Philippe Perrenoud auf verlorenem Posten

Der sozialdemokratische Berner Gesundheits- und Fürsorgedirektor musste sich am Donnerstag von der bürgerlichen Mehrheit als Sozialabbauer vorführen lassen.

Unmögliche Situation: SP-Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud versucht die Bürgerlichen von Kürzungen im Sozialbereich zu überzeugen.

Unmögliche Situation: SP-Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud versucht die Bürgerlichen von Kürzungen im Sozialbereich zu überzeugen. Bild: Andreas Blatter

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Sogar politische Gegner hatten gestern Donnerstag fast Mitleid mit Philippe Perrenoud (SP). Der Berner Gesundheits- und Fürsorgedirektor durchlitt im Rathaus einen rabenschwarzen Tag. Stundenlang blickte er finster vor sich hin. Der Grosse Rat hat nacheinander die grossen, umstrittenen Sparvorschläge aus Perrenouds Bereich zerpflückt. Dort, wo er sparen wollte, wollte die Parlamentsmehrheit nicht; sie tat es dafür dort, wo er nicht wollte. Doch das wäre ja noch gegangen.

Wirklich bitter war, wie sich der stolze Sozialdemokrat von der bürgerlichen Ratsmehrheit als verkappter Sozialabbauer vorführen lassen musste. Er spielte das Spiel tapfer bis zur letzten Minute mit. Perrenoud verteidigte die Sparvorschläge der Regierung auch dann noch, als längst klar war, dass sie chancenlos waren. Andere Regierungsmitglieder haben sich schon in weit harmloseren Situationen damit beholfen, die Regierungshaltung hörbar distanziert runterzubeten. Doch Perrenoud, der das Sparpaket schon im Vorfeld mit unerwartetem Eifer verteidigt hatte, ging mit wehenden Fahnen unter.

Gegen Perrenouds Willen

Besonders unangenehm waren für ihn die Sparvorschläge der Regierung im Behindertenbereich. Von links bis rechts war man sich einig, man dürfe nicht bei den «Schwächsten» sparen, wie es meist hiess. Dass die Kürzungen in der Psychiatrie, die der Grosse Rat kurz vorher gegen Perrenouds Willen durchsetzte, auch nicht gerade die Stärksten der Gesellschaft treffen, erwähnten nur die Vertreter der Linken.

Die SVP hingegen liess es sich nicht nehmen, sich «schockiert» zu zeigen über die Vorschläge der rot-grünen Regierung. Auch diese Provokation nahm Perrenoud finster hin und schaute still zu, wie der Grosse Rat mit null Gegenstimmen den von der Regierung geplanten Einschnitt bei den Behinderten verhinderte.

Warum die Regierung an ihren Sparanträgen festhielt, obwohl sie spätestens seit der Intervention der Finanzkommission aussichtslos waren, bleibt ihr Geheimnis. Die Bürgerlichen hats gefreut. Perrenoud vielleicht weniger. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 22.11.2013, 06:13 Uhr)

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