Unterricht im Team statt mit Spezialisten

Ein Zürcher Schulversuch reduziert die Zahl der Lehrer pro Klasse. Weil die Klassenlehrer auch die spezielle Förderung übernehmen, können sie nun in Schlieren zu zweit unterrichten. In Bern stösst das Projekt auf Interesse.

In einem Schulversuch im Kanton Zürich übernehmen  die Klassenlehrer die spezielle Förderung. Das verschafft Luft und ermöglicht wieder mehr Präsenz im Klassenzimmer.

In einem Schulversuch im Kanton Zürich übernehmen die Klassenlehrer die spezielle Förderung. Das verschafft Luft und ermöglicht wieder mehr Präsenz im Klassenzimmer. Bild: Keystone

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Schlieren ist das Bümpliz im Grossraum Zürich. Unterrichten ist dort anspruchsvoll. Viele Schüler müssen zuerst Deutsch lernen oder weisen andere Defizite auf. Die Schule weist den zweithöchsten Soziallastenindex im ganzen Kanton Zürich aus. Damit sie ihren Auftrag erfüllen kann, brauchen Klassenlehrpersonen viel fachliche Unterstützung von Spezialisten, die dann Kinder einzeln therapieren. Eine Befragung der kantonalen Bildungsdirektion ergab, dass dies Lehrerinnen und Lehrer aber nicht unbedingt entlastet.

Martin Wendelspiess, Chef des dortigen Volksschulamts, berichtet: «Viele Lehrer sagen uns immer wieder, das Unterrichten und Betreuen der Kinder mache ihnen nach wie vor Spass, weniger aber die vielen Sitzungen und Absprachen.» Der Kanton lancierte nun einen breit angelegten Schulversuch unter dem Namen «Fokus starke Lernbeziehungen». Das Konzept des Schulversuchs sieht vor, dass die Stellung des Klassenlehrpersonals wieder gestärkt wird.

Es soll auch die spezielle Förderung übernehmen. Das Arbeitsprofil der Heilpädagogen ändert sich, wie Wendelspiess erläutert. Sie können als Regellehrperson vor der Klasse stehen, statt Kinder einzeln zu fördern, und unterstützen ihre Lehrerkollegen bei heilpädagogischen Fragestellungen. Vereinfacht gesagt soll die Zahl der Lehrpersonen pro Klasse reduziert werden.

«Auf das habe ich gewartet»

Ziel des Versuchs ist, die Lernbeziehungen wieder zu stärken. Das, so erhofft man sich, steigere die Motivation sowohl bei den Lehrern wie bei den Schülern. Denn die zunehmende Verzettelung und Komplexität, angetrieben durch Teilzeitarbeit, zunehmende Spezialisierung des Lehrpersonals und die integrative Förderung, belastet beide Seiten. Seit diesem Schuljahr machen fünf Schulen mit insgesamt 56 Klassen, verteilt über den ganzen Kanton, mit. Das Projekt trifft auch im Kanton Bern auf Resonanz (siehe Box).

Erste Rückmeldungen bestärken Wendelspiess: «Die Schulleiterin aus Schlieren ist begeistert. Genau auf das habe sie gewartet, sagte sie kürzlich an einer Veranstaltung.» In Schlieren können de facto nun fast zwei Lehrer zusammen eine Klasse betreuen, ohne dass dafür die Ressourcen erhöht wurden.

Dies, weil die vielen Lektionen im sonderpädagogischen Bereich anders organisiert werden, zum Beispiel das Deutsch für Fremdsprachige und die integrative Förderung. Statt auf viele Spezialisten setzt die Schule nun auf Teamteaching. In anderen Gemeinden sind dank einfacherer Verhältnisse weniger Speziallektionen nötig. Dort ergebe die Umlagerung pro Klasse etwas über 130 Stellenprozente, schätzt Wendelspiess.

Zürich gibt Gegensteuer

Insgesamt haben die integrative Förderung und andere Entwicklungen wie in Bern zu Mehrkosten geführt. Paradoxerweise waren gerade Sonderschulen mit steigenden Schülerzahlen konfrontiert. Die Vermutung: Die Überforderung aller Seiten führte dazu, dass einzelne Schüler am Schluss nicht integriert wurden, sondern in Sonderschulen landeten. «Weil die Gemeinden Schüler direkt zuwiesen, konnte der Kanton hier nicht steuern.

Er trägt aber die Kosten zur Hälfte», erläutert Wendelspiess. Das war höchst unbefriedigend. Darum passte das Kantonsparlament Anfang 2013 das Volksschulgesetz an. Darin ist nun ein standardisiertes Abklärungsverfahren festgeschrieben, dass eine Versorgungsplanung gemacht werden muss und der Kanton mit den Gemeinden ein Monitoring einführen wird. So, hofft Wendelspiess, sei die Situation nun in den Griff zu bekommen.

Nun ist also die erste Etappe des vielversprechenden Schulversuchs angelaufen. Ob tatsächlich «mehr Zeit fürs Kerngeschäft» übrig bleibt und dies auch etwas bringt, wird parallel und vor allem am Schluss des Versuchs untersucht. Schüler, Lehrer, Schulleitung und Eltern würden dazu befragt, sagt Wendelspiess und ergänzt: «Wir wollen wissen, ob sich das Betreuungsgefühl, das Wohlbefinden, der Lernerfolg und die Effizienz verbessert.» Insgesamt sollen in den drei geplanten Etappen bis zu 300 Klassen mitmachen. Dauern wird der Versuch gemäss Konzept bis Ende des Schuljahrs 2018/2019. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.10.2013, 11:52 Uhr

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