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Markwalder: «Dort dabei sein, wo die wichtigen Entscheide gefällt werden»

Von Gregor Poletti. Aktualisiert am 25.01.2011 10 Kommentare

Die 35-jährige FDP-Nationalrätin Christa Markwalder will Berner Ständerätin werden. Die Burgdorferin setzt sich für einen EU-Beitritt, eine starke Wirtschaft und die langfristige Sicherung der Sozialwerke ein.

Will im Ständeratssaal Platz nehmen: FDP-Nationalrätin Christa Markwalder kämpft am 13. Februar um den zweiten Berner Sitz im Ständerat.

Will im Ständeratssaal Platz nehmen: FDP-Nationalrätin Christa Markwalder kämpft am 13. Februar um den zweiten Berner Sitz im Ständerat.
Bild: Andreas Blatter

Jung, liberal, eigenwillig

Die Burgdorferin Christa Markwalder hat sich seit 10 Jahren der Politik verschrieben. Sie fällt immer wieder durch pointierte Meinungen auf – auch öfters gegen die vorherrschende Haltung innerhalb ihrer Partei, der FDP. Sie ist eloquent und erstaunlich abgebrüht für eine 35-jährige Politikerin. Und Christa Markwalder gibt sich meist charmant, ausser man tritt ihr zu stark auf die Füsse. Dann kann die gelernte Juristin auch mal die Krallen ausfahren. Gelernt hat sie das politische Handwerk von der Pike auf, auch wenn sie die Stationen im Eiltempo durchlief: 2000 wurde sie ins Stadtparlament von Burgdorf gewählt. Nur zwei Jahre später schaffte es der damalige Jungstar der Berner Freisinnigen in den Grossen Rat. Und verdrängte dabei gar ihren Vater Hans-Rudolf Markwalder, der nicht mehr wiedergewählt wurde. Wieder zwei Jahre später zog es sie in die Bundespolitik, wo sie auf Anhieb ein Nationalratsmandat ergatterte. Seit 2004 ist sie eines der vier Mitglieder der bernischen FDP in der grossen Kammer. Als Folge von Christa Markwalders Einzug in den Nationalrat konnte ihr Vater wieder in den Grossen Rat nachrutschen.

Weit oben im KMU-Ranking

Markwalders ganz grosse Aufmerksamkeit gilt den Aussenbeziehungen der Schweiz. Sie präsidiert die Aussenpolitische Kommission des Nationalrates und macht keinen Hehl daraus, dass sie für einen Beitritt der Schweiz zur EU einsteht. Da erstaunt es nicht, dass sie auch als Präsidentin der Neuen Europäischen Bewegung amtet. Als Juristin weiss sie ihr Wissen auch in der Rechts- und Redaktionskommission einzubringen. Nicht nur mit ihrem europapolitischen Engagement weicht sie des Öftern von der Parteilinie ab. Auch in der Frage der Cannabislegalisierung, die sie ebenso befürwortete wie die Verkehrshalbierungsinitiative, ging Markwalder auf Konfrontationskurs zur FDP. Wohl auch aus diesem Grund ist ihre Position innerhalb der Bundeshausfraktion nicht die stärkste, dies, obwohl sie Vorstandsmitglied der FDP Schweiz ist.
Während sie in gesellschaftspolitischen Fragen klar linksliberal politisiert, wie das Rating der NZZ zeigt, hat Markwalder grosses Verständnis für die Anliegen der Wirtschaft. So ist sie im KMU-Rating des Gewerbeverbandes weit oben auf der Liste zu finden.

Wenig Privates

Von ihrem Privatleben gibt Christa Markwalder nicht viel preis. Sie bekocht nach eigenen Angaben gerne Freunde und spielt Cello im Orchesterverein Burgdorf. Die Trennung von ihrem Mann vor einem Jahr will sie nicht weiter kommentieren. Offensichtlich gehört ihre Leidenschaft derzeit vor allem der Politik.

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Wohin zieht es Sie mehr, in die Europäische Union (EU) oder in den Ständerat?
Christa Markwalder: Mir ist es wichtig, dass die Schweiz ihre Interessen optimal vertreten kann, und zwar auch auf europäischer Ebene...

...und das kann man am besten mit einem EU-Beitritt, wie Sie ihn propagieren?
Dort dabei sein, wo die wichtigen Entscheide gefällt werden, lautet meine Devise. Das gilt sowohl für die EU als auch für den Ständerat.

Ihr Engagement für einen EU-Beitritt könnte Ihnen aber beim Wahlkampf grosse Nachteile einbringen.
Das mag sein, aber nach meiner Erfahrung wird Ehrlichkeit von den Wählerinnen und Wählern geschätzt. Ich war in den letzten sieben Jahren ja bei allen europapolitischen Volksabstimmungen in der Mehrheit, habe die bilateralen Abkommen unterstützt und für die Personenfreizügigkeit und Schengen gekämpft. Das im Gegensatz zur SVP, die alles Erreichte aufs Spiel setzen will und damit auch den breiten Konsens in der Bevölkerung in den Beziehungen zur EU torpediert.

Wo wollen Sie nebst Ihrem aussenpolitischen Engagement im Ständerat Schwerpunkte setzen?
Ich habe verschiedenste Interessengebiete; so liegt mir etwa die langfristige Sicherung der Sozialwerke sehr am Herzen. Ich habe mich für Reformen bei der AHV, IV, ALV und BVG engagiert, weil für die junge Generation gesicherte Sozialwerke sehr wichtig sind. Ein weiteres Augenmerk möchte ich sicher auch auf die Bildung und die Kultur richten.

Wo Sie welches Gedankengut einbringen möchten?
Ich würde mich als klassische Liberale bezeichnen, die sich für möglichst viele Freiheiten für das Individuum einsetzt. Damit wir wirtschaftlichen Erfolg haben, brauchen wir gute Rahmenbedingungen für unsere Unternehmen. In der Rechtskommission bin ich deshalb stark engagiert für ein modernes Aktien- und Rechnungslegungsrecht.

Im Ständerat müssten Sie stärker als heute den Kanton Bern vertreten, wo steht dieser heute?
Bern hat eine wichtige Brückenfunktion zwischen der Romandie und der Deutschschweiz. Und er ist wie eine «Suisse en miniature»: Von Städten bis hin zu kleinsten Bauerndörfern finden Sie alles hier, politisch und kulturell. Topografisch sind wir Teil des Alpengürtels, des Mittellandes und des Juras. Ich bin überzeugt, dass ich eine breite Mehrheit der Bernerinnen und Berner vertreten kann.

Obwohl Sie klar dem urbanen Gebiet zuzuordnen sind und Ihre politischen Einstellungen dem konservativen Emmentaler wohl kaum passen.
Sicherlich würde ich auch die Anliegen der Landbevölkerung in mein politisches Engagement einbeziehen. Und mich stark dafür einsetzen, dass der Kan-ton wirtschaftlich vorankommt. Denn Bern hat zwar eine gut funktionierende Infrastruktur, aber diese alleine reicht nicht aus, um aus Bern einen wirtschaftlich dynamischen Kanton zu machen. Ich bin nicht stolz darauf, dass wir der grösste Nettobezüger aus dem schweizerischen Finanzausgleich sind.

Wie wollen Sie das ändern?
Zunächst ist klar: Wenn die Schweiz dank guter Bildung und Innovation sowie moderaten Steuern prosperiert, dann profitiert auch der Kanton Bern davon. Im Kanton Bern fehlt zwar eine klar dominierende Wirtschaftsbranche wie in Basel die Chemie oder in Zürich die Finanzindustrie. Bern sollte sich als politische Hauptstadt besser verkaufen, auch dies generiert Wertschöpfung.

Bern steht vor wichtigen Entscheiden. Wie ist Ihre Haltung in der AKW-Frage?
Ich unterstütze den Ersatz des AKW Mühleberg, und zwar aus pragmatischen Überlegungen. Weil ich keine Gaskombikraftwerke will, welche einen massiven CO2 haben, braucht es eine Alternative, um die Stromversorgungssicherheit zu gewährleisten. Als Präsidentin der parlamentarischen Gruppe für erneuerbare Energien unterstütze ich den Ausbau von Sonnen-, Wind- und Wasserkraft. Doch diese reichen für die Deckung unseres Stromverbrauchs nicht aus. Es ist auch ein Ja zum Standort Bern, denn Mühleberg generiert Arbeitsplätze und eine halbe Milliarde Wertschöpfung.

Wie ist Ihre Einstellung zur Motorfahrzeugsteuer?
Ich bin klar für die Vorlage des Grossen Rates, sie setzt einen vernünftigen Anreiz, ökologischere Fahrzeuge zu kaufen. Der Volksvorschlag würde hingegen zu hohe Steuerausfälle zur Folge haben.

Braucht Bern wieder eine ungeteilte bürgerliche Stimme?
Es ist sicher effizienter, wenn sich die beiden Stimmen im Ständerat nicht gegenseitig aufheben. Und mit dem amtierenden BDP-Ständerat Werner Luginbühl würde ich auch politisch sehr gut harmonieren.

Mit wem haben Sie mehr Gemeinsamkeiten, mit SVP-Mann Adrian Amstutz oder mit der Linken Ursula Wyss?
Finanzpolitisch habe ich sicher mit Herrn Amstutz mehr Gemeinsamkeiten, gesellschaftspolitisch mit Frau Wyss. Wichtiger scheinen mir jedoch die Gemeinsamkeiten, welche die beiden miteinander haben. Sie sind beide stramme Vertreter ihrer Parteien und somit auch verantwortlich für zahlreiche unheilige Allianzen im Nationalrat, die etwa für die Versenkung der 11.AHV-Revision sorgten. Ich hingegen darf von mir behaupten, eine Garantin für lösungsorientierte bürgerliche Politik zu sein.

Und vertreten dabei stark die Interessen der Versicherungslobby.
Ich arbeite seit drei Jahren als Juristin bei der Zurich-Versicherung. Dank dieser Tätigkeit sammle ich wertvolle Erfahrungen im wirtschaftlichen Alltag, was mir auch in der Politik zugutekommt. Allerdings weiss ich Beruf und Politik inhaltlich voneinander zu trennen.

Ein Plädoyer gegen ein Berufsparlament.
Ja. Es ist gut und wichtig, auch ausserhalb des Bundeshauses aktiv zu sein.

Und der Ständerat bietet zudem noch ein ideales Sprungbrett für den Bundesrat.
Ich bin eine passionierte Parlamentarierin und liebäugle nicht mit einem Exekutivamt. Mich reizt der Ständerat auch deshalb, weil dort eine tiefere und intellektuell anspruchsvollere Debatte stattfindet als im Nationalrat.

Um dorthin zu gelangen, müssten Sie im ersten Wahlgang mehr Stimmen erhalten als Amstutz.
Das wäre sicher optimal für mich, und ich erachte diese Chancen als intakt, zumal die FDP bei Majorzwahlen in der Regel gut abschneidet.

Sind Sie bereit, sich bei einem schlechten Abschneiden im zweiten Wahlgang zurückzuziehen, um die ungeteilte Standesstimme zu gewährleisten?
Es macht keinen Sinn, schon jetzt darüber zu spekulieren. Ich werde das Resultat analysieren und erst dann entscheiden. Sicher mache ich keine Versprechungen auf Vorrat und schon gar keine, die nicht auf Gegenseitigkeit basieren.

Die EVP schickt Marc Jost ins Rennen. Wie stark ärgert Sie diese Konkurrenz?
Konkurrenz belebt das Geschäft. Er wird nach meiner Einschätzung überall ein paar Stimmen abzügeln. Mit Wyss gemeinsam hat er die Ablehnung des Mühleberg-Ersatzes, mit Amstutz eine konservative Familienpolitik und mit mir einen konstruktiven politischen Ansatz. Ich habe mich allerdings gewundert, dass die EVP jetzt und nicht erst im Herbst antritt.

Wie viel investieren Sie in Ihren Wahlkampf?
Meine ganze Freizeit. Ich bin nebst zahlreichen Medienterminen fast jeden Abend an einem Podium oder halte ein Referat.

Und wie sieht es finanziell aus?
So viel, wie wir für den Wahlkampf an Spenden sammeln können. Aus der eigenen Tasche zahle ich 10'000 Franken, das entspricht der Abmachung mit der FDP für einen Ständeratswahlkampf.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 25.01.2011, 06:30 Uhr

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10 Kommentare

Julius Hadorn

25.01.2011, 08:30 Uhr
Melden

Also doch, die FDP will in die EU! Alle anderen Aussagen sind Lippenbekenntnisse und sollten nur die noch restlichen FDP-Wähler für 2011 an der FDP-Stange halten. Das eine halbwegs intelligente Frau in die marode EU will, ist mir schleierhaft. Die EU hat keine Zukunft, daher kann ich es auch nicht nachvollziehen, dass Frau Markwalder in der Lage ist, längerfr. die Zukunft der Schweiz zu steuern. Antworten


fritz müller

25.01.2011, 08:54 Uhr
Melden

da klaffen wohl selbstwahrnehmeung ("ich bin eine klassisceh liberale") und aussenwahrnehmung ("Ich bin klar für die Vorlage des Grossen Rates, sie setzt einen vernünftigen Anreiz, ökologischere Fahrzeuge zu kaufen. Der Volksvorschlag würde hingegen zu hohe Steuerausfälle zur Folge haben") heftigst auseinander. frau markwalder ist möglicherweise eine neosozialistin, aber keine liberale. Antworten



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