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Herr Birchler, wieso brauchen Sie ein Ersatzspital?

Von Fabian Schäfer, Brigitte Walser. Aktualisiert am 12.08.2011 2 Kommentare

Der Direktionspräsident des Inselspitals verteidigt die Pläne für ein Ersatzspital zur Sanierung der Frauenklinik. Er räumt ein, dass der Konkurrenzkampf eine Rolle spiele, wenn auch nicht die wichtigste. Von der Politik fordert Urs Birchler einen «Strukturentscheid».

Der oberste Chef des Universitätsspitals: Insel-Direktionspräsident Urs Birchler gibt «theoretisch» den Kritikern recht, die sagen, der Bau eines neuen Stadtspitals sei ??unnötig; es reiche, in der Insel 100 bis 150 zusätzliche Betten zu schaffen.

Der oberste Chef des Universitätsspitals: Insel-Direktionspräsident Urs Birchler gibt «theoretisch» den Kritikern recht, die sagen, der Bau eines neuen Stadtspitals sei ??unnötig; es reiche, in der Insel 100 bis 150 zusätzliche Betten zu schaffen.
Bild: Susanne Keller

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Zur Person

Urs Birchler ist seit 2003 Direktionspräsident des Berner Inselspitals. Von 1987 bis 1998 war der promovierte Ökonom Regierungsrat im Kanton Zug (SP) und Vorsteher der Sanitätsdirektion. In dieser Funktion schloss er zwei von vier Spitälern im Kanton – «aber erst in der letzten Legislatur», wie Birchler freimütig einräumt. – Die Insel beschäftigt rund 7000 Mitarbeitende und behandelt jährlich rund 220'000 Patienten. bw/fab

Umstrittene Pläne

Das Ersatzspital kostet 15 bis 20 Millionen Franken und bleibt 8 bis 10 Jahre stehenDas Inselspital hat Branche und Publikum vor den Sommerferien überrascht, als es bekannt gab, ein Ersatzgebäude bauen zu wollen. Dieses soll wichtige Teile der Frauenklinik aufnehmen, die der Sanierung der Fassade im Wege stehen: unter anderem drei Operationssäle, Gebärzimmer und die Neonatologie (Abteilung für Neu- und Frühgeburten). Das Gebäude soll acht bis zehn Jahre stehen bleiben und bei weiteren Bauarbeiten auf dem Insel-Areal als Ausweichstation dienen: zuerst für den Operationsbereich der Kinderklinik und später für andere Einheiten.

Zu den Kosten verfügt die Insel erst über eine Grobschätzung, die inklusive Einrichtung von 15 bis 20 Millionen Franken ausgeht, was für einen Spitalbau vergleichsweise bescheiden ist. Die Insel will 5,5 Millionen, die der Kanton bereits für die Arbeiten an der Kinderklinik gesprochen hat, für das Ersatzspital verwenden; vom Kanton wünscht sich die Insel weitere 5 Steuermillionen mit Verweis auf die speziellen Aufgaben der Neonatologie; den Rest will sie selber aufbringen.
Die Sanierung der Fassade der Frauenklinik soll 10 bis 12 Millionen Franken kosten; aus Sicht der Insel muss der Kanton dafür aufkommen, da er Bauherr der Frauenklinik war. Die Baufirmen können nicht mehr belangt werden, da die Insel die gravierenden Mängel an der instabilen Südfassade erst 2007 – nach Ablauf der Garantiefrist – entdeckt hat. Die Frauenklinik wurde 2003 eingeweiht; ihr Bau hatte 123 Millionen Franken gekostet. fab

Inzwischen ist man sich weitherum einig, dass es in der Region Bern zu viele Spitäler gibt. Nun will die Insel sogar noch ein Ersatzspital bauen. Wie sollen wir das verstehen?
Urs Birchler: Im Raum Bern gibt es zwölf Spitalstandorte, die je einen 24-Stunden-Betrieb mit den dazugehörigen hohen Fixkosten unterhalten. Das ist wirklich verrückt viel. Im Kanton Luzern genügen für ähnlich viele Einwohner vier Spitäler. Das hat aber nichts zu tun mit unserem Ersatzgebäude. Dieses wird kein vollwertiges Spital sein.

Warum lagern Sie die betroffenen Teile der Frauenklinik nicht einfach in ein anderes Spital in der Stadt Bern aus? Mehrere Spitäler haben erklärt, freie Raumkapazitäten zu haben. Die Insel hatte sie gar nicht angefragt.
Ich habe in Ihrer Zeitung gelesen, was die Spitalvertreter gesagt haben. Mit einigen hatte ich Kontakt, andere werde ich noch kontaktieren. Aus unserer Sicht ist der Fall klar: Wir müssen die betroffenen Teile der Frauenklinik direkt nebeneinander an denselben Ort verlegen, da sie nur miteinander betrieben werden können. Zudem müsste unser Personal «mitgezügelt» werden. Wir können uns nicht vorstellen, dass ein anderes Spital diese Bedingungen erfüllen könnte.

Warum verlegt die Insel nicht andere, weniger sensible Abteilungen in ein anderes Spital, um auf dem Insel-Areal Platz für die Frauenklinik-Abteilungen zu schaffen?
Das löst unser Problem nicht: Es sind ja nicht irgendwelche Bettenstationen, die wir aus der Frauenklinik auslagern müssen. Es handelt sich um Operationssäle, Gebärzimmer und die Neonatologie, die ganz spezielle technische Anforderungen an die Räume stellen. Wenn wir nun «normale» Spitalzimmer räumen und für ein paar Monate in einen Operationssaal umbauen, wird das sehr teuer. Es gibt keine geeigneten Raumflächen in den heutigen Gebäuden, die derart gross wären, dass sie die betroffenen Teile der Frauenklinik aufnehmen könnten.

Das Ersatzspital müssen Sie auch zuerst bauen und einrichten. Das ist auch nicht gratis.
Vielleicht wären die reinen Investitionskosten wirklich tiefer, wenn wir eine Lösung mit internen und externen Auslagerungen suchen. Ich will die 15 bis 20 Millionen für das Ersatzgebäude auch nicht bagatellisieren, aber viel wichtiger sind für uns die Betriebskosten. Sie sind am tiefsten, wenn wir die betroffenen Teile möglichst nahe bei der Frauenklinik behalten können, da wir das Personal so am besten einsetzen können. Zudem können wir die Qualität – besonders der 60 Prozent Risikogeburten und der grossen Zahl hoch spezialisierter gynäkologischer Operationen – nur so garantieren.

Falls das neue Stadtspital, das Tiefenau und Ziegler ersetzen soll, auf dem Insel-Areal gebaut wird, könnten Sie doch dieses für die Auslagerung nutzen.
Das ist theoretisch richtig. Praktisch gibt es zwei Probleme: Das Stadtspital wird kaum vor 2018 stehen; das ist für uns zu spät, die Ingenieure drängen auf eine raschere Sanierung der Frauenklinik. Zudem wäre es enorm unwirtschaftlich, ein vollwertiges Spital monatelang nur zu einem kleinen Teil durch uns zu nutzen.

Hand aufs Herz: Dass die Insel keine Abteilungen in ein anderes Stadtberner Spital auslagern will, hat vor allem damit zu tun, dass sie der Konkurrenz keine Patienten abgeben will.
Der Konkurrenzkampf spielt auch eine Rolle. Es war ja auffällig, wie sehr die Vertreter der anderen Spitäler daran interessiert waren, uns ihre Räume anzubieten. Ich kann gut nachvollziehen, dass etwa der Lindenhof nach dem grossen Ausbau froh wäre, wenn wir seine leeren Räume füllen würden. Ich möchte aber betonen, dass solche Überlegungen nicht entscheidend waren. Viel wichtiger sind die Betriebskosten, die Qualität und die Sicherheit der Frauen und Kinder.

Gerade bei den Geburten spüren Sie die Konkurrenz stark.
Ja, kein anderes Schweizer Universitätsspital hat so wenige Geburten wie wir. Das liegt primär an den vielen Privatspitälern in Bern, die sich naturgemäss auf einige lukrative Bereiche konzentrieren. Geburten sind interessant, da viele Frauen zusatzversichert sind und man deshalb mit ihnen gut verdienen kann.

Wäre es nicht das Beste, die Insel würde jetzt Teile der Grundversorgung an das Spital Netz Bern (Tiefenau und Ziegler) abgeben, um mehr Platz für die spezialisierte Medizin zu haben?
Wir machen gar nicht so viel Grundversorgung, wie immer behauptet wird. Allerdings ist universitäre Medizin immer auch Grundversorgung: Gerade weit verbreitete Krankheiten müssen gut erforscht werden. Deshalb sind wir der Überzeugung, dass das Inselspital eher zu klein ist und mehr Fälle haben müsste. Das würde auch helfen, die hohen Kosten zu decken, die ein Unispital immer hat: Wir müssen 37 Kliniken rund um die Uhr betreiben, müssen die komplexesten Fälle behandeln können, unsere Herz- und Neurochirurgie zum Beispiel müssen auch um 2 Uhr operieren, wenn die Ärzte der Privatspitäler schlafen.

Deshalb wollen Sie auch, dass das Stadtspital auf dem Insel-Areal gebaut wird?
Ja. Aus meiner Sicht überwiegen die Vorteile, wenn das Stadtspital auf unserem Areal steht.

Ist dies die offizielle Haltung des Inselspitals in den laufenden Verhandlungen über den Zusammenschluss mit der Spital Netz Bern AG?
Nein, das ist meine Einschätzung. Der Verwaltungsrat wird sich im Herbst nach weiteren Gesprächen mit der Spital Netz Bern AG definitiv positionieren.

Die Kosten werden doch rasant steigen, wenn das Stadtspital auf dem Insel-Areal gebaut wird und noch mehr Notfallpatienten direkt in die teure Infrastruktur des Unispitals gelangen.
Nein. Ich bin überzeugt, dass wir im gemeinsamen Notfall von Insel und Stadtspital eine funktionierende Triage installieren könnten, um «einfache Fälle» ins Stadtspital und komplizierte ins Unispital weiterzuleiten. Darum werden die Kosten im Stadtspital nicht höher sein als in anderen Regionalspitälern.

Kritiker sagen, es brauche kein neues Stadtspital: Man könne Tiefenau und Ziegler schliessen und stattdessen an der Insel 100 bis 150 zusätzliche Betten schaffen. Was sagen Sie dazu?
Theoretisch haben sie vermutlich recht, aber diese Frage muss die Politik beantworten. Aus heutiger Sicht steht diese Option nicht zur Debatte. Gegenfrage: Weshalb soll nicht ein Privatspital einen Standort schliessen?

Sie sagten, zwölf Spitalstandorte seien «verrückt viel». Wie wird sich die Berner Spitallandschaft verändern, wenn ab 2012 die neue Spitalfinanzierung den Druck erhöht?
Ich weiss es nicht. Mich stört aber, dass jetzt flächendeckend alle Spitäler den Gürtel enger schnallen und ihre Leute unter Druck setzen müssen. Das führt nicht zu einer guten Lösung. Nötig wäre ein politischer Strukturentscheid: Die Politik muss sagen, welche Spitäler zur Versorgung nötig sind. Sie hat die Mittel dazu (der Regierungsrat erlässt die Spitalliste, die definiert, welche Spitäler zulasten der Grundversicherung abrechnen dürfen; Anm. d. Red.).

Wenn die Regierung ein Spital von der Spitalliste nimmt, führt das doch nur zu endlosen Rechtshändeln.
Mag sein. Dann müssen halt die Richter entscheiden. Man wüsste dann immerhin, was mit den neuen gesetzlichen Regeln möglich ist und was nicht.

Sie plädieren auf jeden Fall für weitere Spitalschliessungen im Kanton Bern?
Dazu möchte ich nur dies sagen: Die Berner Regierung will ja, dass die hiesigen Spitäler künftig zu denselben Preisen arbeiten wie die Zürcher. In Zürich hat die Regierung aber die Anzahl Spitalstandorte stärker reduziert als in Bern. Zudem sind die Verkehrswege zumindest im Raum zwischen Thun, Bern und Biel gut und schnell. Die Topografie ist hier nicht so, dass eine Vielzahl von Spitalstandorten nötig wäre.

Würden Sie die Landspitäler der Spital Netz Bern AG in diesem Gebiet – in Münsingen, Riggisberg und Aarberg – schliessen?
Welche Spitäler man schliessen soll, weiss ich nicht. Das muss die Politik entscheiden. Aus fachlicher Sicht gibt es keine richtige oder falsche Antwort. Es gibt verschiedene Wege – die Politik muss sich für einen entscheiden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.08.2011, 09:15 Uhr

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2 Kommentare

Elmar Schweer

12.08.2011, 09:20 Uhr
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Nächste Woche baue ich ein zweites Haus auf meinem Grundstück, denn das Wohnzimmer im ersten muss wieder einmal renoviert werden und in der Zwischenzeit möchte ich ja weiter wohnen können... Antworten



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