Experte: Die Schüler sind heute klüger und besser ausgebildet

Das Gewerbe klagt über schulische Defizite der Jungen. Jährlich schaffen Hunderte Jugendliche keinen Abschluss. Der Zürcher Sprachwissenschaftler Peter Sieber sagt dagegen, heute seien mehr Schüler gut ausgebildet als früher.

«Früher bildete die Schule 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus – eben jene, die mitkamen. Diese sagten dann den anderen 70 Prozent, wie sie es im Job machen mussten», sagt der Sprachwissenschaftler Peter Sieber.

«Früher bildete die Schule 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus – eben jene, die mitkamen. Diese sagten dann den anderen 70 Prozent, wie sie es im Job machen mussten», sagt der Sprachwissenschaftler Peter Sieber. Bild: Gemälde «Die Dorfschule von 1848 von Albert Anker, 1986

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Herr Sieber, die SVP fordert in ihrem Grundlagenpapier eine leistungsstarke Volksschule. War die Schule früher besser?
Peter Sieber: Sie war anders als heute, aber sicher nicht besser, was die Leistungen betrifft. Plakativ gesagt: Früher bildete die Schule etwa 30 Prozent der Leute aus – eben jene, die im Unterricht mitkamen. Diese sagten dann den anderen 70 Prozent, wie sie es im Job machen mussten.

Oder sind die Schüler dümmer geworden?
Das sicher nicht. Dies zeigt die Tatsache, dass die durchschnittliche Norm bei den Intelligenztests im Laufe der Zeit immer wieder nach oben angepasst werden musste. Mit anderen Worten: Ein durchschnittlicher Schüler aus den 50er-Jahren hätte in einem Intelligenztest von heute das Niveau eines Sonderschülers.

Trotz zunehmender Intelligenz schaffen im Kanton Bern jährlich 500 Jugendliche keinen Lehrabschluss. Alarmierend?
Ja, weil heute in der Schweiz ohne Abschluss fast kein normales Erwachsenenleben mehr möglich ist. Das war früher, vor etwa fünfzig Jahren, anders. Damals war der Anteil jener, die keinen Abschluss hatten, auch viel grösser. Diese gingen nach der obligatorischen Schulzeit arbeiten. Damals gab es noch mehr entsprechende Jobs und Nischen. Das Grundproblem in dieser Diskussion ist, dass man zu wenig darüber spricht, dass heute höhere Anforderungen an die Jugendlichen gestellt werden.

Welche?
Die Kompetenz in Sprache und Schrift ist wichtiger geworden. Dies nur schon im Umgang mit elektronischen Medien. Diese Fähigkeiten werden in breitem Masse von allen verlangt.

Ist es wirklich so schlimm, wenn der Bäcker nicht besonders gut lesen und schreiben kann?
Ein Bäcker muss Lebensmittelvorschriften und -verordnungen kennen und die Maschinen bedienen können. Heute reicht es nicht mehr, wenn das nur einer in der Backstube kann. Nur schon für das Lösen eines Busbilletts muss man heute lesen und verstehen können. Denn wo früher ein Kondukteur die Fahrkarten ausgab, steht heute ein Automat mit Touchscreen.

Das Gewerbe klagt nach wie vor über die schulischen Defizite der Jugendlichen. Glaubt man diesen Aussagen, dann gibt es heute mehr Leute, die nicht richtig lesen und schreiben können.
Das ist falsch, deren Zahl hat abgenommen, wie verschiedene Studien belegen. Der Illettrismus tritt heute jedoch offensichtlicher zutage. Dies, weil zum einen der Anteil an Maturanden massiv gestiegen ist. Das Gewerbe hat es also meist mit jenen Lehrlingen zu tun, für die eine höhere Ausbildung nicht infrage kommt.

Wie lassen sich die schulisch Schwachen integrieren?
Wir müssen heute viel mehr Leute mit den Grundfähigkeiten ausrüsten. Dies ist eine der grossen Herausforderungen des Bildungswesens. Dass wir mit der Schule nicht den erhofften Erfolg hatten, hat die erste Pisa-Studie gezeigt. Rezepte, wie wir es besser machen können, gibt es leider keine. Massnahmen, wie sie Harmos vorsieht, nämlich die Kinder möglichst früh zu fördern, gehen sicher in die richtige Richtung. Zurück zu alten Zeiten ist dagegen kein taugliches Mittel. Damals leistete die Schule nicht mehr.

Ist die Integration der Kleinklässler in die regulären Klassen dabei Vor- oder Nachteil?
Untersuchungen zeigen, dass alters- und leistungsgemischter Unterricht viel bringt. Dies setzt jedoch genügend Lehrer, ausreichend Teamteachinglektionen und kleinere Klassen voraus. Niemand kann allein die ganze Woche differenzierten Unterricht machen.

Sie sagen, es sei richtig, die Kinder möglichst früh zu fördern. Wollen Sie den Eltern die Kinder nach der Geburt wegnehmen?
Nein, damit meine ich, dass wir für Kinder, deren Eltern ihnen keine Geschichten vorlesen oder erzählen, möglichst früh Chancen schaffen sollen, solche Erfahrungen zu machen. Die Literalität lässt sich bereits in der Kinderkrippe fördern. Natürlich muss das Angebot freiwillig sein. Leider bedeutet dies dann aber, dass das Angebot nicht jene nutzen, die es nötig haben.

Legt man zu viel Gewicht auf die Sprache, dann sind die Buben die Verlierer. Sollten die Kinder wieder getrennt unterrichtet werden?
Das ist eine Idee, die aktuell diskutiert wird. Ich finde aber, man sollte das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Es ist sicher eine Tatsache, dass sprachliche Förderung bei Mädchen mehr bewirkt als bei Buben. Die Buchverlage haben unlängst erklärt, sie überlebten vor allem dank der lesenden Frauen. Mit dem richtigen Angebot an Sachthemen, Fachzeitschriften und neuen Medien bringt man aber auch Buben zum Lesen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.01.2011, 08:47 Uhr

Peter Sieber (Bild: zvg)

Zur Person

Peter Sieber hat Erziehungswissenschaften, Sozialpsychologie und Linguistik studiert und 1990 promoviert. 1997 folgte die Habilitation in germanistischer Linguistik, seither ist er Privatdozent an der Universität Zürich. Dort hat er seit 2004 eine Titularprofessur inne. An der Pädagogischen Hochschule Zürich war der 56-Jährige bis März 2006 als Prorektor Forschung und Innovation tätig. Danach bis Juli 2010 Prorektor Fachbereiche. Sieber ist Mitglied der Leitung des Zürcher Hochschulinstituts für Schulpädagogik und Fachdidaktik (ZHSF).

Disziplin und Ordnung in der Schule

Die SVP verlangt in einem 15 Punkte umfassenden Forderungskatalog in den Schulen wieder mehr Disziplin,
Ordnung und Leistung. Mit einem 15 Punkte umfassenden Forderungskatalog und mit einem Lehrplan machte die SVP letzten Herbst Schlagzeilen. Dies, weil die Partei darin eine Rückbesinnung auf alte pädagogische Werte verlangt. In der Schweizer Volksschule sollen wieder Disziplin und Leistung einkehren. Zudem liegt die Erziehungsverantwortung laut der SVP bei den Eltern – die Volksschule habe auszubilden, nicht nachzuerziehen. Für klare Verantwortlichkeiten ist laut der SVP das Klassenlehrersystem nötig. Die Schule müsse die Leistungsbereitschaft stärken und primär Lesen, Schreiben und Rechnen lehren.

Mundart im Kindergarten

Weiter fordert die Partei Mundart im Kindergarten. Die Volksschule habe diese und später

die Schriftsprache in Wort und Schrift zu vermitteln. Den integrativen Unterricht, bei dem Sonderschüler in regulären Klassen unterrichtet werden, lehnt die SVP ab: Kinder, die dem Unterricht nicht folgen könnten oder störten, müssen laut SVP in Sonderschulen oder Kleinklassen lernen. Leistung müsse zudem mit Noten gemessen werden. Die SVP wehrt sich auch gegen die Basisstufe und warnt vor hohen Schulreformkosten für die Gemeinden. Festhalten will die Partei hingegen am dualen Ausbildungssystem und an den obligatorischen Aufnahmeprüfungen für Mittelschulen.

«Gegen ideologische Inhalte»

Grund dafür, dass sich die SVP mit der Volksschule befasst, ist die Vernehmlassung zum «Lehrplan 21» der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. Mit ihren Forderungen stösst die SVP jedoch in den eigenen Reihen auf Widerstand. Im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» vom Montag sprach sich der SVP-Nationalrat und Deutschlehrer Oskar Freysinger VS gegen die Forderung seiner Partei aus, die Mundart in der Primarschule gezielt zu fördern. Auch spricht sich Freysinger dagegen aus, nur noch frontal zu unterrichten.

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