Patienten sollen mehr für die Spitex zahlen
Von Brigitte Walser. Aktualisiert am 28.11.2011 7 Kommentare
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Viermal täglich komme die Spitex vorbei, erzählt der Patient* am Telefon. Am anderen Ende des Drahtes merkt man nicht, dass er den Hörer nicht in der Hand, sondern neben sich auf dem Kissen liegen hat. Er könne den Hörer nicht halten, sagt er. Seit 5 Jahren sei er komplett gelähmt. «Nur der Kopf funktioniert.» Die Lähmung ist die Folge seiner Erkrankung an multipler Sklerose (MS) vor rund 30 Jahren. Eine Spitex-Mitarbeiterin kommt vorbei, um ihm vom Bett in den Rollstuhl und bei der Pflege zu helfen. Sie ist täglich insgesamt zwei bis zweieinhalb Stunden im Haus, das erste Mal morgens um 8, das letzte Mal abends gegen 21 Uhr. Er brauche täglich Hilfe bei der Pflege, eigentliche medizinische Betreuung sei nicht notwendig, erzählt er, «denn sonst bin ich gesund. Würde man meine Nervenkabel auswechseln, wäre alles in Ordnung.»
«Keine andere Möglichkeit»
Nebst den Krankenkassenprämien zahlt der MS-Patient für die Pflegeleistung der Spitex die Franchise und den Selbstbehalt, hinzu kommen diverse Auslagen, etwa für Hygieneartikel. Den Rest zahlen Krankenkasse und Kanton. Jetzt soll jedoch für einen Teil der Spitex-Patienten ein Pflegebeitrag hinzukommen.
Für ihn würde das bedeuten, erzählt der Patient, dass er ab 65, also in wenigen Jahren, zusätzlich 5820 Franken im Jahr an die Pflege zahlen müsste. Er würde das bezahlen, «eine andere Möglichkeit gibt es nicht». Die Spitex sei eine sehr gute Organisation, «ohne sie wäre es unmöglich, zu Hause zu leben». Doch einverstanden ist er mit dem geplanten Beitrag nicht. Zur Behinderung komme damit eine Belastung finanzieller Art hinzu. «Reiche werden diesen Betrag ohne weiteres zahlen können, und Arme müssen nicht zahlen. Schwierig wird es für den Mittelstand sein», sagt er, der gearbeitet hat, solange es ihm die Krankheit erlaubte.
Hilfe auch im Notfall
Die Spitex bietet nicht nur pflegerische, sondern auch hauswirtschaftliche Leistungen an. Auch hier setzt die Berner Regierung an: Die bereits bestehenden Patientenbeiträge sollen erhöht werden. Diese Leistungen brauche er nicht, erzählt der Patient. Seine Frau erledigt den Haushalt. «Ohne sie könnte ich nicht zu Hause sein, ohne sie wäre das auch gar nicht zu bezahlen», sagt er. Ihm sei es enorm wichtig, in den eigenen vier Wänden zu wohnen. «Zu Hause leben zu können, ist wunderschön.» Eine grosse Beruhigung sei der Pikettdienst der Spitex. Im Notfall könne er jederzeit Hilfe anfordern. Das Einfamilienhaus ist rollstuhlgängig. Das müsse eine Vorsehung gewesen sein, «denn beim Bau konnte ich nicht wissen, dass ich krank werden und den Rollstuhl brauchen würde».
Wen es betrifft
Die Patientenbeiträge für die Spitex sind umstritten. Lars Guggisberg, SVP-Grossrat und Vorstandsmitglied der Spitex Kanton Bern, verlangt in einer Motion, auf den Patientenbeitrag bei der Pflege sei zu verzichten. Sein Parteikollege Ueli Studer, Vorsteher für Soziales in Köniz, fordert in einer weiteren Motion, der Beitrag für hauswirtschaftliche Leistungen solle nicht erhöht werden.
«Auch wir wehren uns gegen die beiden Sparmassnahmen», sagt Jürg Schläfli, Geschäftsleiter der Spitex Kanton Bern. «Bei der Pflege wären rund 35 Prozent und bei der Hauswirtschaftshilfe rund 70 Prozent unserer Klienten betroffen.» Der neue Beitrag würde grossen administrativen Aufwand bewirken, warnt er. Die geplanten Einsparungen seien auch nicht nachhaltig. «Die Patienten werden Einsparpotenzial suchen und nötige Leistungen streichen.» Das könne zu vorzeitigen Heimeinweisungen führen. Auch kämen pflegende Angehörige stärker unter Druck.
Er unterstütze die Vorstösse ebenfalls, sagt der MS-Patient. Schon vor einem Jahr, als erstmals ein Patientenbeitrag zur Diskussion stand und vom Grossen Rat abgelehnt wurde, hat er sich eingeschaltet, mit Briefen an Zeitungsredaktionen und Politiker. «Es macht mir Mühe, dass Politik und Regierung über mich bestimmen können, ich bin schon sonst überall abhängig.» Er schreibt die Briefe am Computer. Mit Kopfbewegungen könne er den Cursor bewegen. Der Computer sei für ihn wichtig. «Er gibt mir Eigenständigkeit.»
* Name der Redaktion bekannt
> (Berner Zeitung)
Erstellt: 28.11.2011, 08:02 Uhr
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7 Kommentare
Wenn ich die hohen Verwaltungkosten der Spitex sehe und die Qualitätsnormen. Vergleichen Sie einmal die Löhne des Kaders, Büro Administration, mit denen der Pflegenden. Für diese vielen FH's kann man das doppelte an Pflegenden einstellen. Nun die Frage, benötigt es einen FH Titel um Spitexdienste planen zu können? Diese Verteureung haben wir uns mit dem Qualitätsmanagementwahn selbst zuzuschreiben Antworten

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