In Moutier blieb kein Auge trocken

Eine Stadt im Ausnahmezustand: Moutier hat sich für einen Wechsel zum Kanton Jura entschieden. Auf dem Bahnhofplatz, wo sich die Projurassier versammelt haben, herrschte Volksfeststimmung.

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Schon am Mittag herrschte in Moutier Feststimmung. Gerade erst sind die Stimmlokale zugegangen. Bald wird sich also zeigen, ob das Städtchen im Kanton Bern bleibt oder zum Jura wechselt. Bereits haben sich viele Projurassier auf dem Bahnhofplatz versammelt. Sie schwenken jurassische Flaggen oder haben diese um die Schultern gebunden. Im Hôtel de la Gare, worin sich ein Büro des Mouvement ­Autonomiste Jurassien befindet, ist bereits kein Durchkommen mehr. Die Stimmung ist ausgelassen, das Bier fliesst.

Zwei Kilometer westlich vom Bahnhof haben die Proberner ihr Lager aufgeschlagen. Im Forum de l’Arc ist vergleichsweise wenig los. Im vorderen Teil der Messehalle sind Holztische aufgestellt. Daneben stehen Verpackungen. Der hintere Teil der Halle ist noch leer.

Ein Handvoll Menschen sitzen grüppchenweise an den Tischen und unterhalten sich. Nur langsam treffen weitere Berntreue ein. Die meisten von ihnen bestellen sich erst mal etwas zu essen. Feststimmung will hier nicht so wirklich aufkommen.

Zuversichtliche Proberner

Doch die Anwesenden sind optimistisch: «52 Prozent werden sich für den Verbleib im Kanton Bern entscheiden», sagt eine Gruppe, die vor der Halle auf einer Treppe sitzt. Die Kantonsgrenzen würden immer mehr an Bedeutung verlieren. «Es ist überholt, dass wir jetzt noch über solche Dinge abstimmen», sagt eine ältere Frau.

Junge Leute sind am frühen Nachmittag noch wenige zu sehen. Lediglich eine Gruppe sitzt an einem Tisch. Die Erklärung, warum sie für den Verbleib im Kanton seien, sei einfach: «Wir sind Berner.» Moutier habe sich bereits in früheren Abstimmungen für den Kanton Bern entschieden. Dass es auch schon umgekehrt war, blenden sie aus. Das Grüppchen ist zuversichtlich: «Es wird sich bestimmt eine Mehrheit für den Verbleib im Kanton Bern entscheiden.»

Im Forum de l’Arc ist auch Patrick Röthlisberger,der Wortführer der probernischen Kampagne: Er gehe von einem knappen Resultat aus, sei aber zuversichtlich. «Die Fakten sprechen für den Kanton Bern.» Emotionale Argumente dürften dennoch nie unterschätzt werden.

«Moutier en Jura»

Auf dem Bahnhofplatz sind inzwischen viele Familien mit ­Kindern versammelt. Auch Juratreue, die bereits in den 70er-Jahren für einen Kanton Jura gekämpft haben, und vor allem viele junge Menschen. Viele sind zudem aus dem Kanton Jura angereist: «Wir sind zur Unterstützung da», erklärt eine Gruppe von jungen Männern.

Ähnlich klingt es bei einer Gruppe aus Moutier: «Wir korrigieren mit der heutigen Abstimmung einen historischen Fehler.» Denn dass das Städtchen nicht längst zum Kanton Jura gehöre, sei nicht richtig. «Wir hoffen daher auf ein Ja.» Doch ganz so überzeugt sind sie davon nicht. «Es wird sehr, sehr knapp.»

Etwas zuversichtlicher ist Valentin Zuber. Der Wortführer der Projurassier hat ein sehr gutes Gefühl: «Ich bin optimistisch.» Es herrsche eine ganz besondere Energie in der Stadt. «Aber natürlich ist das nur ein Gefühl.»

Hymne wird angestimmt

Mitten auf dem Bahnhofplatz stimmt eine Gruppe die jurassische Hymne an. «Unissez-vous», singen die Separatisten und fassen sich an den Händen, so wie es der Text verlangt: «Donnez-vous la main.»

Die Separatisten stimmen die jurassische Hymne an. Video: Enrique Muñoz Garcia

Mit jedem Zug, der einfährt, strömen mehr Leute auf den Bahnhofplatz. Unter ihnen befindet sich auch Clément Crevoisier. Der 41-jährige Historiker ist in Delsberg geboren und wuchs mit dem projurassischen Gedankengut auf. «Eine solche Stimmung gab es seit 30 Jahren nicht mehr», sagt er über das bunte Treiben. Das kenne er nur von früher. ­

Bereits vor Verkündigung der ­Resultate tendiert er zu einem Ja. Anders als 1998 habe sich die ­Abstimmung in einem offiziellen Rahmen abgespielt. Sie sei ein Resultat eines langen interjurassischen Dialogs. Eine weitere Chance für einen Wechsel gebe es zudem für viele Projurassier nicht mehr.

Doch weder ein Ja noch ein Nein werde den Konflikt der zwei Ideologien lösen, sagt Crevoisier. «Moutier wird gespalten bleiben.» Auch nach der Abstimmung würden sich beide Seiten Gehör verschaffen wollen. Einfacher sei dies für die laut auftretenden Projurassier. Die Stimme der Berntreuen hingegen würde wohl bald verstummen.

Tränen in beiden Lagern

Das Resultat der Abstimmung lässt lange auf sich warten. Immer wieder verzögert sich die Bekanntgabe. Auf dem Bahnhofplatz scheint das niemanden zu stören. Alle singen und feiern. «Man trifft viele alte Freunde, die man sonst nur selten sieht», erzählen viele.

Doch dann geht alles ganz schnell: «Es ist ein Ja», wird geschrien. Alle fangen an zu jubeln. Tränen laufen den Projurassiern über die Wangen. Alle fallen sich in die Arme.

Auch im Forum de l’Arc fallen sich die Proberner in die Arme. Jedoch nicht vor Freude, sondern um sich gegenseitig zu trösten. Die Enttäuschung ist gross. Tränen fliessen, und man sucht nach Erklärungen. Wirklich schlüssig wurden die Proberner aber nicht. «Immerhin fiel das Resultat denkbar knapp aus», versuchen sie sich aufzuheitern.

Zuerst wähnten sich die Proberner gar als Sieger. Video: sda

Vor dem Hôtel de la Gare sind inzwischen die offiziellen Reden vorbei. Die feiernde Menge bewegt sich in Richtung Gemeindehaus. Anders als im Vorfeld befürchtet, blieb es abgesehen von Feuerwerkskörpern und hupenden Autos ruhig in Moutier. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.06.2017, 22:13 Uhr

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