Roggwil/Hindelbank

Pornolehrer blitzt vor Gericht ab - auch ohne Straftaten

Roggwil/HindelbankEin Lehrer musste fristlos gehen, obwohl er sich strafrechtlich nichts hat zuschulden kommen lassen. Der Kanton entzog ihm das Lehrpatent. Zu Recht, entschied jetzt das Verwaltungsgericht. Entscheidend seien seine Ansichten zur Sexualität sowie die Art und Weise, wie er diese propagiert habe.

An der Sekundarschule Roggwil wurde dem umstrittenen Lehrer 2009 fristlos gekündigt.

An der Sekundarschule Roggwil wurde dem umstrittenen Lehrer 2009 fristlos gekündigt. Bild: Thomas Peter

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Die bernische Erziehungsdirektion hat dem Beschwerde führenden Lehrer das Lehrpatent zu Recht entzogen. Das entschied das Verwaltungsgericht als letzte kantonale Instanz. In Roggwil und Hindelbank waren die Schulbehörden völlig ahnungslos, bis sie mit den Internetseiten ihres Lehrers konfrontiert wurden: In seiner Freizeit suchte er 18-jährige Frauen für Spermapartys mit mehreren zahlenden Männern, organisierte Gang Bangs, wollte Afrikanerinnen als Liebesdienerinnen «importieren», veranstaltete Workshops in der Sauna und bot sich als Vater von Mädchen alleinerziehender Frauen an. Oft bewegte sich der Lehrer an der Grenze zur Begünstigung von Prostitution. Aber er wurde nie verurteilt. Übergriffe auf Schüler sind keine bekannt.

Pikant: Hindelbank wollte den umstrittenen Lehrer 2010 aufgrund von Personalnot weiterbeschäftigen, auch nachdem die Vorwürfe bekannt geworden waren. Erziehungsdirektor Bernhard Pulver musste der Gemeinde die Freistellung nahelegen. Im Januar 2011 wurde der Lehrer im solothurnischen Aedermannsdorf erneut entlassen. Der Persönlichkeitsschutz erschwere Warnungen vor dubiosen Lehrern, erklärte Erziehungsdirektor Bernhard Pulver.

Auf der schwarzen Liste

Der 53-jährige Lehrer wohnt im Berner Seeland. Er absolvierte auch ein Theologiestudium. Die Konsekration wurde ihm jedoch verweigert. Von 1989 bis 2011 arbeitete er als Primarlehrer. In mehreren Publikationen – unter anderem im «Schweizerischen Sexanzeiger» – befürwortete er sexuelle Erlebnisse mit Kindern. 1993 entzog ihm die Erziehungsdirektion erstmals das Patent. Sieben Jahre später bekam er es zurück. Dank eines Gutachtens, wonach sich seine Haltung nun mit der herrschenden Sexualmoral decke. Und weil er in der Zeit ohne Patent anstandslos an Privatschulen sowie als Stellvertreter unterrichtet habe.

Ende Mai 2009 löste die Gemeinde Roggwil das Anstellungsverhältnis fristlos auf. Schüler hatten die Pornoseiten ihres Lehrers entdeckt. Ein Vater konfrontierte die Schulleitung damit und drohte mit der Presse. Im Juni 2010 stellte ihn auch die Primarschule Hindelbank frei. Erst die Recherchen des Roggwiler Vaters und dieser Zeitung hatten die Erziehungsdirektion auf die Anstellung aufmerksam gemacht.

Im September entzog ihm die Erziehungsdirektion die Unterrichtsberechtigung erneut und meldete dies der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren: Der Lehrer kam auf die schwarze Liste. Jetzt blieb ihm nur noch ein Weiterzug ans Bundesgericht.

Was Lehrer (nicht) dürfen

Während sich der Beschwerdeführer in seinen Grundrechten verletzt fühlte, schreibt das Gericht: «Lehrpersonen an öffentlichen Bildungseinrichtungen stehen in einer besonders engen Rechtsbeziehung zum Gemeinwesen, welche insbesondere mit einer spezifischen Vorbild- und Erziehungsfunktion verbunden ist.»

Das Gericht stützt die Erziehungsdirektion, welche «nur charakterlich gefestigte Personen mit persönlicher Kompetenz und Werthaltung» als Lehrer zulassen will, die mit den an der Schule vermittelten Werten in Einklang stehen.

Privatunterricht ohne Patent

Dass der Lehrer bisher nie strafrechtlich belangt wurde und seine kritisierten Tätigkeiten rein privat ausübte, half ihm nicht. «Die Persönlichkeit und die Charaktermerkmale, die das Wesen einer Person ausmachen, können nur in ihrer Gesamtheit beurteilt werden», so die Richter. Und sie präzisieren: «Wer gesellschaftliche Grundwerte missachtet (z.B. durch Beteiligung an gewalttätigen Demonstrationen oder Ausleben pädophiler Neigungen im Privaten), kann diese Werte in der Schule nicht glaubwürdig vermitteln und untergräbt das Vertrauen in die staatliche Schule.» Dem Beschwerdeführer stünden immer noch Lehrtätigkeiten offen, für die ein Primarlehrerpatent nicht erforderlich sei, namentlich Privatunterricht und Erwachsenenbildung.

«Der Staat schützt nicht»

Die Erziehungsdirektion bestätigte gestern, dass Lehrpersonen an Privatschulen tatsächlich kein Patent brauchen und Lehrer für Privatunterricht nicht kontrolliert werden. Das Problem sei bekannt und werde kontrovers diskutiert. Das bedeutet: Ein auf der schwarzen Liste stehender Lehrer (auch ein pädophiler) kann ungestört an einer Privatschule unterrichten oder Privatunterricht erteilen. «Der Staat schützt eben nicht vor allem», so die Auskunft auf der Erziehungsdirektion. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.09.2011, 07:49 Uhr

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