Teil 1: Die Alte Berner Republik war Europas Insel der Genügsamkeit
Von Stefan von Bergen. Aktualisiert am 28.02.2011 1 Kommentar
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Auswärtige?Besucher überhöhten die alte Stadtrepublik Bern zum Idealstaat, in dem eine weise Herrschaft zufriedene Untertanen regiere. Der Kanton Bern sei «vielleicht die vollkommenste Aristokratie, die sich je in der wirklichen Welt gefunden hat», rühmte 1784 der Göttinger Professor Christoph Meiners. Und Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe beschrieb 1779 die Stadt Bern als wohlgeordnete Ausnahme vom Chaos: «Sie ist die schönste, die wir gesehen haben, in bürgerlicher Gleichheit eines wie das andere gebaut. Die Egalität und Reinlichkeit drinnen tut einem sehr wohl.»
Schlanker Unrechtsstaat
Auch 230 Jahre später kann einem das autoritäre Alte Bern verlockend vorkommen. Zumindest, wenn man im neuen, hoch verschuldeten Kanton Bern Finanzdirektor gewesen ist wie der frühere Regierungsrat Urs Gasche. Vor dem Historischen Verein des Kantons Bern gestand er kürzlich ein, dass er gerne «Säckelmeister» gewesen wäre in der schuldenfreien Republik Bern mit ihrem Staatsschatz.
Er relativierte allerdings, dass ihn als Untertan das völlige Fehlen von Mitspracherechten und unternehmerischer Freiheit gestört hätte. Und dass Alt-Bern die aufwendigsten Aufgaben des heutigen Staats – Bildung, Fürsorge, Gesundheit – an die Gemeinden und die Kirche abdelegiert habe. Gasche diskutierte am Anlass mit dem Berner Historiker Stefan Altorfer-Ong, der in einem aufregenden Buch eben dargelegt hat, wie die ganz und gar undemokratische altbernische Republik wirtschaftete.
Es war ein Staat, wie ihn sich Gasches frühere Partei, die SVP, nicht schlanker und effizienter vorstellen könnte. Eine schmale Herrschaftsgruppe von Patriziern, die sich übermässigen Prunk versagte, regierte und verwaltete von Bern aus den grössten Stadtstaat nördlich der Alpen wie ein Privatgrundstück. Er erstreckte sich von Nyon am Genfersee bis ins aargauische Brugg.
Tiefe Steuern, null Schulden
Ihren Untertanen verlangten die «gnädigen Herren von Bern» nur mässige Steuern ab, denn ihr Staat verzeichnete im 18.Jahrhundert meist Bilanzüberschüsse. Schulden hatte er keine, vielmehr wuchs sein Staatsschatz hinter den dicken Eisentüren im Berner Rathaus stetig an.
Alimentiert wurde der Berner Staatshaushalt durch schier unerschöpfliche Einnahmen: Die Bauern lieferten dem Staat Zehnten in Form von Korn oder Wein ab. Binnenzölle und der monopolisierte Salzhandel kamen exklusiv dem Staat zugute. Auch an Berns wichtigstem Exportgut, Söldnern in ausländischen Kriegsdiensten, verdiente der Staat mit. Schliesslich erwirtschaftete er fast zwanzig Prozent seiner Einnahmen mit ausländischen Geldanlagen in Staatsschuldtitel.
Trittbrettfahren im Frieden
Dieser «Überschussstaat», wie ihn Altorfer nennt, konnte allerdings nur funktionieren, weil in der Stadtrepublik Bern von 1650 bis 1798 wie auf einer verschonten Insel Frieden herrschte. Während sich ringsum in blutigen Auseinandersetzungen moderne Staaten herausbildeten, die Unsummen für professionelle stehende Heere und für eine wachsende Bürokratie ausgaben. Altorfer beschreibt die Stadtrepublik Bern als «Trittbrettfahrerin», die als Lieferantin von Soldaten und Geldgeberin von den Krieg führenden Ländern profitierte. Bern unterhielt kein stehendes Heer, sondern Miliztruppen, die sich etwa durch Auslandeinsätze selber finanzierten. Die Verteidigungsausgaben waren also minimal. Erst 1798 nahmen sie zu, als Berns letztes Aufgebot erfolglos am Grauholz vor den Toren der Hauptstadt Frankreichs kriegserprobte Truppen aufhalten wollte.
Zutiefst ländlich
Zwar war das Alte Bern auf der Höhe der Zeit, laut Stefan Altorfer funktionierte es aber wie ein mittelalterlicher Adelsstaat, der noch in hohem Masse von Naturalabgaben lebte. Eine aufstrebende bürgerliche Schicht von Händlern, frühindustriellen Gewerblern oder Beamten gab es nicht. Bern war eine durch und durch agrarische Republik.
Man muss sich den Staat von 1750 zutiefst ländlich vorstellen. Zwischen Brugg und Nyon, wo heute im zersiedelten Mittelland fast drei Millionen Menschen leben und arbeiten, wohnten laut einer Volkszählung von 1764 gerade mal 336000 Menschen. Die Bevölkerungsdichte war gleichmässig dünn. Das Netz relativ gut ausgebauter Landstrassen zog sich durch Felder, unberührte Wälder und Wiesen. Die Strassen verliefen über Hochebenen und Hügel, weil in der Ebene Sümpfe und Überschwemmungen der unverbauten Flüsse einen am Fortkommen hinderten. Auch die Weiler, Dörfer und wenigen Landstädtchen waren auf sicheren Anhöhen erbaut.
Die reichste Berner Gegend war das hüglige Emmental. Weil dort der obrigkeitlich verordnete Flurzwang weniger strikt war, konnten die Bauern flexibel und je nach Nachfrage des Marktes zwischen Ackerbau und Viehzucht variieren. Auf den Emmentaler Alpweiden florierte die Käseproduktion, in den Dörfern die Leinenweberei. Der erwirtschaftete Reichtum widerspiegelt sich in majestätischen Bauernhöfen. Aber auch im Emmental lebten zumeist Kleinbauern, die unter der Last zahlreicher Abgaben im Überlebenskampf ächzten.
Die imperiale Zentrale
Unter den wenigen Städten ragt unangefochten Bern heraus, das 1764 rund 14000 Einwohner zählte. In dieser Zeit wurde es zu jener barocken Gesamtanlage mit den Palazzi hoch über der Aare ausgebaut, die heute die Touristen anzieht und die Liste des Unesco-Weltkulturerbes ziert. Mit Ausnahme des Münsters sticht, wie schon Goethe auffiel, kaum ein Einzelgebäude heraus. Das Hauptwerk ist die imperiale Altstadt als Ganze.
In dieser architektonischen Gleichheit widerspiegelt sich der Kollektivgeist einer abgeschlossenen Oligarchie von ein paar Dutzend Patrizierfamilien. Zwar stand ein Schultheiss an der Spitze des Staates Bern, aber sein Sessel wurde in einem Rotationsprinzip jeweils neu besetzt. Die Machtzentralen waren der Kleine und der Grosse Rat. Deren Sitze teilten die «regimentsfähigen» Familien untereinander auf.
Schmale Oligarchie
Dazu gehörten in Bern noch heute wohlklingende Namen von Burgergeschlechtern mit dem nobel verkürzten Adelsprädikat vor dem Namen: v.Wattenwyl, v.Graffenried, v.Steiger, v.Erlach, v.Diesbach oder v.Fischer. In ihren Salons wurde distinguiert Französisch gesprochen. Ihre Söhne warteten oft jahrelang auf einen Sitz im Rat oder einen Verwaltungsposten. Bloss 3000 durch Heiraten vielfach verbundene Männer – weniger als ein Prozent der Staatsbevölkerung – dirigierten so Alt-Bern. Rund 50 von ihnen residierten als Landvögte auf weithin sichtbaren Schlössern. Es waren die Stützpunkte der Staatsmacht auf dem Land.
Aber der Eindruck täuscht, dass die patrizische Stadtelite das Land straff und zentralistisch geführt hat. Die Landvögte mussten Rücksicht auf lokale Machtträger nehmen und eine heikle Balance halten. Die «gnädigen Herren» erkauften sich den Gehorsam der Untertanen nicht zuletzt mit tiefen Steuern und einer gesicherten Nahrungsversorgung im Krisenfall. Überdies waren Berns Herrscher selber keine abgehobenen Städter. Die warme Jahreszeit verbrachten sie auf ihren Landsitzen. Sie lebten von den Einkünften ihrer Landgüter, denn für die politischen Ämter zahlte sich Berns Oligarchie keine Löhne. Die scheinbar städtische Elite tickte agrarisch.
Verzicht auf Unternehmertum
1747 erliessen die Mitglieder des Grossen Rates gar ein Gesetz, das ihnen die Beteiligung an kaufmännischen und industriellen Unternehmen verbot. Der Zweck dieser Verzichterklärung sei es gewesen, dass keine herrschende Familie sich durch privat erwirtschafteten Reichtum über eine andere habe erheben können, erklärt André Holenstein, an der Universität Bern Professor für Schweizer Geschichte der frühen Neuzeit. Überdies habe der Herrscherzirkel so die von der Macht ausgeschlossenen Familien aus der breiten Burgerschaft beruhigt, indem er ihnen einen wirtschaftlichen Spielraum belassen habe.
Das Gesetz von 1747 bildet einen Geist der unternehmerischen Zurückhaltung ab, der auch im Bern von heute noch spürbar ist. Die alten Eliten hätten «staatswirtschaftlich und agrarisch, nicht privatwirtschaftlich, unternehmerisch und gewinnorientiert» gedacht, sagt Holenstein. Den «Krämer-Geist» hätten sie einem schmalen Bürgertum überlassen, auf das sie herabblickten.
Agrarische Vordenker
Hat die risikoscheue, in der Landwirtschaft verharrende Herrschaft also schon um 1750 den anrollenden Zug der Industrialisierung und der Warenproduktion verpasst? «Die Landwirtschaft war nach den damaligen Massstäben eine gewinnbringende Branche», widerspricht Holenstein. Und die Berner hätten bewusst auf die Agrarwirtschaft gesetzt. 1759 sei in Bern eine der ersten «ökonomischen Gesellschaften» der Schweiz gegründet worden, eine Art Thinktank, der wirtschaftliche Risiken erörtert und sich der Modernisierung der Landwirtschaft verschrieben habe, sagt Holenstein. Die Gesellschaft und ihr Vordenker Vinzenz Bernhard Tscharner seien in ganz Europa beachtet worden.
«Diese Vordenker überlegten so: Wenn die Getreideerträge wachsen, dann wachsen auch die Staatseinnahmen. Mehr Erträge bedeuten mehr Ernährungssicherheit, weniger soziale Unrast und Armutskosten», erläutert Holenstein. Die Berner Elite habe sich durchaus zeitgemäss um politische und soziale Stabilität bemüht. «Bis die Eisenbahn im 19.Jahrhundert die Transportwege verkürzte, bedrohte der Hunger noch die Ordnung und Sicherheit», erklärt Holenstein. Das Alte Bern habe gegen den Hunger in Jahren der Missernte ein geniales Netz von dezentralen Getreidespeichern geschaffen. Mitten in Bern, Burgdorf oder Herzogenbuchsee zeugen heute noch mächtige Kornhäuser von altbernischem Agrar- und Vorsorgedenken.
Berner Skepsis über Zürich
«Die Berner Patrizier haben sich in einer bewussten Risikoabwägung gegen die Forcierung der Frühindustrialisierung entschieden», stellt Holenstein fest. Der Kanton Zürich und die Ostschweiz hätten damals in einer Art Arbeitsteilung die frühe Textilindustrie vorangetrieben und ihr Getreide aus Süddeutschland eingeführt. In den Augen der Berner setzte sich Zürich so den Risiken der konjunkturabhängigen Exportindustrie aus, deren Krisen unmittelbar zu Armut führten. Und Zürich machte sich aus Berner Sicht bei der Nahrungsmittelsicherheit vom Ausland abhängig und erpressbar. «Die vorsichtigen Berner dachten in Kategorien der Autarkie, Unabhängigkeit und Souveränität», sagt Holenstein.
Den aufs Bekannte vertrauenden Bernern dürfte aber nicht entgangen sein, dass sich der wirtschaftliche Risikokurs für Zürich oder Genf lohnte. Die Nordostschweiz stand an der Spitze der europäischen Frühindustrialisierung. Sie setzte auf die im zurückhaltenden Bern verpönte Luxusnachfrage nach edlen Stoffen und stellte von der Leinen- auf die einträglichere Baumwollverarbeitung um. Zürichs Staatseinnahmen bestanden schon im 18.Jahrhundert aus einem wachsenden Anteil von Exportzöllen. Im Kanton Zürich und in der Ostschweiz wuchs eine kommerziell tätige, bürgerliche Elite heran, die in Bern fehlte.
Bern liess die Textilverarbeitung und vorindustrielle Werkstätten bloss in Randgebieten zu, vor allem im Aargau, den es nach dem französischen Einmarsch 1798 und der neuen kantonalen Aufteilung der Schweiz verlor. Die Leinenverarbeitung, die nach dem Vormarsch der Baumwolle von der Ostschweiz ins Emmental abgedrängt worden war, wurde immer weniger einträglich.
Ruhe vor dem Sturm
Wenige Jahrzehnte vorher aber gab es im soliden und solventen Stadtstaat Bern kaum Irritation über die Zukunft. Das ausgehende 18.Jahrhundert war noch eine statische Welt, die aussah wie 200 Jahre zuvor: ländlich, dörflich, autoritär. Die Republik Bern mit ihrer imperialen Hauptstadt und den mächtigen Kornhäusern war in dieser Epoche ein vitales Erfolgsmodell.
1798 ging das Alte Bern nicht bloss wegen des Ansturms von Frankreichs Truppen unter, die den Staatsschatz und die Bären aus dem Bärengraben nach Paris entführten. Es kollabierte auch an inneren Defiziten. An den mangelnden Möglichkeiten der Partizipation für neu aufstrebende Gesellschaftsschichten. Und an einer selbstherrlichen Machtelite, die niemand anders den Staat mitgestalten liess und sich wirtschaftlichen Freiheiten und Neuerungen verschloss. Mit dem Einmarsch der Franzosen kündigte sich der Sturm der Moderne an, der nur 60 Jahre später Berns wirtschaftliche Defizite blosslegen sollte und seinen Kriechgang einleitete.
Das Erbe von Alt-Bern
Das heute noch wirksame Erbe aus dem Alten Bern ist schillernd. Dazu gehören eine Staatsgläubigkeit und ein bodenständiger, bäuerlicher Geist. Das immer noch virulente gegenseitige Ressentiment zwischen dem Land und der es einst dominierenden Stadt Bern. Die Brückenfunktion zwischen der Deutschschweiz und der Romandie, die Bern erobert hatte. Und eine Berner Mentalität, die Vorsicht mit Unbeweglichkeit, ein Gefühl von Grösse mit provinzieller Selbstgerechtigkeit und Nüchternheit mit Gemütlichkeit paart.
Literatur: Stefan Altorfer-Ong: «Staatsbildung ohne Steuern – Politische Ökonomie und Staatsfinanzen im Bern des 18.Jahrhunderts», Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern, Hier+Jetzt-Verlag 2011; Peter Meyer (Hrg.): «Berner – deine Geschichte», Illustrierte Berner Enzyklopädie, Band 2, Büchler-Verlag 1981, greifbar unter www.digibern.ch. (Berner Zeitung)
Erstellt: 25.02.2011, 18:07 Uhr
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1 Kommentar
Ein hervorragender Artikel, der des Berners Wesen und die heutige, wirtschaftlich missliche Lage des Kantons und der Stadt Bern aus historischer Sicht trefflich nachvollziehen lässt! Zu bedenken ist allerdings, dass seit 1798 ganze 212 Jahre mitsamt der Industrialisierung vergangen sind, mehr als Zeit genug, um sich von den mentalen Fesseln des ländlich geprägten Aristokraten-Staates zu befreien.. Antworten

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