Warum es plötzlich salonfähig ist, Vögel zu beobachten
Von Stefan von Bergen. Aktualisiert am 15.10.2011 1 Kommentar
Auf einer Wanderung hatte eine Bekannte ein Fernglas dabei und holte plötzlich ein Vogelbestimmbuch aus dem Rucksack. Sie richtete ihren Blick in die Bäume statt auf den Weg. Die Vögel, auf die sie zeigte, waren schon weggeflogen, wenn wir andern hinschauten. Aus dem Vogelbuch las sie sonderbare Namen vor wie «Mönchsgrasmücke», die wir eher mit einem Insekt in Verbindung gebracht hätten.
Seither fällt mir auf, wie häufig jemand bekennt, eine Leidenschaft für Vögel zu haben. Ein Zürcher Redaktionskollege besucht einen Feldornithologiekurs. Sein Chef, sagt ein Freund, richte sein Ferienziel nach dort zu beobachtenden Vögeln aus.
Coming-out als Vogelfan
Als ich jung war und selber Vögel beobachtete, galten die Fischern gleichenden Hobbyornithologen in Gummistiefeln und mit Fernglas statt Fischrute als skurrile Sonderlinge. Sie schienen sich nicht nur für Vögel zu begeistern, sondern selber einen Vogel zu haben, wenn sie mit Tunnelblick stundenlang im Regen ausharrten, um damit für Sekunden ein unscheinbares, flatterndes Wesen zu erhaschen.
Heute ist das Beobachten von Vögeln salonfähig und ein Beleg für eine grüne Gesinnung. Selbst Prominente outen sich gerne als Vogelfans. Der Schaffhauser Unternehmer Thomas Minder, Vater der Abzockerinitiative, ist seit seiner Jugend ein begeisterter Vogelbeobachter. Bandleader Pepe Lienhard beobachtet und züchtet Vögel. Der frühere EVP-Nationalrat Ruedi Aeschbacher ist Präsident von Birdlife Schweiz, dem Dachverband der lokalen Vogelschutzvereine. Eine Hauptfigur im jüngsten Erfolgsroman «Freiheit» des US-Schriftstellers und Vogelfans Jonathan Franzen ist ein fanatischer Vogelschützer.
100 Ferngläser am Gurnigel
Gibt es einen Ornithologieboom, oder täuscht der Eindruck? Beat Rüegger, Vogelkenner und Leiter von Ornithologiekursen, reagiert erst zurückhaltend. Kurz darauf meldet er sich wieder: Er müsse den Befund wohl bestätigen. Was er am Wochenende auf der Wasserscheide am Gurnigel gesehen habe, habe er in diesem Ausmass noch nie erlebt: Etwa 100 Personen hätten dort den ganzen Tag lang mit Feldstechern, Teleskopen und Kameras die herbstlichen Vogelzüge nach Süden beobachtet.
Rüegger leitet von Birdlife Aargau organisierte Feldornithologiekurse für 600 Franken. Gut 70 Personen würden auch bei Wind und Wetter teilnehmen, sagt er. 30 weitere Interessierte habe man abweisen müssen. Der Sekundarlehrer und Vogelkenner aus dem aargauischen Rothrist leitet schon seit Jahren Kurse. Deshalb fällt ihm auf, dass sich immer mehr Leute ab 40 und immer mehr Frauen dafür interessieren. Eine mögliche Erklärung formuliert er ganz ornithologisch: Weil ihre Kinder ausgeflogen seien, suchten offenbar gerade Frauen eine neue Betätigung. 60 Prozent der Personen in seinen Kursen seien weiblich, schätzt Rüegger.
Grassierendes «Vogelvirus»
«Ja, es gibt einen Ornithoboom», bestätigt Matthias Kestenholz, der Sprecher der Vogelwarte Sempach, mit einem coolen Insiderwort. Der Trend komme aus den USA und England, den Hochburgen des Bird Watching, nun auch zu uns. In den letzten 10 Jahren habe sich die Zahl der freiwilligen Vogelwartemitarbeiter auf 1800 verdoppelt, Tendenz steigend, schwärmt Kestenholz. Feldornithologiekurse seien meist sofort ausgebucht. Die Vogelwarte, die als gemeinnützige Stiftung für Vogelkunde und Vogelschutz zu 80 bis 90 Prozent von Spenden lebe, profitiere von dieser Entwicklung, denn ihre Projekte seien ohne die Unterstützung Freiwilliger nicht zu realisieren. Auch Nachwuchssorgen kenne der Vogelschutz nicht.
Seit den 1980er-Jahren sei eine Öffnung zu beobachten, die den Rahmen der klassischen lokalen Ornithologievereine gesprengt habe. «Früher war die Ornithologie weitgehend eine Männerdomäne, heute ist die Zusammensetzung der Vogelfans ein Abbild der Bevölkerung», sagt Kestenholz. Das «Vogelvirus» packe heute auch Junge und nicht nur Ältere, Frauen und Männer, Leute aller Berufsgattungen.
An Hotspots wie dem Klingnauerstausee oder dem Berner Neuenburgerseeufer beobachte er eine wachsende Zahl von Fans und Artenjägern, die immer neue Vögel in ihren Palmarès einordnen wollten, sagt Kestenholz. Eben hat die siegreiche Mannschaft beim alljährlichen Birdrace des Dachverbands Birdlife Schweiz innerhalb von 24 Stunden 132 Vogelarten beobachtet und damit den geltenden Schweizer Rekord egalisiert.
Miniaturwildnis vor Haustür
Warum begeistert man sich für Vögel und nicht für eindrücklichere Grosstiere im Pelz? «Vögel sind schneller verfügbar, sie verkörpern eine überschaubare Wildnis vor der Haustür und eine zugängliche Artenvielfalt», erklärt Kursleiter Beat Rüegger. Vogelwartesprecher Kestenholz ergänzt: «Vögel sind tagaktiv, haben also im Gegensatz zu Grosstieren denselben Rhythmus wie wir Menschen. Und weil sie schnell wegfliegen können, kommen sie näher an menschliche Siedlungen. Überdies machen sie akustisch auf sich aufmerksam.»
Natürlich sei es die Fähigkeit, zu fliegen, die uns fasziniere. Und die Sehnsucht, wie Vögel südwärts in wärmere Gefilde zu ziehen. Vielleicht sei es auch die Harmlosigkeit, die für Vögel spreche, vermutet Kestenholz. Anders als Spinnen, Schlangen oder Insekten sage man Vögeln kaum Negatives nach. In Comics seien Vogelfiguren wie Pingu, Globi oder Donald Duck witzig und sympathisch.
Den Vogelfans geht es nicht nur um die Vögel. Hinter dem Ornithologieboom werden ein neues Freizeit- und Outdoorverhalten und der Zeitgeist der Wissensgesellschaft spürbar. Es gibt auch weniger offensichtliche Motive. Beat Rüegger berichtet, ein Kursteilnehmer habe ihm erklärt, beim Beobachten von Vögeln könne er sich von seinem Burn-out erholen. Er sei dann nicht bloss draussen in der Natur, wo er weiterhin seinen Jobproblemen nachhängen würde, sondern werde absorbiert durch die Aufgabe, nach Vögeln Ausschau zu halten.
Beim Beobachten von Vögeln lerne man, dass mehr sehe, wer genau hinschaue, sagt Rüegger. Auf jedem Spaziergang entdecke man wieder etwas Neues, schärfe seinen Blick, erlebe Überraschungen, erkenne das grosse Zusammenspiel in der Natur. «Vögel beobachten ist für mich ein Konzentrationstraining und eine Bewusstseinserweiterung», fasst Rüegger zusammen.
Die Ornitho-Community
Angetrieben wird der Ornithologieboom auch vom technischen Wandel und von neuen Medien. Für eine wachsende Anzahl Hobbyfotografen seien die mobilen Vögel ein Objekt, das sie mehr herausfordere als still stehende Blumen, sagt Matthias Kestenholz. Und die digitale Fotografie erlaube einen schnellen Austausch von Bildern.
Überhaupt spiele das Internet eine wichtige Rolle. Die Vogelwarte Sempach, erklärt Kestenholz, betreibe unter www.ornitho.ch eine eigene Site für Vogelfans, wo diese ihre Beobachtungen eintragen und sich austauschen. Auf Datenbanken lassen sich Vogelstimmen herunterladen. Über einen SMS-Alarm bieten sich Vogelfans auf, wenn seltene gefiederte Gäste auftauchen. Das Internet habe aus einstigen Eigenbrötlern eine vernetzte und wachsende Community gemacht, freut sich Kestenholz.
Besteht da nicht die Gefahr, dass sich so viele Vogelfans gegenseitig zum Standort eines seltenen Vogels aufbieten, dass sie diesen vertreiben? Bei seltenen Greifvogelarten wie dem Steinadler oder beim Auerhahn würden auf Ornitho.ch genaue Ortsangaben gesperrt, sagt Beat Rüegger. Er hat schon erlebt, wie sich am Aareufer beim Bahnhof Olten Dutzende von Vogelfans gegenseitig auf den Füssen herumstanden, um einen Blick auf den seltenen und winzigen Goldhähnchenlaubsänger zu erhaschen. Der habe sich deshalb nicht vertreiben lassen.
«Wenn alles geheim bleibt, dann engagiert sich auch keiner für den Schutz der Vögel», argumentiert Rüegger. Deshalb müsse man den Spagat wagen, dass man die Naturschönheit gerade dadurch bewahre, dass man sie sichtbar mache.
Retter und Helfer
Das Zusammenspiel von Begeisterung, Forschung und Naturschutz ist eine weitere Antriebskraft der Vogelmania. Viele Vogelbeobachter engagieren sich auch als Vogelschützer. Sie helfen mit bei der Renaturierung verbauter Wasserläufe, hängen Nistkästen an Bäume, pflanzen Hecken und betreuen Naturschutzgebiete. Sinnstiftung ist bei solch nachhaltigem Einsatz für die Natur garantiert.
Hobbyornithologen dienen auch der Wissenschaft. Die Vogelkunde lebt von der Mitarbeit zahlreicher begeisterter Laien, ohne sie liessen sich Vogelbestände nicht beobachten und kartieren. «Es ist ein schönes Zusammenspiel, die Wissenschaft trägt Sorge zu den Laien, die Laien fühlen sich von der Wissenschaft ernst genommen», erklärt Rüegger.
Auch der Tourismus profitiert von der Vogelbegeisterung. Die Community der Vogelliebhaber trifft sich nicht nur im Internet. Beat Rüegger leitet und organisiert mit seiner Einzelfirma Ornitour Reisen für Vogelfans nach Ungarn, auf die Shetlandinseln, nach Kirgisistan oder Costa Rica. «Wir blicken den Einheimischen nicht aufdringlich in ihre Häuser, weil wir mit den Vögeln ein Thema haben, das wir mit Einheimischen auf Augenhöhe teilen», formuliert Rüegger eine Einsicht, die einer Charta für sanften Tourismus entstammen könnte.
Schwund trotz Boom
Der Vogeltourismus stärke gar einheimische Strukturen und motiviere Staaten zu verstärktem Vogelschutz, sagt Rüegger. In Costa Rica mit seiner enorm vielfältige Vogelwelt würden vor allem US-amerikanische Birdwatcher einheimischen Guides in den Nationalparks ein Auskommen garantieren.
Der Ornithologieboom und das wachsende Engagement für das Wohl der Vögel vermögen allerdings deren eher düstere Lage kaum zu verbessern. In der Schweiz sei die Anzahl der Arten durch Zuwanderungen im Zuge des Klimawandels zwar stabil, die Bestände aber würden sich negativ entwickeln, sagt Vogelwartesprecher Kestenholz. «Einst flächendeckend verbreitete Arten wie das Rebhuhn sind durch die Zersiedelung der Landschaft stark dezimiert worden», sagt Kestenholz. Den Aderlass habe man bis jetzt bloss punktuell stoppen können, etwa bei Greifvögeln und Enten. Für eine Gesundung der ganzen Vogelwelt wären laut Kestenholz grossflächige Renaturierungen nötig.
Vielleicht kommt das Anwachsen der Birdwatcher-Community etwas spät. Als die Landschaftszerstörung und -vergiftung und damit die Vertreibung der Arten in den 1960er-Jahren richtig begann, waren die Ornithologen noch eine belächelte Minderheit. (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.10.2011, 10:57 Uhr
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1 Kommentar
Renaturierung auch in der Luft durch Bekämpfung der Krähenplage?
Kleinvögel und Bussarde brauchen auch über dem Boden, also in der Luft viel Freiraum!
Überall jedoch attakiert und verjagt schon nur eine einzelne Krähe im Teritorialkampf alle Vögel, ist kein Spiel!
Brachliegende,subventionierte Naturwiesen würden zudem mit zusätzl. Sträuchern und hochstämmigen Bäumen nicht mehr so trostlos wirken!
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