinik schliessen. Die 36 Patienten lösten sich aber nicht in Luft auf. Sie wurden auf die verbleibenden Stationen verteilt. Die Belegung dort stieg von 18 auf 20 Patienten. Weil die Auslastung in den UPD nicht selten über 100 Prozent klettert, sind es auch mal mehr. «Dann wird es sehr eng», sagt Oberarzt Alexander Wopfner, der in Kathrin M.s Fall nicht involviert war.

Bis zu fünf Patienten leben in solchen Phasen in einem Dreibettzimmer. Eine Zwangsgesellschaft psychisch labiler Menschen auf engstem Raum. «So», sagt Wopfner, «läuft eine Situation schneller aus dem Ruder und ist Deeskalation viel schwieriger.»

Allein auf der Station

In Krisensituationen ist die personelle Besetzung entscheidend. «Es macht einen Riesenunterschied, ob eine Station mit einer oder zwei Pflegepersonen besetzt ist», sagt Ruth Hodel, Stationsleiterin mit jahrzehntelanger Berufserfahrung. Sie war ebenfalls nicht mit Kathrin M. betraut.

Nachts kommt es in der Klinik viel zu oft vor, dass eine Pflegeperson alleine ist. In gewissen Abteilungen ist auch am Tag nur eine ausgebildete Pflegekraft auf der Station, assistiert von einer Person in Ausbildung.

Besteht die akute Gefahr, dass sich jemand wie Kathrin M. etwas antut, gibt es zwei Möglichkeiten: 1:1-Betreuung, etwa mit einer Sitzwache, oder – Zwangsmassnahmen. Ersteres ist schwierig, wenn eine Pflegeperson alleine ist. «Denn», sagt Hodel, «da sind ja immer noch 19 andere Patienten.»

Bis Ende der Neunzigerjahre kam eine Pflegeperson auf 10 Patienten. Heute muss sich eine Pflegekraft um 20 Patienten kümmern. Bei den Ärzten und Psychologen sieht es nicht anders aus: Bis zum Jahr 2000 behandelte ein Arzt rund 60 Patienten pro Jahr. Heute sind es über 100.

«Das Personal ist übermässig belastet», konstatiert Urs Mosimann, ärztlicher Direktor und interimistischer Co-CEO der UPD. Die krankheitsbedingten Abwesenheiten haben um bis zu 60 Prozent zugenommen.

Abschreckende Wirkung

In unzähligen Therapiestunden in mehreren Kliniken hat Kathrin M. Techniken erlernt, wie sie die innere Spannung anders abbauen kann als mit der Rasierklinge. Diese Spannung, die innerhalb von Sekunden von ihr Besitz ergreift, ihre Hände erzittern, den Bauch kribbeln und den Atem abflachen lässt, bis sie keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.

Früher spülte sie die Spannungen mit Bier weg. Sechs bis sieben Liter, Tag für Tag. Ihrer Spenderleber will sie das nicht zumuten. Kathrin M. hat andere Methoden erprobt. Einen Eiswürfel im Mund zerkauen. Oder ein Gummiband gegen das Handgelenk knallen lassen. Das erzeugt einen Schmerz, hinterlässt jedoch keine Spuren. Vor allem aber hat sich Kathrin M. eine Liste mit Konsequenzen zusammengestellt, falls sie sich schneidet: Spital, Narbe, Klinik, blöde Sprüche – Zwangsmassnahmen.

Das hellrosa Isolierzimmer

Die viertägige Fixation vom Mai 2012 ist nicht die erste Zwangsmassnahme in Kathrin M.s Leben. Jahre zuvor wurde sie in einer Klinik im Berner Oberland für kürzere Zeit fixiert, später ebenso in den UPD. Dort landet sie auch mehrfach im Isolationszimmer. 25 Quadratmeter. Hellrosa gestrichen, zur Beruhigung. In der Mitte ein Schaumstoffklotz, das Bett. Die Fenster verriegelt. Eine Tür mit einem Glasfenster. Ein Nachttopf.

Kathrin M.s längste Isolation dauert zwei Wochen. Zwei Wochen voller Valium. Nach einer Woche darf sie wieder die Toilette benutzen und eine halbe Stunde pro Tag auf die Station.

«Wie ein Tier im Zoo» fühlte sich Kathrin M., «schutzlos ausgeliefert». Ausgeliefert einer «Einsamkeit, die mich fast um den Verstand brachte». Nur jemand mit einer ähnlichen Erfahrung könne wissen, «wie grauenhaft lang eine Minute sein kann, wenn ausser dir nichts da ist». Noch schlimmer erlebt sie die Fixation: «Das ist extrem erniedrigend, man ist kein Mensch mehr.» Albträume, tiefe Scham und das Gefühl, missbraucht worden zu sein, bleiben als Erinnerungen.

Wenn Menschen fehlen

Zwangsmassnahmen sind auch für die «andere Seite» heftig. «Da blutet das Herz», sagt Oberarzt Wopfner. «Allzu oft wüsste man, wie man anders helfen könnte, wenn man genügend Ressourcen hätte.» Denn eigentlich sei die Sache einfach: «Beziehungen können Zwangsmassnahmen verhindern.» Dafür brauche es Menschen. «Doch die fehlen nicht selten, leider.»

Zum Glück, sagt Wopfner, können Fixierungen, Isolierungen oder die zwangsweise Verabreichung von Medikamenten trotzdem in den allermeisten Fällen mit psychotherapeutischen Gesprächen verhindert werden. Zudem seien die meisten Zwangsmassnahmen vergleichsweise harmlos. Handyentzug etwa, oder eingeschränkter Ausgang.

Im Schlepptau auf Rundgang

«Unser Ziel ist es, Zwangsmassnahmen zu vermeiden», sagt auch Stationsleiterin Hodel. Das gehe oft trotz knappem Personal: «Wenn ich nachts alleine auf der Station bin und jemand in einer akuten Krise steckt, nehme ich ihn halt im Schlepptau auf den Rundgang.»

Zur Strafe oder Einschüchterung wende man nie Zwangsmassnahmen an, sagt Oberarzt Wopfner: «Nur bei akuter Gefahr greifen wir zu diesem letzten Mittel.»

Zwar wird jede Zwangsmassnahme an den UPD akribisch protokolliert. Die statistischen Daten seien indes schwer vergleichbar, sagt Werner Strik, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie. «Nur sehr wenige Patienten müssen isoliert oder gar fixiert werden, und oft betrifft es mehrfach dieselbe Person.» In der Tendenz hätten die Zwangsmassnahmen seit 2009 aber zugenommen, sagt Strik.

«Unterschiedliche Ideologien»

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften hält Zwangsmassnahmen in Notfallsituationen mit einem «hohen Grad an Selbst- oder Fremdgefährdung» für «kaum bestritten». Trotzdem gibt es psychiatrische Kliniken, die auf gewisse Praktiken verzichten. Die Psychiatrie Solothurn etwa wendet keine Fixationen an. «Es gibt unterschiedliche Ideologien», sagt dazu Strik. Besonders Patienten mit schweren Alkohol- oder Kokainvergiftungen könnten enorm aggressiv sein. «Die zertrümmern die Einrichtung. Da gibt es als Alternative zur Fixierung nur die Gefängniszelle.»

Zwangsmassnahmen greifen in die Grundrechte eines Menschen ein. «Sie dürfen darum nur bei Gefahr für Leib und Leben oder bei schwerer Störung des Zusammenlebens angewendet werden», sagt Strik. Jeder Pflegende und jeder Arzt werde intensiv geschult, jede Zwangsmassnahme während der Anwendung «engmaschig» überprüft und später nachbesprochen. Den rechtlichen Rahmen gibt das Erwachsenenschutzrecht vor.

In der grossen Mehrzahl der Fälle könne innerhalb von wenigen Stunden eine therapeutische Beziehung aufgebaut und die Zwangsmassnahme beendet werden, sagt Strik. Nur ganz selten dauern sie länger als ein paar Stunden. Generell, sagt Strik, sei dies etwa der Fall bei suizidalen Krisen, bis die Psychotherapie anspricht, oder bei anhaltenden Verhaltensauffälligkeiten nach organischen Hirnerkrankungen.

«Zitrone ist ausgepresst»

Seit diesem Februar lebt Kathrin M. «draussen». Nach anderthalb Jahren konnte sie die Klinik verlassen. Therapeutische Betreuung erhält sie im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Bern-West, einem niederschwelligen Aussenposten der UPD.

Nun droht der Spardruck an den UPD Kathrin M. einzuholen. Wieder zielt die Berner Politik mit Sparplänen auf die Psychiatrie. Gefährdet sind genau solche Angebote, wie Kathrin M. eines in Anspruch nimmt.

Die Zitrone sei ausgepresst, sagt Oberarzt Wopfner. Sparen könne man praktisch nur noch bei den ambulanten Angeboten, sagt der ärztliche Direktor Urs Mosimann. Denn: «Wir können ja in der Klinik nicht Kranke vor die Türe stellen.»

Noch mehr Personal abbauen geht auch nicht. Im Gegenteil: Aus Sicherheitsgründen wird es für die unterbesetzten Stationen in der Nacht wenigstens wieder eine Laufwache geben.

Psychiatrie am Scheidepunkt

«Wir befinden uns in einer Teufelsspirale», sagt Werner Strik. «Ruhe im System ist Voraussetzung für eine offene Psychiatrie.» Doch dies sei wegen der hohen Belegung und der dünnen Personaldecke nicht mehr der Normalzustand. «Das merken die Patienten, aber auch die zuweisenden Ärzte und die Angehörigen.» Diese zögerten darum mit einer Einweisung. Oft so lange, bis die Patienten so schwer krank sind, dass es für einen freiwilligen Eintritt zu spät ist. «Dann werden sie per Zwangseinweisung geschickt, kommen schon aufgebracht und ablehnend an», sagt Strik – und würden noch mehr Pflege benötigen.

Für Oberarzt Alexander Wopfner steht die Psychiatrie am Scheidepunkt: «Wenn man jetzt noch mehr spart, geht es an den Kern der humanitären Psychiatrie.» Dann müsse sich die Gesellschaft entscheiden, ob sie den angelsächsischen Weg gehen wolle. «Dort werden aggressive psychisch kranke Menschen kriminalisiert oder einfach fallen gelassen.»

Strafvollzug oder Obdachlosigkeit statt Psychiatrie also. In den USA sitzen mehr als 400'000 psychisch Kranke im Gefängnis, viele leben auf der Strasse. «Die Gewalt, die von gewissen Patienten ausgeht, kann man nicht wegzaubern», sagt Wopfner. «Aber man kann sie behandeln.»

Unbeabsichtigter Horror

Seit der Entlassung aus der Waldau hat sich Kathrin M. kaum mehr geschnitten. Auch wenn das nicht die Absicht hinter Zwangsmassnahmen ist: Ihr Horror wirkt. Zumindest bei Kathrin M. «Die Angst, so etwas noch einmal zu erleben, ist grösser als der Drang nach alten Verhaltensmustern», sagt sie. «Dieses Erlebnis hat mich gebrochen.» (Berner Zeitung)

(Erstellt: 19.11.2013, 06:35 Uhr)

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