Die Probleme der Gesundheitszentren
Von Fabian Schäfer. Aktualisiert am 18.11.2011 1 Kommentar
Es geht, aber nicht überall: Spital-CEO Andreas Kohli. (Bild: Thomas Peter)
Das Konzept
Was ist ein Gesundheitszentrum? Primär ist ein Gesundheitszentrum (GZ) kein Spital. Es gibt weder Operationssäle noch Bettenstationen. Ein GZ gehört in der Regel zu einem Regionalen Spitalzentrum, das mindestens ein Akutspital führt.
Ein GZ muss in allererster Linie die medizinische Grundversorgung der Region rund um die Uhr sicherstellen. Zudem muss es garantieren, dass Patienten, die eine Spitalbehandlung brauchen, an den richtigen Ort weitergeleitet werden. Dieser Notfalldienst kann gemeinsam von den Ärzten des GZ und frei praktizierenden Ärzten geleistet werden. Denkbar ist auch, dass die GZ zugleich Ambulanzstandorte sind, sodass Notfälle sehr rasch ins Spital gebracht werden können.
Daneben sieht die kantonale Gesundheitsdirektion (GEF) vor, dass Fachärzte aus den zugehörigen Akutspitälern Abklärungen und einfache Behandlungen im GZ anbieten. Weiter schlägt sie vor, Sprechstunden von Spezialisten im GZ anzubieten oder gar eine Hausarztpraxis darin einzurichten. Darüber hinaus will die GEF den Spitälern Spielraum lassen: Das Angebotsspektrum müsse sich je nach Standort unterscheiden.
Die Politik
Debatte im Grossen Rat
Das Kantonsparlament nimmt in der Novembersession zur «Versorgungsplanung 2011 bis 2014» Stellung. Das tönt abstrakter, als es ist. Im Zentrum steht die handfeste Frage, wie viele und welche Spitäler im Kanton Bern nötig sind und zugleich trotz Preisdruck rentabel oder zumindest selbsttragend betrieben werden können.
Dabei stehen kleine Spitäler in Landregionen im Vordergrund, da sich hier die Probleme kumulieren: Wegen relativ geringer Fallzahlen trifft der Kostendruck sie besonders stark; dies wird dadurch verschärft, dass sich viele Patienten lieber in den grossen Spitälern in den Städten behandeln lassen; zudem gilt die Suche nach dem ohnehin knappen Fachpersonal auf dem Land als besonders schwierig.
Es gilt – gelinde gesagt – als sehr unwahrscheinlich, dass weiterhin alle heutigen Spitalstandorte aufrechterhalten werden können, ohne dass der Kanton zusätzlich zu den Fallpauschalen Subventionen an sogenannt «gemeinwirtschaftliche Leistungen» leistet.
Die Diagnose wird kaum mehr bestritten: Im Kanton Bern gibt es zu viele Spitäler. Im Fokus stehen die kleineren Spitäler in den ländlichen Regionen. Sie dürften auch die Spitaldebatte prägen, die der Grosse Rat in der Novembersession führt. Ein Wort wird dabei oft zu hören sein, das «Zauberwort» der Berner Spitalpolitik: Gesundheitszentrum (GZ). Kleinere Landspitäler, früher Bezirksspitäler genannt, sollen zu GZ umgewandelt werden: Darauf wirkt die Gesundheitsdirektion von SP-Regierungsrat Philippe Perrenoud mit wachsendem Druck hin. Die Zentren sollen bei deutlich geringeren Kosten eine ausreichende Versorgung sicherstellen. Oft könnten sie gar in die Bresche springen, wenn es in einer Region nicht mehr genug Hausärzte gibt.
Liegenschaften sind zu gross
Am meisten Erfahrung mit GZ hat der Oberaargau: Zwei der drei Zentren im Kanton werden in den ehemaligen Spitälern Huttwil und Niederbipp betrieben, das dritte steht in Meiringen. Die Oberaargauer Zentren werden vom Spital Region Oberaargau (SRO) geführt. Ihr CEO, Andreas Kohli, ist überzeugt, dass GZ eine gute Variante sind, um auf den ohnehin unaufhaltsamen Konzentrationsprozess zu reagieren. GZ seien aber nicht an jedem Standort denkbar. Auf jeden Fall seien viel Energie und Kreativität nötig, um ein Zentrum schon nur kostendeckend zu betreiben.
Der SRO-Chef spricht von einem Dilemma: Einerseits sinken die Kosten rapide, da ein Akutspital viel personalintensiver sei als ein GZ. Allein in Niederbipp fielen auf einen Schlag an die 5Millionen Franken weg. Andererseits fallen auch Erträge weg. Zudem seien die Spitalliegenschaften meist viel zu gross, der Unterhalt sei entsprechend teuer. «Würden wir in Niederbipp ausschliesslich ein Gesundheitszentrum einrichten, wäre das Defizit wohl fast noch grösser als früher», so Kohli. Die Herausforderung sei, für jedes Zentrum passende, finanziell ausreichende Zusatzangebote zu finden. Dabei dürfe man die Ärzte vor Ort nicht konkurrenzieren, sondern müsse sie möglichst einbinden.
Bisher noch defizitär
Andreas Kohli verhehlt nicht, dass das SRO weiterhin daran ist, die richtige Mischung für seine GZ zu suchen, und weiterhin mit möglichen Mietern diskutiert, mit Zahnärzten etwa. Kürzlich räumte er öffentlich ein, das GZ Huttwil schreibe nach wie vor Defizite. Bisher umfassen die Oberaargauer Zentren Angebote wie Wohnen und Pflege im Alter, ambulante Psychiatrie, Sprechstunden von Haus- und Spezialärzten, chinesische Medizin, ambulante Therapien, Spitex sowie einen Kinderhort. Ideal ist laut Kohli, wenn die GZ grosse Teile der Infrastruktur zum Beispiel für Alterspflege nutzen können. Diese nimmt in beiden Oberaargauer Zentren den Hauptteil ein.
Subventionen vom Kanton?
Das Fazit des Spitaldirektors: «Das Konzept kann funktionieren, aber nicht überall.» Wenn es nicht funktioniert, bleibt den Spitälern letztlich wohl nur der Ausweg, für ihre Liegenschaften einen Käufer zu suchen. Dass der Druck auf kleine Standorte so oder so weiter wächst, steht für Kohli fest. Zu einzelnen Standorten äussert er sich nicht. Die Visana hingegen, die grösste Berner Krankenkasse, bezeichnet mehrere Spitalstandorte als potenzielle GZ: Zweisimmen, Saanen, Riggisberg, Moutier, St.Immer und allenfalls Langnau oder Frutigen.
Die Grossratsdebatte wird zeigen, ob die Politik in Kauf nimmt, dass weitere Spitäler geschlossen oder zu GZ umgewandelt werden – oder ob sie in die Kantonskasse greifen will, um defizitäre Standorte zu schützen. Versachlicht wird die Diskussion dadurch, dass sie erst nach der Sondersession zu den knappen Kantonsfinanzen und zum Sparprogramm stattfindet. (Berner Zeitung)
Erstellt: 18.11.2011, 11:10 Uhr
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1 Kommentar
Der Satz "Dabei dürfe man die Ärzte vor Ort nicht konkurrenzieren, sondern müsse sie möglichst einbinden." bezieht sich wohl auf Hausärzte, und das ist richtig, wenn diese wichtigen Aerzte behalten werden sollen. Im Uebrigen hingegen sollte der Konkurrenzdruck im Gesundheitswesen, vor allem im Spitalbereich und bei Spezialisten, viel stärker werden, bisher hat er ja kaum gespielt. Antworten

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