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«Man beschimpft mich sowieso schon als ‹Mörderin der Landspitäler›»

Von Fabian Schäfer. Aktualisiert am 31.12.2011 3 Kommentare

Ab 1.Januar gilt schweizweit die neue Spitalfinanzierung. Annamaria Müller, die Leiterin des bernischen Spitalamts, geht davon aus, dass weitere Spitalstandorte auf dem Land umfunktioniert werden. Und: Sie ist unsicher, ob alle Chefs der öffentlichen Spitäler – Regionalspitäler und Insel – gewappnet sind.

Spitalamt-Leiterin Annamaria Müller glaubt nicht, dass Patienten künftig zu früh entlassen werden.

Spitalamt-Leiterin Annamaria Müller glaubt nicht, dass Patienten künftig zu früh entlassen werden.
Bild: Christian Pfander

Frau Müller, was werden Bernerinnen und Berner von der neuen Spitalfinanzierung merken, die am 1.Januar in Kraft tritt?
Annamaria Müller: Hoffentlich nichts. Am ehesten dürften sie merken, dass sie sich künftig einfacher in ausserkantonalen Spitälern behandeln lassen können. Wenn diese zu tieferen Tarifen arbeiten als die Berner Spitäler, bezahlen Kanton und Grundversicherung; sonst braucht es weiterhin eine Zusatzversicherung, oder man bezahlt die Differenz selbst.

Das ist alles? Viele warnen, der steigende Kostendruck führe zu «blutigen Entlassungen», also dazu, dass Patienten zu früh heimgeschickt werden. Die Qualität werde generell leiden.
Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Spitäler können es sich gar nicht leisten, Patienten schlecht zu behandeln oder zu früh heimzuschicken. Es würde sich rasch herumsprechen, wenn ein Spital die notwendige Qualität nicht erreicht. Ein solches Spital würde Patienten und Einnahmen verlieren, was im neuen Finanzierungssystem bedrohlicher ist als bisher. Es hätte auch Mühe, das Fachpersonal zu halten. Zudem werden wir die Qualität von Amtes wegen überwachen. Wir sind eher gespannt, ob alle Spitäler ihrer Aufnahmepflicht nachkommen werden.

Wie meinen Sie das?
Ab 2012 gilt explizit für alle Spitäler – egal ob öffentlich oder privat – eine Aufnahmepflicht: Sie dürfen innerhalb ihres Leistungsangebots keine Patienten abweisen. Für die öffentlichen Spitäler ist das nichts Neues. Wie die Privatspitäler damit umgehen werden, wollen wir genau beobachten.

Sie sind skeptisch?
Wir nehmen an, dass bisher zum Teil Risikoselektion betrieben wurde und man «unrentable» Patienten zum Teil weitergewiesen hat, meistens wohl an das Inselspital. Das geht nun definitiv nicht mehr. Wir werden uns bemühen, zu überprüfen, ob die Vorgaben respektiert werden.

Zugleich scheint es, die Privatspitäler seien rascher in der Lage, sich mit Kooperationen auf den Kostendruck einzustellen. Die öffentlichen Spitäler tun sich da schwerer.
Diesen Eindruck habe ich auch. Wir sind nicht sicher, dass die Chefs aller öffentlichen Spitäler genau verstanden haben, was die neue Spitalfinanzierung wirklich bedeutet. Die Veränderung ist massiv: Sie müssen mit tendenziell sinkenden Einnahmen nicht nur den Betrieb allein finanzieren, sondern auch ihre Gebäude und Anlagen refinanzieren können. Der Kanton wird die Investitionen nicht mehr bezahlen. Er wird sich auch sonst stark zurückziehen und die Spitäler sich selbst und dem Markt überlassen. Sie müssen noch lernen, dass der Kanton ihnen in der Not nicht mehr automatisch beisteht.

Wird die neue Spitalfinanzierung dazu führen, dass im Kanton Bern weitere Spitalstandorte geschlossen werden?
(Überlegt.) Was soll ich dazu sagen – man beschimpft mich sowieso schon als «Mörderin der Landspitäler». Aber die Dinge sind, wie sie sind: Es ist damit zu rechnen, dass weitere kleinere Standorte geschlossen oder umfunktioniert werden müssen. Denkbar sind vor allem ambulante Einrichtungen mit Hausärzten oder eine starke Spezialisierung auf ein, zwei Bereiche. Auf jeden Fall läuft die Zeit der kleinen «Tante-Emma-Spitäler», die das ganze Sortiment führen, ab. Der Kostendruck ist nur ein Grund. Fast noch stärker wird sich die Personalknappheit auswirken: Es dürfte den Spitälern zunehmend schwerfallen, für abgelegene und nicht spezialisierte Standorte Fachpersonal zu finden.

Gibt es zuletzt nur noch in Bern, Biel und Thun Spitäler?
Wir gehen davon aus, dass die Spitäler in absehbarer Zeit ihre Strukturen so weit straffen, dass es mit Ausnahme der Stadt Bern pro Region noch ein vollwertiges Regionalspital geben wird. In Bern wird es immer ein grösseres Angebot geben – auch, weil viele Patienten aus anderen Regionen sich hier behandeln lassen.

In den anderen Regionen würden damit aber viele Spitalstandorte wegfallen: zum Beispiel Langnau, Frutigen, Zweisimmen, Saanen, Moutier, St-Imier. Halten Sie das für denkbar?
Die Spitäler haben keine andere Wahl. Zudem ist die Versorgung auch mit einem Spital pro Region gewährleistet. Die Spitaldichte wäre weiterhin viel höher als im Ausland und auch höher als in anderen Kantonen. Das Ziel aller Beteiligten muss sein, der Bevölkerung zu erklären, dass es keine Katastrophe ist, wenn es im Kanton Bern noch halb so viele Spitäler gibt. Es ist nicht mehr nötig, so viele Spitäler zu haben. Einerseits erlaubt der Fortschritt der Medizin, vieles ambulant vor Ort zu behandeln, was früher nur stationär im Spital möglich war. Andererseits sind Ambulanzfahrzeuge heute «fahrende Minikliniken». Die kritische Frage ist deshalb nicht: Wie rasch erreiche ich das nächste Spital? Sondern: Wie lange dauert es, bis die Ambulanz bei mir ist?

Das spricht dafür, die Zahl der Rettungsstandorte zu erhöhen, um die «Hilfsfristregel» überall einzuhalten: 9 von 10 lebensbedrohlichen Notfällen müssten in 15 Minuten erreicht werden.
Das ist das Ziel. Wir erfüllen diese Regel bereits in den meisten Gebieten. Um sie überall zu erfüllen, sind grosse Investitionen nötig. Es fragt sich auch, wie der Rettungsdienst am besten organisiert wird. Heute führen in der Regel die Regionalspitäler die Ambulanzen. Eine grössere Organisation wäre vielleicht eher in der Lage, zusätzliche Standorte zu betreiben und das nötige Fachpersonal zu stellen. Wir prüfen alle diese Fragen.

Gibt es ein Regionales Spitalzentrum, das aus Ihrer Sicht besonders schlecht positioniert ist?
(Zögert.) Nein, alle haben ihre Stärken und Schwächen. Generell kann man sagen, dass diejenigen Spitäler gut aufgestellt sind, deren regionale Bevölkerung sich am treusten im eigenen Spital behandeln lässt.

Bei diesem Vergleich sehen laut den letzten Zahlen von 2008 das Regionalspital Emmental aber auch das bernjurassische Spital nicht gut aus.
Das ist so. Aber beide Spitäler sind fest überzeugt, dass sie die Trendwende schaffen.

Im Emmental hat man Sie im Verdacht, Sie wollten mindestens einen Standort – Burgdorf oder Langnau – schliessen
wir schliessen keine Standorte, das machen die Spitäler. Und das Regionalspital Emmental steht nicht schlechter da als die anderen. Die Spitalleitung und wir waren uns nicht einig, wie die Tragbarkeit der geplanten Gesamtsanierung zu berechnen ist. Aus unserer Sicht war und ist die Investition nicht refinanzierbar. Das Spital will das Geld nun selbst beschaffen und die Pläne umsetzen. Dagegen haben wir nichts einzuwenden.

Es stört Sie nicht, dass ein Regionalspital, das im Besitz des Kantons ist, eine Investition tätigt, die nach Einschätzung Ihres Amts nicht tragbar ist?
Sagen wir es so: Wenn das Regionalspital Emmental in Zukunft einmal in finanzielle Schwierigkeiten geraten sollte, könnte der Kanton daran erinnern, dass er seinerzeit auf die drohenden Probleme bei der Refinanzierung hingewiesen hatte. Mit diesem Argument würde es ihm leichter fallen, einen Zusatzbeitrag an das Spital zu verweigern.

Die neue Spitalfinanzierung wirft eine schwierige Frage auf: Was macht der Kanton Bern, wenn eines seiner Regionalspitäler finanziell in die Bredouille gerät? Würde er das Spital notfalls in Konkurs gehen lassen?
Das weiss ich nicht. Falls es einmal so weit käme, müsste man den Einzelfall anschauen. Letztlich ist das eine politische Frage. Sachlich ist der Fall klar: Die Fallpauschalen müssen so hoch sein, dass die Spitäler die versorgungsnotwendigen Angebote erbringen können. Solange ein Spital nichts Unnötiges macht und nicht unwirtschaftlich ist, dürfte es – zumindest in der Theorie – nicht in Schieflage geraten.

Bereits bittet ein erstes Spital – das Regionale Spitalzentrum Simmental-Thun-Saanenland STS – Kanton und Gemeinden um eine Zusatzfinanzierung der defizitären Standorte Saanen und Zweisimmen. Was wird der Kanton machen?
Das werden Regierungsrat und Grosser Rat entscheiden. Eins muss man allerdings sehen: Wenn der Kanton diese Zusatzfinanzierung gewährt, kommt es zum Dammbruch. Die anderen Regionalspitäler würden sofort mit ähnlichen Wünschen kommen, um diesen oder jenen Standort oder ein bestimmtes Leistungsangebot zu retten. Das Regionale Spitalzentrum FMI Frutigen-Meiringen-Interlaken hat ja bereits angekündigt, den Kanton um Unterstützung für die defizitäre Geburtenabteilung angehen zu wollen.

Bei der Erarbeitung der Spitalliste ist Ihrem Amt ein peinlicher Berechnungsfehler unterlaufen. Haben Sie sich bei den betroffenen Spitälern entschuldigt?
Wir haben den Fehler in der Öffentlichkeit eingestanden. Es ging übrigens nicht um einen Rechenfehler, sondern wir haben einen Indikator falsch interpretiert. Das ist ärgerlich. Ein solcher Fehler kann aber passieren; viel schlimmer war, dass wir den Entwurf der Liste im Internet veröffentlicht haben. Das hätten wir nicht tun sollen.

Die Glaubwürdigkeit Ihres Amts ist angeschlagen. Erschwert das die Zusammenarbeit mit den Spitälern?
Nicht wesentlich. Unser Problem ist eher der Vertrauensverlust in Politik und Öffentlichkeit.

Wie geht es nun mit der Spitalliste weiter?
Wir versuchen, uns mit den Spitälern zu einigen, nach welchen Regeln und Grundsätzen wir die Spitalliste erarbeiten wollen. Wohin das führt, ist offen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.12.2011, 12:04 Uhr

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3 Kommentare

Ulrich Scheidegger

31.12.2011, 14:19 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Wenn der Renditendruck für die Spitäler noch mehr zunimmt, werden Patienten sehr wohl zu früh entlassen. Was wiederum zu Einweisungen und zusätzlich höheren Kosten führt. Nicht jeder Mensch ist Normbar in den wohl gleichen Eingriffen und dem Krankheitsverlauf. Das müssten eigentlich die überstudierten SchreibtischtäterInnen wohl auch wissen. Antworten


Hans Abbühl

31.12.2011, 21:10 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Ich wünsche der Spitalamt-Leiterin fürs 2012 viel Gelassenheit, Zuversicht und die Härte, das aus ihrer Sicht Nötige im überdrehten Spitalwesen unbeirrt durchzuziehen. Antworten



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