«Sie sind Wanderarbeiter, die das System missbrauchen»
Von Andrea Sommer. Aktualisiert am 23.11.2011 4 Kommentare
Zur Person
Iris Rivas leitet seit Juni dieses Jahres den Migrationsdienst des Kantons Bern. Die 49-jährige Bernerin war davor 30 Jahre im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten tätig, 14 Jahre davon in Schweizer Botschaften. Zuletzt leitete sie in Bern die konsularischen Angelegenheiten des Departementes. Rivas absolvierte der Universität Klagenfurt ein Masterstudium in Projektmanagement. Sie ist geschieden und hat einen Sohn.
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Frau Rivas, wie viele Nordafrikaner sind seit 2010 in den Kanton Bern gekommen?
Iris Rivas: 2010 waren es 107 Personen, 83 von ihnen waren Dublin-Fälle. In diesem Jahr kamen bis Ende September 348 Asylsuchende aus Nordafrika, 298 davon sind Dublin-Fälle.
Die Nordafrikaner sind in den Asylzentren nicht die Mehrheit, machen aber am meisten Probleme. Was tun Sie dagegen?
In Lyss haben wir die nächtliche Bewachung des Zentrums durch die Securitas organisiert sowie die Fenster im Erdgeschoss vergittert. Zudem besuchen zwei Mitarbeiter des Migrationsdienstes regelmässig die Zentren. Neu ist auch der 24-Stunden-Pikettdienst, der bei Gewalt in einem Zentrum sofort reagiert. Dabei arbeiten wir eng mit Polizei, Justiz, Regierungsstatthaltern und Gemeindebehörden zusammen.
Sind die Massnahmen dauerhaft?
Wir haben sie für ein halbes Jahr beschlossen und überprüfen ihre Wirkung jeweils nach drei Monaten. Derzeit zeichnet sich jedoch ab, dass die Massnahmen Standard werden.
Was kostet das den Kanton?
Für genaue Angaben ist es zu früh. Die Bewachungsmassnahmen in Lyss kosten für sechs Monate mindestens 160'000 Franken.
Können Sie die Probleme mit dem vorhandenen Personal bewältigen?
Nein, nicht bei den steigenden Asylzahlen. Aus Platzmangel verteilt der Bund die Leute heute schneller an die Kantone. Allein letzte Woche wurden uns über 80 Personen zugewiesen. Wir prüfen nun mit unseren Partnern, welche die Zentren im Kanton führen, wie wir aufstocken können. Es wäre einfacher, wenn es in den Bundeszentren mehr Platz gäbe.
Viele der Nordafrikaner in unseren Asylzentren sind keine Flüchtlinge.
Ja, denn sie kommen nicht aus Kriegsgebieten, in denen sie an Leib und Leben bedroht sind. Man könnte sie auch Wanderarbeiter nennen. Weil das Asylverfahren der einzige Weg in den Schengen-Raum ist, missbrauchen sie das System.
Auffallend viele der Nordafrikaner sprechen italienisch.
Wir gehen davon aus, dass sie länger in Italien waren, dort gearbeitet haben und sogar eine Aufenthaltsbewilligung hatten. Wegen der schlechten Wirtschaftslage wandern sie weiter.
Laut dem Dublin-Abkommen ist doch Italien für diese Asylgesuche zuständig, und die Schweiz kann diese Leute dorthin zurückführen.
Das ist so.
Aber?
Hier ist der Bund gefordert, seine Prozesse zu überprüfen und zu verschlanken, etwa bei der Dauer der Dublin-Verfahren. Aber auch international muss er dieses Problem aufnehmen.
Konkret?
Er muss mit Italien nochmal über das Dublin-Abkommen und die damit verbundene Verantwortung sprechen. Allenfalls muss man auch mit den EU-Staaten sehen, wie Italien zu entlasten ist. (Berner Zeitung)
Erstellt: 23.11.2011, 10:35 Uhr
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