«Ich bin gerne der Antirauchpapst»
Von Susanne Graf. Aktualisiert am 26.06.2009
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Nach der letzten Session liess EVP-Grossrat Ruedi Löffel (Münchenbuchsee) aus dem Berner Rathaus eine Rauchverbots-Tafel mitgehen. Sie hängt jetzt in seinem Büro in Ausserholligen. Im Rathaus habe das Schild ausgedient, sagt Löffel und grinst übers ganze Gesicht. Denn ab dem 1.Juli darf sowieso in keinem öffentlich zugänglichen Raum im Kanton Bern mehr geraucht werden. Das haben die Bernerinnen und Berner – ob es sie freut oder nicht – Ruedi Löffel zu verdanken.
Für das Verbot hat er jahrelang gekämpft. Wobei: Ihm ist es gar nicht recht, wenn unter dem Titel «Rauchverbot» über sein Engagement berichtet wird. Schliesslich wolle er niemandem etwas verbieten. «Von mir aus darf einer rauchen, bis er tot umfällt», winkt Löffel lachend ab. Aber – und jetzt wird er sehr ernst – es gehe nicht an, dass andere in Mitleidenschaft gezogen würden. Diese zu schützen, darum gehe es bei dem Gesetz, das am 1.Juli in Kraft tritt.
Löffels erste Motion für «saubere Luft im Gastgewerbe» wurde im Juni 2006 durch den Stichentscheid des damaligen SP-Grossratspräsidenten Thomas Koch abgelehnt. Den zweiten Vorstoss, der die saubere Luft für alle anderen öffentlich zugänglichen Innenräume verlangte, nahm der Grosse Rat am gleichen Tag an. Im Herbst 2006 kam auch die Motion «Schluss jetzt mit unerwünschtem Rauch im Gastgewerbe» durch.
Auch gegen Alkohol
Wenn Löffel im Grossen Rat ans Rednerpult tritt, geht es oft um ein Suchtthema. Das hat damit zu tun, dass der ausgebildete Lehrer als Leiter der Fachstelle für Suchtprävention des Blauen Kreuzes vor 16 Jahren eine Aufgabe gefunden hat, die für ihn mehr als bloss ein Job werden sollte. Als «normaler Jugendarbeiter» habe er angefangen, habe Lager sowie Jugend-und- Sport-Kurse organisiert. Doch bald schon machte er mit Präventionsprojekten schweizweit auf das Blaue Kreuz Bern aufmerksam. Denn Löffel nervte es, als bestimmte Hersteller versuchten, 14- und 15-Jährige mit süssen Alcopops zum Alkoholkonsum zu verführen. Löffel hielt Vorträge, führte Workshops durch – und unter seiner Leitung fanden im Kanton Bern die ersten Alkoholtestkäufe mit 13- und 14-Jährigen statt.
«Vorher hat sich kaum jemand für Jugendschutz interessiert», sagt Löffel, der auch im Fernsehen – etwa im «Quer» oder beim Fernseharzt Samuel Stutz – Auftritte hatte. Dort konnte er seinem Ärger über die Bar- und Pubfestivals Ausdruck geben, «die wie Pilze aus dem Boden schossen» und bei denen es wie bei den Alcopops doch nur «um eine Art Anfixen der Jugendlichen» gegangen sei.
Löffels Team lancierte die «Blue-Cocktail-Bar», eine mobile Bar, an der Freiwillige an verschiedenen Anlässen alkoholfreie Longdrinks mixen. Das sprach sich herum. 1999 reiste Löffel mit der Bar sogar zur Schlusswahlkampfveranstaltung der SPÖ nach Österreich.
Süchtig nach Cola Zero
Von ungefähr kommt Löffels Erfolg nicht. Mit Leib und Seele betreibt er Suchtprävention. Selber kennt er auch die eine oder andere – allerdings harmlose – Abhängigkeit: Manchmal sitze er länger vor dem Fernseher, als er eigentlich möchte, und er könne schwer auf Cola Zero verzichten.
Ab und zu trinkt Löffel mit seiner Frau auch einen Cognac. Als er die Stelle beim Blauen Kreuz antrat, musste er sich zur Abstinenz verpflichten. Diese Anstellungsbedingung wurde inzwischen gelockert. Aber Löffel lebte neun Jahre ohne Alkohol. Noch heute verzichtet er in der Öffentlichkeit «aus Protest gegen öffentliche Zwänge» darauf. Und er stellt fest: «Trinkt man keinen Alkohol, ist man an Anlässen oft das Poulet.» Man müsse sich erklären und gelte nicht selten als Spielverderber. Diese «rücksichtslose Haltung» nervt Löffel. Weil sie es jenen Menschen erschwere, auf Alkohol zu verzichten, «die offensichtlich ein Problem damit haben».
Löffel kämpft gegen die Verharmlosung der Droge Alkohol, die allgemein nicht als solche anerkannt werde. Es gebe immer noch Leute, berichtet er kopfschüttelnd, die im Gespräch über Alkoholmissbrauch von Jugendlichen sagen: «Hauptsache, sie drögelen nicht.»
«Es ist dein Leben»
Doch was macht Vater Löffel, damit seine vier Töchter im Alter zwischen 12 und 19 Jahren nicht auch Geschmack finden an den Alcopops? «Oh, die Älteren mögen diese Getränke», sagt Löffel und wiederholt, was er allen Jugendlichen jeweils sage: «Du hast ein Leben bekommen mit Begabungen, Stärken und Schwächen. Was du daraus machst, ist dein Entscheid.»
Für Ruedi Löffel, den Sohn eines ehemaligen Gemeindepräsidenten und einer ehemaligen Gemeinderätin, war immer klar, dass er in die Politik einsteigen würde. Es sei auch schnell klar gewesen, dass er einer christlichen Partei beitreten würde. Dass die EVP Kanton Bern in den letzten Jahren stetig zulegte und heute 13 Grossratssitze innehat, sei ebenfalls das Werk ihres «umtriebigen Geschäftsführers» Ruedi Löffel, schrieb der «Bund» im Februar.
Nicht nur Applaus
Löffels «Umtriebigkeit» bereitet aber nicht nur Freude. Einige Raucher haben ihm dies in «zum Teil primitiven» E-Mails, Briefen und Telefonanrufen kundgetan. Dass er auch schon als «Antirauchpapst» bezeichnet wurde, stört ihn hingegen nicht. «Das bin ich gerne», schmunzelt Löffel – und freut sich auf den 1.Juli. (Berner Zeitung)
Erstellt: 26.06.2009, 08:59 Uhr
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