«Ich bin nicht grundsätzlich gegen neue Kernkraftwerke»
Von Mischa Aebi. Aktualisiert am 21.03.2011 28 Kommentare
Herr Gasche, welche Schlüsse ziehen Sie jetzt schon aus der Katastrophe von Japan in Bezug auf das AKW Mühleberg?
Urs Gasche: Sachliche Schlüsse kann ich noch nicht ziehen – abgesehen davon, dass man in der Schweiz die Sicherheitsvorschriften bezüglich der Kernkraftwerke wird überprüfen müssen. Politisch stelle ich aber fest, dass nicht damit zu rechnen ist, dass die Bevölkerung an der Urne dem Neubau von Kernkraftwerken zustimmen wird.
Wie sicher sind Sie, dass die Atomsicherheitsbehörde das AKW Mühleberg auf Ende April nicht schliesst?
Das kann ich aufgrund meines Kenntnisstandes zurzeit nicht sagen. Ich gehe zwar davon aus, dass das AKW Mühleberg die Auflagen, die bis anhin galten, erfüllt. Ob jetzt aber die Atomsicherheitsbehörde Ensi neue Anforderungen stellt, welche das AKW nicht mehr erfüllt, kann ich aus meiner Warte nicht beurteilen.
Angeblich hat das Atominspektorat Ensi das AKW Mühleberg mehr im Auge als die anderen Kernkraftwerke. Stimmt das?
Diese Frage kann ich so nicht beantworten. Ich habe keine Hinweise darauf, dass es stimmt. Ich glaube, dass Aussagen des Chefs der Atomsicherheitsbehörde in den Medien auf das AKW Mühleberg ausgelegt wurden, obwohl er Mühleberg nur als Beispiel nannte. Was ich hingegen festgestellt habe, ist, dass in der politischen Diskussion der letzten Tage Mühleberg viel mehr im Fokus stand als die anderen AKW.
Verwundert Sie das?
Ich sehe jedenfalls keinen objektiven Grund dafür. Es wird zwar oft erwähnt, dass Mühleberg eine ähnliche Technik hat wie die Reaktoren in Fukushima und dass es das zweitälteste AKW in der Schweiz ist. Allein aus diesen Fakten den Schluss zu ziehen, das AKW Mühleberg sei unsicherer als alle anderen, ist aber wirklich unsinnig.
Aber warum kritisieren denn viele jetzt nur Mühleberg?
Ich glaube, dass dies einen politischen Hintergrund hat: Im Kanton Bern ist selbst die Regierung AKW-kritisch. Dies ganz im Gegensatz zu anderen Kantonen. Das erleichtert anderen Interessenkreisen natürlich, Mühleberg in die Mangel zu nehmen.
Was würde es für die BKW bedeuten, wenn sie ihr AKW in einem Monat abschalten müsste?
Das würde ganz einfach den Ausfall von rund 30 Prozent der Stromproduktion der BKW bedeuten. Den müsste die BKW kompensieren, wohl indem sie Strom einkauft.
Würde der Strompreis im Kanton Bern steigen?
Die BKW darf den Strompreis ja nicht nach eigenem Gutdünken erhöhen. Er muss von der eidgenössischen Elektrizitätsbehör-de genehmigt werden. Aber ich hoffe, dass sie bei einem so grossen Produktionsausfall eine Strompreiserhöhung genehmigen würde.
Wie stark würde der Strompreis steigen?
Man kann diese Frage schon beantworten. Aber ich als Verwaltungsratspräsident bin die falsche Ansprechperson. Mir stehen die Zahlen zurzeit nicht zur Verfügung.
Am Wochenende äusserten Sie sich nur vage bezüglich des Baus neuer Atomkraftwerke in der Schweiz. Sind Sie nach den Geschehnissen in Japan definitiv gegen den Neubau von AKW?
Nein, ich bin auch heute nicht grundsätzlich gegen den Bau neuer AKW. Ich bin immer noch der Meinung, dass die Kerntechnologie Vorteile bietet – zum Beispiel dass es eine fast CO2-freie Energie ist, die sich in grossen Mengen produzieren lässt. Es gibt aber zwei Punkte zu berücksichtigen: Erstens ist noch nicht absehbar, welche sachlichen Schlüsse man aus den Unfällen in Japan ziehen muss. Zweitens glaube ich, dass es in der nächsten Zeit politisch sehr schwierig bis unmöglich sein wird, den Bau neuer AKW voranzutreiben.
Dann liegen Sie aber im Widerspruch mit der Linie Ihrer Partei, der BDP, deren kantonale Sektion sie sogar präsidieren. Die BDP hat sich gestern deutlich gegen den Bau neuer AKW ausgesprochen.
Man könnte eine Differenz zwischen mir und der Partei konstruieren. Aber im Grundsatz sind wir uns einig: Langfristig bin und war auch ich schon immer dafür, dass wir aus der Atomenergie aussteigen. Irgendwann müssen wir zu einer Stromversorgung kommen, die unabhängig ist von der Atomenergie. Auch die BDB ist übrigens nicht erst seit gestern für einen langfristigen Ausstieg.
Trotzdem hat die BDP den Bau neuer AKW bislang befürwortet.
Das ist so. Die BDP war der Auffassung, dass es in nützlicher Frist einfach keine realistischen Alternativen gibt – abgesehen vom Import von ebenfalls unsauberem Strom aus dem Ausland.
Ihre Partei will nun statt neuer AKW den Bau neuer Wasserkraftwerke forcieren. Kann man so für die Schweiz genügend Strom bereitstellen?
Ich stelle mir vor, dass das langfristig möglich ist, falls man bereit ist, genügend Wasserkraftwerke zu bauen. Aber das ist ganz sicher nicht in derselben Zeit möglich, wie der Bau neuer AKW möglich wäre. Bis man geeignete Standorte für mehrere grosse Wasserkraftwerke gefunden hat, bis die entsprechenden Projekte ausgearbeitet sind, bis sie auch politisch und juristisch abgesegnet sind, braucht es so oder so sehr viel Zeit.
Es gäbe demnach Ihrer Meinung nach mindestens für einige Jahrzehnte eine Stromlücke?
Ja, davon bin ich überzeugt.
Man könnte die temporäre Lücke mit dem Bau von Wind- und Solarkraftwerken kompensieren.
Sind wir ehrlich: Das wird in dieser Frist nie und nimmer möglich sein.
Was ist Ihrer Meinung nach die Alternative?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir importieren den Strom, was in mehreren Beziehungen sehr problematisch ist, oder wir bauen Gaskraftwerke.
Und davon sind Sie auch nicht begeistert?
Nein, überhaupt nicht. Gas beinhaltet nicht nur ein, sondern gleich drei erhebliche Probleme: Das erste ist die grosse CO2-Belastung, das zweite die sehr starke und einseitige Auslandabhängigkeit, und das dritte ist die fehlende Gasinfrastruktur. Zudem könnte man auch sagen, dass es problematisch ist, eine direkt nutzbare Energieform zuerst noch in eine andere umzuwandeln. Das ist für mich zwar nur ein halbes Argument, und doch ist es irgendwie scheinheilig, wenn man wegen des CO2 strombetriebene Erdwärmeheizungen und Elektroautos propagiert und dann den Strom doch aus fossilen Energien gewinnt. (Berner Zeitung)
Erstellt: 21.03.2011, 06:24 Uhr
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28 Kommentare
@ Manuel C.
Den Höchstpreis zahlen Sie nur bei einem Atomunfall - die CH liegt aber nicht auf Kontinentalplatten, hat keine Tsunamis etc. Ganz sicher zerstören Sie aber die Heimat, wenn Sie die AKWs abschalten..dann nähmlich wird die Biodiversität zerstört, höhere Staumauern, Verbauung jedes Minigewässers, grössere Ölabhängigkeit, Gaskraftwerke und damit noch mehr CO2 etc.
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