«Die Kirche muss zu den Leuten»
Von Susanne Graf. Aktualisiert am 09.04.2010
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Davon können andere Pfarrer nur träumen: Dass sie vor einer Schar von 2000 Leuten das Evangelium verkünden können, wie dies dem Sumiswalder Pfarrer Marc Mettler im Sommer 2008 vergönnt war. Wäre er in der Kirche geblieben, hätte er allerdings lange auf diese stolze Besucherschar warten können. Doch Mettler liess den Talar im Schrank, verliess die kirchlichen Gemäuer und begab sich ins Festzelt, in dem sich die internationale Bikerszene an jenem Wochenende zu ihrer alle zwei Jahre stattfindenden Party versammelt hatte. Hier, wo die einen ihr Bikerzmorge genossen und die andern extra wegen des Gottesdienstes gekommen waren, verkündete er das Wort Gottes. Und er merkte: «Wenn die Kirche zu den Leuten geht, stösst sie nicht grundsätzlich auf Ablehnung.» Es sei vielmehr das Image vom «Alten, Verstaubten, Pfarrherrlichen», womit die Leute Mühe hätten.
Dickes Studienpapier
Mettlers Erfahrungen dürften beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) auf offene Ohren stossen. Denn dieser ist angesichts der Prognosen einer selber in Auftrag gegebenen Studie gut beraten, sich über ihre Zukunft Gedanken zu machen. Will der SEK nicht hinnehmen, dass die Anzahl der Reformierten in der Schweiz bis im Jahr 2050 von heute 33 auf 20 Prozent sinkt, muss er Gegensteuer geben. Tatsächlich studiert der SEK schon länger über die Frage nach, ob allenfalls eine Reform der aus dem Jahr 1950 stammenden Verfassung angebracht wäre. Dieser Tage erhalten die 26 Mitglieder (24 reformierte Kantonalkirchen, die evangelisch-methodistische Kirche und die Eglise Evangélique Libre de Genève) ein 50-seitiges Papier zum Studium. Auf dessen Basis werden sie im Juni an der Abgeordnetenversammlung in Herisau entschieden, ob die Reform angepackt werden soll. Der Rat des SEK möchte dabei einerseits organisatorische und andererseits strukturelle Fragen geklärt wissen.
Angst um religiöse Bildung
Daneben aber stellt der Rat in seinem Papier Themen zur Diskussion, die sich auf den Mitgliederrückgang in der reformierten Kirche beziehen. So müsse die Kirche etwa «Antworten finden» auf den «Traditionsabbruch bezüglich der allgemeinen Kenntnis der christlichen Kultur». Der Rat fordert eine nationale Strategie für die religiöse Bildung, damit die Weitergabe des Glaubens gewährleistet bleibe.
Weiter brauche die Volkskirche ein besser erkennbares Profil, sie müsse mit einer «starken reformierten Stimme in den gesellschaftlichen Debatten» präsent sein und sich überlegen, wie die Marke ‹reformiert› gestärkt werden könne.
Kommunikation erneuern
Der Erosion der Mitgliederzahl will der Rat gemäss seinem Bericht mit «Strategien für eine moderne Kommunikation des Evangeliums» entgegenwirken. Doch der Pfarrer in Sumiswald warnt vor allzu hohen Erwartungen. Gottesdienste für Junggebliebene, an denen eine moderne Band spiele, Interviews geführt würden und Special Guests aufträten, würden zwar den einen oder die andere in die Kirche ziehen. «Aber die Hemmschwelle bleibt höher, als wenn die Kirche zu den Leuten geht.»
In Sumiswald jedenfalls sei es sein Auftritt am Bikerzmorge gewesen, der einigen die Türe zur Kirche neu geöffnet habe. Mettler berichtet von einem Paar, das sich entgegen der ursprünglichen Absicht doch kirchlich trauen liess, nachdem es im Festzelt unerwartet eine positive Erfahrung mit der Kirche gemacht habe. Deshalb wird sich der Sumiswalder Pfarrer diesen Sommer zum dritten Mal unter die Töfffreaks mischen, um seine Botschaft zu verkünden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.04.2010, 07:07 Uhr






