Volksläufe wollen keine Afrikaner
Von Dominik Balmer. Aktualisiert am 15.10.2011 4 Kommentare
Marcel Hammel weiss, was ihn erwartet. In einem Monat steht der Langenthaler Stadtlauf auf dem Programm. Und jeweils eine Woche vor dem Anlass klingelt Hammels Telefon pausenlos. Die Anrufer stellen immer ähnliche Fragen: Was zahlen Sie für diesen und jenen Läufer? Wie viel Geld gibts für den Streckenrekord?
Hammel ist im Stadtlauf-OK und verantwortlich für die Eliteläufer. Es sind Vermittler und Manager, die sich im Vorfeld bei ihm melden. Oft sprechen sie gebrochen Englisch. Und fast immer wollen sie einen Läufer aus Kenia, Äthiopien oder Eritrea platzieren. Nicht die Stars der Szene, sondern unbekannte Läufer. Aber auch sie sind noch schnell genug, um den Stadtlauf zu dominieren. 2010 hat ein Äthiopier gewonnen, ein Landsmann hält den Streckenrekord.
Der Jackpot in Attiswil
Dass die Ostafrikaner die Laufszene dominieren, ist nicht neu. Allerdings tauchen sie mittlerweile vermehrt selbst an kleinen Volksläufen im Oberaargau auf. Zum Beispiel am Geländelauf Attiswil: Bei den letzten sieben Rennen seit 2006 kam nicht weniger als viermal der Sieger aus Afrika. Nur dreimal kam er aus der Schweiz.
In Attiswil gibt es einen Jackpot für einen Streckenrekord. Bleibt die Bestzeit bestehen, wird der Pot um 200 Franken aufgestockt. Die afrikanischen Läufer kommen laut Matthias Riggenbach vom OK vor allem dann, wenn der Betrag im Pot hoch ist.
Beim Schweizerischen Leichtathletikverband ist das Phänomen bekannt. Der Ansturm der Afrikaner sei grösser geworden, sagt Fritz Schmocker, Nationaltrainer der Mittel- und Langstreckenläufer. Dahinter stecke ein «organisiertes Business» mit teilweise dubiosen Vermittlern. «Es geht nur ums Geld.» Für die mittellosen Afrikaner seien selbst einige 100 Franken Preisgeld sehr viel. Schmocker beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Denn primär profitierten nicht die Läufer, sondern deren Vermittler, die den Transport in die Schweiz organisierten. «Es ist ein moderner Sklavenhandel.»
Schmocker kann gut verstehen, dass sich die Organisatoren von Volksläufen zu wehren beginnen. Ein unbekannter afrikanischer Läufer im Startfeld bringe nichts, findet er. «Das lockt keine Zuschauer an.» Und mit unbekannten Läufern könnten sich die einheimischen Teilnehmer auch nicht identifizieren.
Mit Erfolg gewehrt haben sich die Organisatoren des Pfingstlaufs Niederbipp. OK-Präsident Emil Berger erinnert sich: Vor etwa zehn Jahren seien jeweils afrikanische Läufer am Start gewesen. Damals gab es für den Sieger 300 Franken. Der Zweit- und der Drittplatzierte erhielten 200 und 100 Franken. «Die Afrikaner kamen meist zu dritt», sagt Berger. Dass ein System dahinter stecke, sei klar gewesen. Irgendwann hatten die Organisatoren genug: 2006 strichen sie das Preisgeld. Seither gewinnen wieder die Schweizer.
Eine ähnliche Praxis verfolgen die Organisatoren des Langenthaler Stadtlaufs. Für die Sieger gibt es statt Geld nur Warengutscheine. Und die 300 Franken für den Streckenrekord sind relativ tief. Er denke, die Teilnehmer schätzten es, wenn nicht wie andernorts üblich die Afrikaner dominierten, sagt Sprecher Hammel. Schliesslich stammten 70 Prozent der Läufer aus der Umgebung. «Und es darf auch mal ein Schweizer gewinnen.»
Schnelle Asylbewerber
Allzu strikt ist aber auch Hammel nicht. Bei all den Anrufen, die im Vorfeld des Stadtlaufs noch folgen, lässt er sich womöglich ab und zu erweichen. Dann wird er vielleicht einem afrikanischen Läufer die Zugreise nach Langenthal zahlen. Oder ihm das Startgeld erlassen. Hammel weiss: Es sind auch viele Asylbewerber aus Afrika, die mit dem Laufen Geld verdienen. «Es sind arme Kerle», sagt Hammel, «aber sportlich sind sie top.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.10.2011, 10:21 Uhr
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