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Immer mehr Behinderte in Heimen

Von Fabian Ruch. Aktualisiert am 21.10.2011

Menschen mit Behinderung werden immer älter. Deshalb steigt ihre Anzahl in Berner Heimen viel stärker als angenommen. Der Kanton Bern will nun ihre Autonomie stärken.

Die Anzahl der Behinderten in Heimen nimmt zu.

Die Anzahl der Behinderten in Heimen nimmt zu.
Bild: Colourbox

Nach den Spitälern und Pflegeeinrichtungen ist jetzt der Behindertenbereich an der Reihe: Der Kanton will die Finanzierung der Heime, Tagesstätten und geschützten Werkstätten, die de facto immer noch einer Defizitdeckung entspricht, umbauen. Künftig sollen die Beiträge nicht mehr an die Institutionen gehen, sondern an die Behinderten und gezielt deren jeweiligen Bedarf abdecken. Im Fachjargon nennt sich dies Subjektfinanzierung. Die Behinderten sollen selbst entscheiden, wo sie welche Leistungen «einkaufen». Damit will der Kanton die Selbstbestimmung der Betroffenen verbessern sowie die Effizienz der Betreuung erhöhen, indem er die Heime zumindest einem gewissen Wettbewerb aussetzt.

Teilweise im Wettbewerb

Der Grosse Rat hat den Systemwechsel schon mehrfach gefordert. Der Regierungsrat will ihn nun bis 2018 schrittweise und in Absprache mit den Verbänden der Behinderten und der Heime umsetzen, wie er im «Bericht zur Behindertenpolitik» darlegt, den er gestern veröffentlicht hat.

Widerspruch kam umgehend. An der Medienkonferenz von Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) nahm auch Urs Wüthrich, Präsident des Heimverbands, teil. Er bezweifelte, dass im Behindertenbereich ein Markt entstehen kann. Wahlfreiheit sei nur möglich, wenn das Angebot grösser sei als die Nachfrage. Es müssten also mehr Plätze eingerichtet werden als notwendig. Er sei gespannt, wie der Kanton diesen Widerspruch löse, so Wüthrich. Er geht davon aus, dass der Kanton die überzähligen Plätze gezielt finanziert.

Markus Loosli, Leiter des Alters- und Behindertenamts, gab ihm teilweise recht: Eine reine Subjektfinanzierung werde es nie geben. In Einzelbereichen mit grosser Spezialisierung oder sehr wenigen Fällen werde kein Markt entstehen – sprich: Der Kanton wird hier weiterhin mit einigen wenigen Heimen zusammenarbeiten. Grösstenteils sollte sich laut Loosli aber bei den Angeboten für Behinderte ein Markt einstellen. Bei den Pflegeheimen sei dies mit der Umstellung der Finanzierung in den letzten Jahren auch möglich gewesen; hier kalkuliere der Kanton mit einer Bettenbelegung von rund 95 Prozent, um eine gewisse Wahlfreiheit zu ermöglichen.

Plätze werden nicht abgebaut

Der Systemwechsel wirft die Frage auf, ob heute zu viele Behinderte in Heimen betreut werden, die etwa mit betreutem Wohnen ein selbstständigeres Leben führen könnten. Loosli sagte diplomatisch, das könne er noch nicht beurteilen. So oder so müssen die Heime nicht befürchten, dass sie Plätze abbauen müssen. Loosli zeigte auf, dass die Zahl behinderter Erwachsener in Heimen von 2006 bis 2009 enorm stark angestiegen ist: um über 5 Prozent im Jahr.

«Kostenneutral»

«Das hat uns auch überrascht», gab er offen zu. Der Grund sei wohl primär in der Lebenserwartung Behinderter zu sehen, die seit Jahren massiv schneller ansteige als bei Nichtbehinderten. Das sei eine Auszeichnung für die Qualität der Gesundheitsversorgung und zugleich eine Herausforderung – nicht zuletzt eine finanzielle. Laut Regierung soll jedenfalls der ganze Systemwechsel kostenneutral sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.10.2011, 08:03 Uhr

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