Was den AKW für Rekordfluten drohen

Die Berner Historiker Oliver Wetter und Christian Pfister blicken in ihrer brandneuen Studie über die Rheinhochwasser in Basel zurück bis ins Jahr 1286. Ihre Daten sind für AKW-Betreiber, die die Hochwassersicherheit belegen müssen, Gold wert.

Würde das AKW Leibstadt am Rhein ein Rekordhochwasser wie das von 1480 überstehen?

Würde das AKW Leibstadt am Rhein ein Rekordhochwasser wie das von 1480 überstehen? Bild: Keystone

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Ein Hochwasser kommt nicht aus heiterem Himmel. Zwar wird es kurzfristig von starkem Regen ausgelöst, aber es kündigt sich durch einen Wettercocktail an: Eine rasche Schneeschmelze oder eine Gewitterserie tränken die Böden, füllen Seen und Flüsse. Das Risiko für ein Hochwasser zeichnet sich also ein paar Wochen im Voraus ab. Den Betreibern der Schweizer Atomkraftwerke hilft das aber wenig. Denn sie müssen dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) darlegen, wie ihre AKW eine Rekordflut im enormen Zeitraum von 10'000 Jahren überstehen würden.

Blick zurück ins Mittelalter

Wie lässt sich eine mögliche Rekordflut überhaupt quantifizieren? Durch eine Extrapolation aus früheren Hochwassern. Das Problem dabei: Die Pegelstände der Schweizer Seen und Flüsse werden erst seit rund 200 Jahren regelmässig gemessen. Und von 1877 bis 1993 gab es im Mittelland gar keine Hochwasser. Die Messreihe für die Extrapolation eines 10'000-jährigen Hochwassers ist also reichlich kurz und arm an Ausschlägen.

Deshalb stützt sich die Kraftwerksbetreiberin Axpo in ihren Hochwasserberichten für die AKW Beznau und Leibstadt nun auch auf eine brandneue Studie der Klimahistoriker Oliver Wetter und Christian Pfister von der Universität Bern. Sie haben mit weiteren Berner Hydrologen die Rheinhochwasser in Basel untersucht und blicken dabei zurück bis ins Mittelalter. Eben hat das renommierte «Hydrological Sciences Journal» die Studie publiziert.

Die Historiker haben die gemessenen Rheinhochwasser der letzten 200 Jahre mit den von Zeitgenossen beschriebenen Fluten bis zurück ins Jahr 1286 verknüpft. Basel ist dafür ein idealer Beobachtungsstandort. Es gibt dort nicht nur Hochwassermarken am Rheinufer, Basler Chronisten haben bei Hochwasser auch immer wieder gleiche Referenzpunkte beschrieben: Wie weit die alte Brücke noch aus den Fluten ragte, ob die Schiffländte und auch der nahe Fischmarkt unter Wasser standen.

Fluten waren früher höher

Durch die minutiöse Auswertung historischer Quellen über extreme Wetterereignisse kommen die Berner Autoren zu Erkenntnissen, die für die AKW-Betreiber zentral sind. Etwa die: Es gab weit gewaltigere Hochwasser als die 1852 registrierte Rekordflut aus dem Messzeitalter. Sechsmal machten die Berner Forscher vor 1700 katastrophale Fluten aus, bei denen sich über 6000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch Basel gewälzt haben dürften. Normalerweise führt der Rhein in der Stadt etwa 1000 Kubikmeter. Als die Aare 2005 das Berner Mattequartier flutete, führte sie knapp 700 Kubikmeter.

Das gewaltigste aller Schweizer Hochwasser dürfte laut Wetter und Pfister jenes von 1480 gewesen sein. Nach einem kalten Frühsommer schmolz der Schnee, Flüsse und Seen schwollen an. Am 1.August setzte laut dem Berner Chronisten Diepold Schilling ein sintflutartiger Regen ein, der drei Tage anhielt. Hunderte ertranken im Mittelland in den Fluten. Andere flüchteten auf Hausdächer. Entlang des Rheins wurden die Brücken zerstört. In Basel erreichte der Rhein das Niveau der Brücke. In Deutschland wuchs der Rhein auf drei bis vier Kilometer Breite an.

Lehren für AKW-Betreiber

Eine erste Lehre aus der Basel-Studie lautet für die AKW-Betreiber: Rechne immer mit einem noch grösseren Hochwasser. Wer bloss jüngste Fluten wie die von 1999 und 2007 berücksichtigt, unterschätzt das Zerstörungspotenzial der Natur. Lehre zwei: So schlimm wie 1480 kommt es in Zukunft kaum. Denn durch die Umleitung der Kander 1714 in den Thunersee und der Aare 1878 in den Bielersee wurde dem Hochwasser die Spitze gebrochen. Lehre drei aber stellt Lehre zwei wieder infrage: Die im letzten Jahrhundert gebauten Flusskorrekturen und Kraftwerkstauwehre erklären den Rückgang der Hochwasser nicht alleine. Laut den Berner Autoren spielen auch klimatische Gründe eine Rolle. Insbesondere die «Katastrophenlücke» von 1877 bis 1993, in der extreme Hochwasser ausblieben. In dieser langen Ruhezeit erlahmte die Vorsicht, das Wissen um Gefahren wurde vergessen. Und so wurde zu nah am Wasser gebaut. Umso böser war die Überraschung, als sich ab 1994 das Hochwasser zurückmeldete. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 14.07.2011, 06:16 Uhr)

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Sicherheitsmassnahmen

Wie berechnet die BKW ein Hochwasser in Mühleberg? Die BKW, Betreiberin des AKW Mühleberg, habe sich – anders als die Axpo – nicht nach seiner neuen Studie über die Basler Rheinhochwasser erkundigt, sagt der Berner Klimahistoriker Christian Pfister. Nun liegt Mühleberg an der Aare, nicht am Rhein. Die langfristige Basler Studie könnte für die BKW dennoch wichtig sein für die Berechnung eines 10'000-jährigen Hochwassers, wie sie das Ensi Ende Juni von den AKW-Betreibern verlangt hat. Aufgrund dieser Berechnung hat die BKW ihr AKW derzeit abgestellt, weil eine Rekordflut die Kühlwasserzufuhr verstopfen könnte.

«Grundlage unserer Berechnung für das Ensi ist die Extremwasserstudie des Kantons Bern von 2007», sagt BKW-Sprecher Antonio Sommavilla auf Anfrage. Die Studie verfasst hat das geowissenschaftliche Berner Büro Geo7 – unter dem Eindruck der Hochwasser von 1999 und 2005. Geo7 ging von einer kurzen Referenzperiode von 1901 bis 2005 aus. Es rechnet aber mit nie da gewesenen Fluten, die bis zu 80'000 Menschen an den grossen Berner Seen und Flüssen betreffen könnten. Und BKW-Sprecher Sommavilla ergänzt, dass man im Bericht an das Ensi für Mühleberg mit der doppelten Abflussmenge des Hochwassers von 2007 rechne.

Damals, bestätigt Sommavilla, seien Teile des AKW-Geländes unter Wasser gewesen, in sicherheitsrelevante Gebäude sei das Hochwasser aber nicht eingedrungen

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