Elterncoaching statt Heimeinweisungen
Von Susanne Graf. Aktualisiert am 31.10.2011 1 Kommentar
«Kosten versanden»
Grundsätzlich müssen Eltern für den Unterhalt ihrer Kinder aufkommen. Der Platzierung in einem Heim geht in der Regel ein Obhutsentzug durch die Vormundschaftsbehörde voraus. Laut Andrea Weik, Leiterin des kantonalen Jugendamts, ist es auch die Vormundschaftsbehörde, die festlegt, wie viel die Eltern an die Heimkosten beitragen müssen. Kommt das Kind in ein vom Staat subventioniertes Heim, sind es in der Regel 30 Franken pro Tag. In einem privaten Heim, wo der Vollkostentarif in Rechnung gestellt wird, bewegt sich der Elternbeitrag
in der Regel zwischen 170 und 240 Franken pro Tag. Die meisten Eltern sind aber nicht in der
Lage, das Geld aufzubringen. Hier springt die Gemeinde ein. Weil sie die Kosten für Fremdplatzierungen über die Sozialhilfe dem Lastenausgleich zuführen kann, sieht die einzelne Gemeinde in ihrer Rechnung nicht, wie viel sie für den Heimaufenthalt bezahlt. Was im Lastenausgleichstopf landet, wird zur Hälfte vom Kanton übernommen und zur andern Hälfte auf alle Gemeinden des Kantons verteilt. Kurz: «Die Kosten versanden», wie es SVP-Grossrat Ueli Studer (Köniz) ausdrückt. Deshalb haben die Gemeindebehörden finanziell keinen Anlass, auf eine möglichst schnelle Rückkehr eines «schwierigen» Kindes zu pochen.
Ab und zu kommt es auch in Ittigen vor, dass Eltern mit einem Kind nicht mehr zurechtkommen. Dann muss der Sozialdienst eine Lösung suchen. «Das ist immer eine ziemliche Übung, bis man den richtigen Platz gefunden hat», sagt der Sozialarbeiter Alexander Kobel. In Ittigen bevorzuge man möglichst nahe liegende Einrichtungen, die schon Schritte hin zu einer flexiblen Jugend- und Familienhilfe unternommen hätten. Kobel nennt das Burgerliche Jugendwohnheim Schosshalde, den Familien-Support Bern-Brünnen und das Zentrum für Sozial- und Heilpädagogik Landorf Köniz-Schlössli Kehrsatz. Letzteres beispielsweise bietet seit 2004 nicht mehr bloss stationäre Heimplätze an.
Hilfe für die Familie
Im Landorf-Schlössli ist man überzeugt, dass «Veränderungen im Verhalten des Kindes nachhaltiger sind, je stärker die Eltern in den Prozess mit einbezogen werden können». Deshalb bietet die Institution ein Elterncoaching an. Auch in der Tagessonderschule und in den Wohngruppen der Institution arbeitet man mit den Eltern zusammen. Wenn möglich kommen sie mehrmals wöchentlich vorbei, um mit den Kindern neue Verhaltensmuster zu üben. An den Wochenenden trainieren Kinder und Eltern das Erlernte zu Hause.
Weniger lang im Heim
Dank der Arbeit mit den Eltern sei die durchschnittliche Aufenthaltsdauer heute wesentlich kürzer, sagt Hansueli Rindlisbacher, Gesamtleiter des Zentrums. Blieben die Kinder und Jugendlichen vor 12 Jahren noch durchschnittlich fünf bis sechs Jahre, können sie heute nach durchschnittlich zwei bis drei Jahren reintegriert werden. Nicht erfasst in den Zahlen sind die Fälle, die dank dem Elterncoaching gar keinen stationären Aufenthalt in der Institution mehr brauchen.
Auch das private Schulheim Ried in Niederwangen legt den Fokus neu auf Integration in der Regelschule und Coaching der Familien. «So konnten wir die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von fünf auf anderthalb bis zwei Jahre reduzieren», sagt Leiter Bernhard Kuonen.
Das entlastet den Steuerzahler massiv: Ein stationärer Heimplatz kostet laut Rindlisbacher pro Monat zwanzigmal mehr als das Elterncoaching. Obwohl er keine konkreten Zahlen nennen will, wird klar: Der Kanton müsste schon aus finanziellen Gründen alles Interesse an flexiblen Angeboten haben, bei denen die Eltern in die Veränderungsprozesse einbezogen werden.
Aber die Finanzströme fördern das Gegenteil: «Wir werden für die Nächte bezahlt, die ein Kind im Heim verbringt, statt für effektive Leistungen, die direkt der Integration dienen», sagt Bernhard Kuonen. Bisher bezahle der Kanton Familien- und Schulbesuche sowie Elterncoaching nur ausgewählten Institutionen. Nächstes Jahr will das Schulheim Ried mit der Stiftung Familien-Support Bern-Brünnen fusionieren, um stärker im angestammten Sozialraum von Familien und deren Kindern arbeiten zu können. «Wir hoffen, dass der Kanton diese Absicht unterstützt und bei der Art der Finanzierung mit sich reden lässt», sagt Kuonen.
Es war Bhends Idee
Es war der frühere Gesundheitsdirektor Samuel Bhend (SP), der die fusionierten staatlichen Schulheime Landorf Köniz und Schlössli Kehrsatz 2003 beauftragte, ein Angebot zu schaffen, das ambulante und stationäre Dienstleistungen kombiniert. 2008 würdigte der heutige Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud das Pilotprojekt und betonte, wie wichtig die Begleitung des Kindes und der Familie zu Hause seien. Doch für die Heime wurden die finanziellen Grundlagen nicht angepasst. «Im Kanton Bern geht es zaghaft voran mit der flexiblen Jugend- und Familienhilfe», kritisiert Alexander Kobel, der zu diesem Thema an der Berner Fachhochschule für soziale Arbeit ein Handbuch mitverfasst hat, bevor er in den Sozialdienst Ittigen wechselte.
SP-Grossrat macht Druck
Im November wird sich der Grosse Rat mit dem Thema befassen. Roland Näf (SP, Bern) verlangt in einer Motion ein Konzept «für bedarfsorientierte, wirkungsvolle sozialpädagogische Dienstleistungen». Bei den heutigen finanziellen Anreizen sei es für die Heime nicht interessant, die Eltern einzubeziehen, stellt er fest (vgl. Kasten). Support erhält Näf von SVP-Ratskollege Ueli Studer, Gemeinderat und Ressortvorsteher Soziales in Köniz: «Heimeinweisungen lösen enorme Kosten aus, die Wirkung aber ist oftmals fraglich.» Lieber investiere er in Elterncoaching, «als kostenintensive Fremdplatzierungen auf Jahre hinaus zu finanzieren». Die Regierung will Näfs Motion in der weniger verbindlichen Form als Postulat entgegennehmen.
Vorab hält Gesundheitsdirektor Perrenoud fest, die vom Kanton subventionierten Heime arbeiteten bereits heute eng mit den Eltern zusammen. Einige aber würden ihr Angebot nun in Richtung ambulanter, Familien unterstützender Leistungen anpassen, «obwohl es nachweislich schwierig ist, gewisse Leistungen im Rahmen der bestehenden Verträge zu erfassen». Gegenwärtig suche man in seiner Direktion «nach Möglichkeiten, diese Schwierigkeiten zu verringern», und prüfe alternative Finanzierungsmodelle. (Berner Zeitung)
Erstellt: 31.10.2011, 07:49 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
1 Kommentar
Zwei Grossräte spielen das positiv „Neue“ gegen die unverzichtbare und gefragte stationäre Betreuung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen aus. Pauschale Herabwürdigungen wie „die Wirkung sei oftmals fraglich“ (Studer), oder „die Angebote einer Vielzahl meist kleiner Heime, entsprächen oft nicht mehr den Anforderungen einer wirkungsvollen Sozialpädagogik“ (Näf) sind anmassend und unnötig. Antworten

Bitte warten




