Region

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Präsident Nathalie-Stiftung: «Wir sind alle schockiert»

Von Christine Nydegger. Aktualisiert am 02.02.2011 6 Kommentare

Der Mann, der 122 Behinderte sexuell missbrauchte, arbeitete längere Zeit in der Nathalie-Stiftung in Gümligen. In der Tagesschule werden 36 und im Internat 9 behinderte Kinder und junge Erwachsene betreut. Peter Niederhäuser ist der Stiftungsratspräsident.

Peter Niederhäuser gibt als Präsident der Stiftung Auskunft.

Peter Niederhäuser gibt als Präsident der Stiftung Auskunft.
Bild: TeleBärn

Bildstrecke

Der grösste Missbrauchsfall im Kanton Bern

Der grösste Missbrauchsfall im Kanton Bern
Während 29 Jahren hat ein Sozialtherapeut aus dem Kanton Bern von ihm betreute Behinderte missbraucht – vor allem Kinder. 114 Übergriffe hat H.S* gestanden. Die Behörden sprechen vom grössten Missbrauchsfall, den es im Kanton Bern je gab.

Artikel zum Thema

Herr Niederhäuser, im Jahr 2003 arbeiteten gleich zwei Männer in der Nathalie-Stiftung, die Betreute schändlich missbrauchten. Einer von ihnen war H.S. Wie konnte das passieren?
Peter Niederhäuser: Das fragen wir uns auch. Aber ich muss sagen, dass ich damals noch nicht bei der Nathalie-Stiftung war.

Seit wann sind Sie Stiftungsratspräsident?
Seit 2007. Ich habe diesen Mann noch nie gesehen. Ich kenne weder den einen noch den anderen Täter. Wir haben Konzepte, wir machen Präventionsmassnahmen, und der Kanton überprüft das alles. Wir machen sehr viel.

Der eine der Täter wurde damals verhaftet, vor Gericht gestellt und zu sechseinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. H.S., dem jetzt über 122 sexuelle Übergriffe zur Last gelegt werden, liess man laufen. Wissen Sie, wieso?
Ich kann mich nur auf die Mitteilung der Polizei berufen. Man hatte diesen Mann damals im Fokus und hat ihn befragt. Aber anscheinend hat man gefunden, dass die Angaben des Mädchens zu wenig erhärtet seien. Leider Gottes, muss man im Nachhinein sagen. Den Opfern hätte viel erspart werden können. Wir sind schockiert.

Hat dieser Mann nach der Befragung durch die Polizei im Jahr 2003 noch weiter in der Nathalie-Stiftung gearbeitet?
Ja, er hat hier noch weitergearbeitet, zuerst als Festangestellter und später dann bis ins Jahr 2008 noch als Aushilfe mit einem tiefen Pensum.

Und in dieser Zeit hat nie jemand etwas bemerkt?
Nein, anscheinend ist da nichts aufgefallen. Nichts ist vorgekommen, bei dem man hätte hellhörig werden sollen. Wir haben uns das im Nachhinein natürlich auch gefragt.

Die Polizei hat gestern gesagt, dass die betroffenen Heime danach untersucht werden sollen, ob dort die Sorgfaltspflicht verletzt worden ist. Befürchten Sie etwas für Ihre Institution?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben der Polizei alle nötigen Unterlagen zur Verfügung gestellt. Heute hat einer gesagt, dass es vielleicht am Sensorium fehle für solche Taten. Sie sind so scheusslich, dass sich das ein normales Hirn gar nicht vorstellen kann.

Ich nehme an, dass in der Nathalie-Stiftung heute noch Leute beschäftigt sind, die mit diesem Mann zusammengearbeitet haben. Wie gehen Sie damit um?
Ja, das gibt es. Es trifft sie hart, weil sie den Mann zu kennen glaubten und nichts gemerkt haben. In den Sitzungen sind da jeweils die Tränen zuvorderst. Sie machen sich grosse Vorwürfe.

Kann man denn solche Taten nicht irgendwie verhindern?
Nein, das glaube ich nicht. Solche scheusslichen Taten gibt es leider zu Tausenden, wie wir jeden Tag lesen müssen.

Es fällt auf, dass solches öfter in Behindertenheimen passiert.
Das ist leider so. Aber ich bin nicht Fachmann, ich bin Anwalt. Ich kann nur sagen, was ich gehört habe. Behinderte sind halt solchen Tätern stärker ausgeliefert als andere Personen.

Werden darum diese Täter quasi angezogen?
Das nehme ich an. Dieser Mann ist ja sehr gezielt vorgegangen. Also hat er auch seine Arbeitsplätze gezielt ausgesucht.

Wenn man in der Nathalie-Stiftung Leute anstellt, holt man da einen Leumundsbericht ein?
Nein, einen Leumundsbericht hatten wir nicht. Wir haben Referenzen eingeholt und hatten Arbeitszeugnisse. Die waren alle gut. Er wird als «begeisterungsfähig» beschrieben. Er habe sich für die Betreuten sehr eingesetzt, war dort zu lesen, und er war ja auch nicht vorbestraft.

Müssen Eltern von Behinderten mit diesem Risiko leben?
Das hoffe ich nicht. Ich kann nur sagen, dass wir alles tun, um unsere Betreuten zu schützen. Und wir werden sicher auch externe Hilfe in Anspruch nehmen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 02.02.2011, 06:27 Uhr

6

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

6 Kommentare

Anita Burri

02.02.2011, 10:44 Uhr
Melden

Dass so etwas in unserer Gesellschaft geschieht, ist schlimm genug. Doch hören wir auf, uns immer auf die Täter zu konzentrieren, kümmern wir uns in erster Linie um die Opfer, und danach lasst uns überlegen, wie wir künftig solche Geschehnisse verhindern können. Antworten


christoph scheidegger

02.02.2011, 09:21 Uhr
Melden

diese "fachleute" haben eine sehr schwere VERANTWORTUNG auf sich geladen und sehr wahrscheinlich mehr als nur ihre sorgfaltspflicht verletzt. und nur als fahrlässigkeit, lässt sich das versagen (!) der "fachleute" nicht qualifizieren...!! (haben diese fachleute eine haftpflichtversicherung, oder muss der dumme steuerzahler den schrecklichen schaden bezahlen...?). Antworten



Populär auf Facebook Privatsphäre