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Eignungstest für «fromme» Lehrer?
Von Susanne Graf. Aktualisiert am 04.11.2009 1 Kommentar
«Wer liess den Urknall knallen?»
Die Diskussion im Anschluss an das Podiumsgespräch drehte sich fast ausschliesslich um die Frage, ob in der Schule nebst der Evolutionstheorie auch die Schöpfungsgeschichte ihren Platz habe. Wie sich zeigte, befanden sich in der fast vollen Uniaula eine ganze Reihe von gläubigen Lehrpersonen. Ein älterer Lehrer teilte seinen Umgang mit der Frage mit: Er habe jeweils beide Möglichkeiten vorgestellt und den Schülern gesagt: «Entweder glaubt ihr, was in der Bibel steht, oder das, was die wissenschaftliche Theorie sagt.»
Dieses Vorgehen gefiel der Freidenkerin Reta Caspar gar nicht: «Wir können den Kindern nicht zumuten, sich zu entscheiden.» Die Schule habe Physik und Metaphysik strikt zu trennen. Klar müsse die Schule die wissenschaftliche Theorie vermitteln, räumte der gläubige Gymnasiallehrer Daniel Kummer ein. Aber mit der Evolutionslehre könne die Frage nach Gott eben nicht beantwortet werden.
EVP-Grossrat Wilfried Gasser zweifelte die Evolutionstheorie nicht an, meinte aber: «Mühe habe ich, wenn man versucht, mit dem Darwinismus Gott wegzuerklären.»
Der Präsident der Schweizer Lehrpersonen, Beat W. Zemp, konnte die Auseinandersetzung gar nicht recht nachvollziehen: «Für mich sind die Existenz Gottes und die Evolutionslehre absolut kompatibel.» So borniert könne doch keiner sein, dass er die Bibelworte ganz wörtlich nehme, hingegen müsse man sich beim Urknall doch auch fragen, «wer es denn knallen liess».
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Vor einem halben Jahr gerieten «fromme» Lehrpersonen in die Schlagzeilen. «Es hiess, wir würden die Glaubens- und Gewissensfreiheit nicht respektieren», fasste Matthias Kägi vom Verein Vereinigte Bibelgruppen (VBG) zusammen. Damit der Vorwurf fundiert diskutiert werden konnte, organisierte der VBG eine Podiumsdiskussion an der Uni Bern.
Markus Häfliger, Redaktor der Zeitung «NZZ am Sonntag», wollte als Gesprächsleiter erst einmal die Frage geklärt wissen, ob es unter den Lehrpersonen tatsächlich überdurchschnittlich viele Freikirchler gebe, wie einige Artikel angedeutet hatten. «Das ist reine Spekulation», sagte Beat W. Zemp als Präsident der Schweizer Lehrpersonen. Zahlen lägen keine vor. «Und wir dürfen ja auch keine Gesinnungsschnüffelei betreiben», fügte er an.
Was «fromme» Lehrer tun
Nicht die Frage, wie fromm eine Lehrperson sei, sei bedeutend, sondern die Frage, wie sie im Schulalltag damit umgehe, versuchte Irene Hänsenberger als Leiterin des Stadtberner Schulamts das Gespräch auf das zentrale Problem zu lenken. «Eine Lehrperson der öffentlichen Schule muss politisch und konfessionell absolut neutral sein», stellte sie klar. Damit habe er kein Problem, versicherte Wilfried Gasser, Präsident der Evangelischen Allianz. «Schwierig wird es, wenn es heisst, ein Lehrer müsse wertneutral sein.» Einem gläubigen Christen aber sei es gar nicht möglich, seine Überzeugung nicht in den Unterricht einfliessen zu lassen. So gehöre zum Beispiel der Respekt vor dem Mitmenschen zu den zentralen christlichen Werten, weshalb ein «frommer» Lehrer vermutlich vehementer einschreite, wenn seine Schüler mit Schimpfwörtern um sich würfen, nannte Gasser ein Beispiel.
Ob seine Schüler von seinem Glauben wüssten, wollte der Moderator nun von Daniel Kummer wissen. Der gläubige Gymnasiallehrer bestätigte, kürzlich in einer Philosophiestunde darüber gesprochen zu haben. «Ist jedes Bekennen ein Problem?», fragte Häfliger. Zemp erwiderte: «Wenn die Klasse fragt, darf der Lehrer seine Position begründen. Aber er darf andere Ansichten nicht ausschliessen.»
Das grundsätzliche Problem, das Reta Caspar als Geschäftsführerin der Freidenker-Vereinigung Schweiz mit den gläubigen Leuten hat, besteht darin, «dass sie nicht nur im Herzen, sondern auch auf den Lippen tragen, was sie glauben». Deshalb forderte sie einen Eignungstest für gläubige Lehrpersonen: Am Ende ihrer Ausbildung müssten sie beweisen, dass sie ihren persönlichen Glauben vom Lehrauftrag trennen könnten.
Daniel Kummer, der als Mitglied des VBG angehenden Lehrkräften Bibelkurse erteilt, zeigte sich insofern entgegenkommend, als er versprach, «jugendliche Eiferer» verstärkt auf ihre rechtlichen Grenzen hinzuweisen.
Bislang kein Problem
Hans Ambühl, dem Generalsekretär der Erziehungsdirektorenkonferenz, sind noch nie Probleme im Zusammenhang mit «religiösem Übereifer» zu Ohren gekommen. «Vielmehr gibt es eine zunehmende Überforderung im Umgang mit den verschiedenen Religionen», stellte er fest. Dieses Problem könne aber nicht gelöst werden, «indem wir das Thema Religiosität krampfhaft aus der Schule verbannen». Religion sei vielmehr ein wesentlicher Teil des Bildungsauftrags. Der neue Lehrplan 21 müsse sich deshalb zum Thema öffentliche Schule und Religion positionieren, doppelte Zemp nach.
Auch Irene Hänsenberger wusste von keinen konkreten Problemen mit gläubigen Lehrpersonen zu berichten. Doch angesichts des Sendungsbewusstseins, das viele Gläubige hätten, finde sie es trotzdem beunruhigend, wenn die Religion an der pädagogischen Hochschule ein so grosses Gewicht habe. «Es ist fraglich, ob die konfessionelle Neutralität noch gesichert ist», sagte sie.
Wilfried Gasser will in den eigenen christlichen Kreisen einen Beitrag dazu leisten, dass Hänsenbergers Unbehagen abnimmt. Er räumte ein, viele christliche Gemeinschaften seien «nicht sehr geschult in Dialogfähigkeit». Sie müssten es lernen, sich «in grosser Offenheit und nicht militant» mit Themen des Glaubens zu befassen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.11.2009, 08:39 Uhr
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Hans Rudolf Hirschi
Ob religiös oder nicht, auch ein Lehrer hat Anrecht auf ein Privatleben wie alle Bürger, denn wir haben Glaubens und Vereinsfreiheit. Damit ein ausgeglichenes Auftreten in der Schule gewährleistet ist, besteht ein Schulgesetz und Lehrplan, worin seine Rechte und Pflichten festgehalten sein sollen. Ein Eignungstest wäre deshalb Fehl am Platz und einseitig, denn Extremes ist so oder so nicht gut. Antworten