Es gab auch glückliche Verdingkinder
Von Johannes Hofstetter. Aktualisiert am 28.11.2011 3 Kommentare
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«Als ich mich im Spiegel sah, fragte ich mich: ‹Toni, woher hast du eigentlich deine Stirne, deine Augen, deine Nase, deinen Mund und das Grüblein am Kinn? Wo kamst du auf die Welt? Wie sahen deine Eltern und deine Geschwister aus? Was hat deine Mutter gesagt, als man dich von ihr wegnahm? Hat sie geweint?›»
Diese Fragen plagten Anton Leimgruber, als ihm im Haus seiner Pflegeeltern in Düdingen vor rund siebzig Jahren dämmerte, dass er bei Leuten aufwuchs, die nicht seine Erzeuger waren.
Aus der Kälte in die Wärme
Die Wahrheit offenbarte sich dem jungen Mann erst nach und nach – und nur bruchstückhaft. Er erfuhr, wie er in einer mondlosen Oktobernacht 1932 geboren und dann in ein Waisenhaus im Solothurnischen gegeben wurde. «Ich war ein frierendes Häufchen Elend.» Das habe sich erst geändert, als ihn das Ehepaar Brügger aus dem Kanton Freiburg bei sich aufnahm.
Nun scheint spätestens seit dem Film «Der Verdingbub» klar zu sein: Wer zwischen 1800 und der Mitte des letzten Jahrhunderts bei Pflegeeltern aufwuchs, ging mitten in der Schweiz durch die Hölle. Waisen wurden wie Vieh versteigert. In ihrem neuen Daheim galten die Kinder als Arbeitssklaven. Sie bekamen kaum zu Essen. Von Liebe ganz zu schweigen.
Tragödien statt Happy Ends
Über Kinder, die in jener Zeit bei fürsorgenden Ersatzfamilien gross werden durften, wird seltener berichtet als über Minderjährige, die ein Leben in Knechtschaft fristeten. Dabei bräuchte jemand, der sich für eine Verdingkindergeschichte mit einem Happy End interessiert, gar nicht weit zu suchen.
Hans-Rudolf Brunner aus Thun zum Beispiel wurde als Fünfjähriger «aus finanziellen Gründen und aus Platzmangel» einer Bauernfamilie übergeben. Dort habe man ihn «lediglich als billige Arbeitskraft» eingesetzt, schreibt er. Wenig später, bei anderen Landwirten in der Waadt, seien für ihn «arbeitsreiche, jedoch schöne Jahre» angebrochen. Rückblickend glaube er, dass er «eine bessere Kindheit» erlebt habe als seine elf Geschwister, die bei ihren Erzeugern gross wurden.
Was in den Diskussionen um die Pflegekinder oft untergeht: Nicht nur Knaben, auch Mädchen wurden – meist ebenfalls aus wirtschaftlichen Gründen – in fremde Familien abgegeben. Vergewaltigungen, körperliche Züchtigungen und Arbeitseinsätze, die Erwachsene kaum ertragen hätten, gehörten für viele dieser oft sehr jungen Frauen zum Alltag.
«Sie waren lieb und gütig»
Aber nicht in jedem Fall: «Ich habe es bei meinen Pflegeeltern immer gut gehabt!», notiert Anna Jordi aus Langenthal. Nachdem sie selber Nachwuchs bekommen hätte, seien die Pflegeeltern «wunderbare Grosseltern» gewesen. «Sie waren liebe und gütige Menschen – ich werde sie nie vergessen.» Des Lobes voll über ihre Pflegeeltern ist auch Therese C.* aus Burgdorf: «Sie haben aus mir das Beste gemacht», freut sich die Frau Jahrzehnte später.
Ruth H.* aus Bern und ihre Geschwister mussten «viel arbeiten». Klagen mag die Frau nicht: «Wir wurden behandelt wie die Kinder der Pflegefamilie.»
Achtjährig war Regina Schumacher aus Köniz, als sie zu Pflegeeltern kam. Dort habe man sie, als «verwahrlostes Kind» sehr streng erzogen. Trotzdem: Ihr Pflegeplatz sei «tadellos» gewesen.
«Ich werde gebraucht»
Auch ihr Ehemann Hans-Ruedi Schumacher habe bei seiner Ersatzfamilie gute Zeiten erlebt – «trotz dem ‹Wärche›». Neben der Arbeit als «Chäsereibueb» sei er zur Schule gegangen. Wenn er die Milch ins Dorf habe bringen dürfen, habe er gespürt: «Ich bin wichtig. Ich werde gebraucht.»
Hans Isenschmid aus Gstaad kam 1928 im zarten Alter von sechs Wochen zu einer Pflegefamilie in Belp. Zwei Jahre später nahmen die Leute noch ein Mädchen und einen weiteren Knaben auf. «Wir haben eine sehr schöne Kindheit erlebt», erzählt Isenschmid. «Unsere Pflegeeltern haben uns zu arbeitsamen und guten Menschen erzogen, wofür wir ihnen noch heute dankbar sind.»
Mit einem alten Dokument widerlegt Hans Zulliger aus Madiswil pauschale Kritiken an Pflegeeltern. Aus dem Brief geht hervor, dass der Verdingbub Johannes F.* um das Jahr 1835 herum mit viel Fürsorge erzogen wurde. «Wie sollte ich vergelten, was ihr so grossmütig an mir thatet?», schrieb er seinen Erziehungsberechtigten. «Ihr habet nicht nur für meine Nahrung, Kleidung und körperliche Pflege, sondern auch für meinen Geist und für mein Herz gesorget.»
«Genau deshalb»
Anton Leimgruber hat nie erfahren, wieso seine Mutter ihn nicht bei sich haben wollte. Er lernte, damit zu leben. Und avancierte im Lauf der Jahre zu einem erfolgreichen Geschäftsmann. Seinen Pflegeeltern, sagt er, verdanke er alles. «Ohne sie wäre ich schon lange im Jenseits.»
Obwohl oder gerade weil seine Vergangenheit im Dunkeln liegt, erkennt er jedes Licht, das auf sein Leben fällt. Ein ganz besonders heller Strahl leuchtete auf, als er als Bub wieder einmal krank war. Der Hausarzt habe zum Pflegevater gesagt: «Sie könnten hundert Kinder haben. Die würden nicht so viel Pflege benötigen wir ihr Pflegebub.»
Daraufhin habe der Pflegevater geantwortet: «Genau deshalb hat der Bub ein warmes Zuhause verdient.»
* Namen der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)
Erstellt: 28.11.2011, 12:16 Uhr
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3 Kommentare
Unsere Eltern nahmen zu den eigenen zwei, noch drei Verdingskinder auf. Sie können raten, wer hatte mehr Rechte, die Verdingskinder oder wir? Ev. falsch geraten, weil es waren die Verdingkinder. Es sollte dann ja nicht heissen, sie nutzten die V-Kinder aus. Im Nachhinein, es war für uns, für alle, so trotzdem in Ordnung. Es gibt zu den traurigen auch viele uns bekannte positive Geschichten. Antworten
Gewiss, diese schlimmen Fälle, die es nicht hätte geben sollen, gab es. Man sollte aber immer auch das zeitliche Umfeld anschauen. Es gab damals weder Witwen-, noch Waisenrente, noch Sozialhilfe. Die Alternative zum Weggeben, war verhungern und viel Arbeiten mussten auch eigene Kinder. Ein Grossteil der Verdingkinder hatte es, im Vergleich zu leiblichen Kindern recht, einige sogar sehr gut Antworten

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