Region
Die Berner Wahlen sind ein Millionengeschäft
Aktualisiert am 27.01.2010 1 Kommentar
Umstritten sind 40 Sitze
Der Co-Autor des Buchs «Wahlkampf in der Schweiz» teilt die 1937 Kandidatinnen und Kandidaten für den Grossen Rat in vier Kategorien ein. In der Pole Position stehen die 136 wieder antretenden Ratsmitglieder. Dank dem Bisherigenbonus und den meist tragfähigen sozialen Netzen schafften sie in der Regel die Wiederwahl, so Balsiger.
Allerdings würden jeweils etwa 15 Bisherige abgewählt, so dass rund 120 Sitze vergeben sind. Um die restlichen 40 Sitze kämpften die sogenannten Ambitionierten. Balsiger schätzt ihre Zahl auf 200. Für sie gilt es, sich auch gegen Mitkonkurrenten aus den eigenen Reihen durchzusetzen.
«Wer neu kandidiert, sollte sich früh in Position bringen», empfiehlt ihnen Balsiger. «Die Netzwerke müssen gross und tragfähig sein und vor allem auch ausserhalb der eigenen Partei halten. Als zentral erachte ich zudem die Auftrittskompetenz sowie die Präsenz in den neuen Medien.»
Wer sich sukzessiv und zielstrebig eine überzeugende Online- Präsenz aufbaue, könne so viele potenzielle Wähler erreichen - auch ausserhalb des eigenen Umfelds. Allerdings brauche dies viel Zeit.
«Wenn neu Kandidierende die Internet-Wählhilfe Smartvote nicht nutzen, begehen sie einen Fehler», sagt dazu Willi Zahnd, langjähriger Sekretär der SP Kanton Bern. Auch er findet: Internet- Kontaktforen wie Facebook intensiv nutzen oder gar nicht.
Nach den 200 Ambitionierten kommen laut Balsiger Kandidierende, die keine grosse Chance haben, aber sich für andere Ämter oder die Grossratswahlen 2014 aufbauen wollen. Erst an vierter Stelle kommt die Kategorie mit den meisten Leuten: die Listenfüller. Sie haben sich zur Kandidatur überreden lassen oder machen der Partei zuliebe mit.
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Die SVP des Kantons Bern hat für die Wahlen 340'000 Franken budgetiert, die FDP 250'000 und SP und Grüne wollen allein für ihre gemeinsame Regierungsratskampagne «4 gewinnt» 260'00 bis 300'000 Franken aufwenden. Das hiess es am Dienstag bei den Parteizentralen auf Anfrage.
Selbst eine kleinere Partei wie die EVP hat für die Regierungs- und Grossratswahlen rund 220'000 Franken eingeplant.
Dazu kommen laut Christoph Erb vom bernischen KMU-Verband 200'000 Franken, welche die kantonalen Wirtschaftsverbände in die Kampagne «Wählt bürgerlich» stecken. In dieser Kampagne treten die fünf sonst eigene Wege gehenden SVP-, FDP- und BDP-Regierungsratskandidierenden gemeinsam auf.
Das macht schon weit mehr als eine Million. Dazuzurechnen sind nun aber noch Mittel unbekannter Höhe der Kandidierenden für ihren persönlichen Wahlkampf sowie Ausgaben von Parteisektionen in den neun Wahlkreisen des Kantons. Für die Grossratswahlen wendeten die Regionalparteien mehr Geld auf als die Kantonalpartei, sagt Monika Hächler, Geschäftsleiterin der Grünen.
Experte: «4 gewinnt» ist brauchbar
Verwendet wird das Geld ausser für klassische Werbemittel wie Plakate und Inserate immer mehr auch für neue Medien. Fast alle für den Regierungsrat Kandidierenden haben ihren eigenen Internetauftritt und auch die rot-grüne und die bürgerliche Kampagne läuft virtuell.
Auch im Zeitalter von Facebook und Twitter setzen die Parteien aber auch noch auf persönliche Kontakte. Die SVP schickt die Regierungsratskandidaten in einem Kleinbus auf eine Tour zu 80 Orten im Kanton Bern. Und auf die vier rot-grünen Regierungsratskandidierenden wartet eine «Tour de Berne».
Wie beurteilt ein PR-Profi den Wahlkampf der bernischen Parteien? Mark Balsiger, Co-Autor des Buchs «Wahlkampf in der Schweiz», sagt zuerst einmal auf Anfrage, wegen der vergleichsweise geringen Budgets der Parteien, dem Milizsystem und der Aufsplitterung in Wahlkreise gebe es gar keine dynamischen, kohärenten Wahlkampagnen.
Den Slogan «4 gewinnt» bezeichnet Balsiger, der im laufenden Wahlkampf kein Mandat innehat, zwar nicht als neu. Erst 2007 sei er im Kanton Zürich verwendet worden. Er sei aber brauchbar, weil rot- grün eben mit vier Bisherigen und geeint antrete.
Nicht allzu viel hält Balsiger vom Auftritt der fünf bürgerlichen Regierungsratskandidierenden unter dem Dach der Wirtschaftsverbände. Es sei auch politisch nicht Interessierten klar, dass sich SVP und BDP «spinnefeind» seien. Vor diesem Hintergrund wirke dieser Auftritt nicht glaubwürdig.
Den Wahlkampf auf der Strasse hält Balsiger für eher unbedeutend. Dessen Wirkung sei noch nie bewiesen worden. «Es gibt auch Kandidaten, die bei jedem öffentlichen Auftritt Sympathiepunkte verlieren, weil sie nicht geeignet sind für den Smalltalk», gibt er zu bedenken.
Wahlkampf ist immer
Was braucht es denn, um im Wahlkampf Erfolg zu haben? Persönliche Bekanntheit kombiniert mit einer Partei, die einen gewissen Wähleranteil habe, sagt auf Anfrage Willi Zahnd, Sekretär der kantonalen SP in den 90-er Jahren und bis zu den letzten Nationalratswahlen 2007. Dazu komme Glaubwürdigkeit.
Die persönliche Bekanntheit erwerbe man aber nicht nur im Wahlkampf, sondern auch vorher, sagt Zahnd weiter. Wahlchancen habe also etwa eine Person, die aufgrund ihres Berufs immer wieder in den Medien präsent sei.
Balsiger sagt dazu, Wahlkampf herrsche immer. Die Regierungsmitglieder Barbara Egger-Jenzer und Andreas Rickenbacher (beide SP) hätten in den letzten Jahren exemplarisch gezeigt, wie man es macht. «Jedes Referat, jeder Händedruck, jede Einweihung einer neuen Strasse ist Wahlkampf. Beim Publikum setzt sich irgendeinmal fest: Die tun was.» (Rainer Schneuwly/sda/)
Erstellt: 27.01.2010, 10:22 Uhr








Urs muntwyler
Stimmt - die "4" tun wirklich was - wieso also ein "winning team" wechseln? Antworten