«Der Reaktor wird nun langsam auf volle Leistung gefahren»
Interview: Tanja Kammermann. Aktualisiert am 09.02.2012 2 Kommentare
Martin Saxer, der Leiter des Atomkraftwerks Mühleberg. (Bild: zvg)
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Wegen einer Panne bei einer Messung ist es am Mittwoch zu einer Schnellabschaltung des AKW Mühleberg gekommen. Die BKW informierte, dass die Messungen am Speisewassersystem im Rahmen von wiederkehrenden Prüfungen durchgeführt worden seien. Der Kommandoraum sei über die Messungen an einem Strang des Speisewassersystems im Bild gewesen. Die Mitarbeitenden hätten dann aber das Messgerät an einem anderen Strang angebracht als im Kommandoraum erwartet. Darauf habe der Reaktor kurz vor 14 Uhr bestimmungsgemäss mit einer Schnellabschaltung reagiert.
Wie genau muss man sich die Schnellabschaltung eines AKW vorstellen?
Martin Saxer: Eine Schnellabschaltung erfolgt durch Einfahren von Steuerstäben. Diese unterbinden die Kettenreaktion und damit wird der Reaktor abgeschaltet.
Wann und warum wurden zusätzliche Messgeräte angebracht? Und können diese jetzt einfach ohne Konsequenzen wieder entfernt werden?
Die Messgeräte wurden an einer Speisewasserpumpe angebracht, speziell für die vorgesehene Prüfung. Es wurden Messungen zur Überprüfung von Schutzauslösungen der Pumpenmotoren vorgenommen. Die Entfernung der Messgeräte ist nach Abschluss der wiederkehrenden Prüfung ohne weiteres möglich und war ohnehin vorgesehen. Sie ist erfolgt.
Wie viel kostet eine Schnellabschaltung und ein Wieder-Herauffahren eines AKWs?
Die Schnellabschaltung und das Wiederanfahren sind im Rahmen einer normalen Störungsbeseitigung erfolgt und haben keine grösseren Zusatzkosten verursacht. Die entgangenen Einnahmen durch die einige Stunden ausbleibende Stromlieferung war der finanzielle Haupteffekt der Störung.
Wie stark wird ein Reaktor durch eine Schnellabschaltung strapaziert?
Die zusätzliche Beanspruchung durch die Schnellabschaltung am Mittwoch ist vernachlässigbar.
Bei einer Schnellabschaltung verbleibe Wärme im Reaktor, war das auch am Mittwoch so?
Nach einer Schnellabschaltung entsteht im Brennstoff sogenannte Restwärme. Diese beträgt unmittelbar nach der Abschaltung ungefähr fünf bis sechs Prozent der bei Volllast erzeugten Wärme. Die Nachzerfallswärme nimmt sehr schnell ab, nach zwei Stunden liegt sie unter einem Prozent. Die Nachzerfallswärme wird über Dampf weiterhin an die Hauptwärmesenke abgegeben. Diesen Betriebszustand bezeichnet man als «Hot Standby». Das Kühlwasser und die Hauptwärmesenke waren jederzeit verfügbar.
Ist der Reaktor wieder ganz heraufgefahren?
Der Reaktor wurde bereits am Mittwoch wieder angefahren und verblieb über Nacht auf rund 80 Prozent Leistung. Ab heute Donnerstag wird der Reaktor unter Einhaltung der Kerngrenzen langsam auf 100 Prozent Leistung gefahren.
Er produziert also wieder gleich viel Strom wie vor der Schnellabschaltung?
Sobald die Volllast erreicht ist, wird gleich viel Strom produziert wie vorher.
Wird der Vorfall untersucht?
Grundsätzlich wird in einem Kernkraftwerk von dessen Betreiber jede Betriebsstörung untersucht. Dies liegt im Eigeninteresse des Betreibers. Er will ja nicht nur das erneute Auftreten der vorgefallenen Störung vermeiden, sondern ist auch bestrebt, Schlüsse zu ziehen, die auch in anderen Fällen anwendbar sind. So wird die ständige Verbesserung der Sicherheit erreicht. Im vorliegenden Fall handelte es sich um eine Schnellabschaltung, somit ist das Ereignis meldepflichtig, das heisst es muss der Aufsichtsbehörde gemeldet werden. Der Meldeprozess ist genau definiert, er umfasst unter anderem Berichte, in denen die Ursache der Störung sowie die zu deren Behebung und künftige Verhinderung getroffenen Massnahmen zu beschreiben sind. Die Behörde ihrerseits analysiert jedes in einem Schweizer Kernkraftwerk aufgetretene, meldepflichtige Vorkommnis.
Gab es Reaktionen von Behörden oder verunsicherten Menschen? Wenn ja welche?
Die Reaktion der Behörde verlief so, wie in solchen Fällen vorgesehen. Es fanden Abklärungen im Rahmen der Meldung des Ereignisses und des Wiederanfahrens mit dessen Vorbereitung statt. Von den Medien gab es diverse Anfragen. Zur Verunsicherung von Menschen liegen uns keine Informationen vor.
Der Zeitpunkt ist etwas unglücklich: Vor einer Woche wurden die Notfallpläne des Bundes für den Fall eines AKW-Gaus verschickt. Können Sie mit gutem Gewissen sagen, dass zu keiner Zeit irgendeine Gefahr für irgendjemanden (auch Arbeiter etc.) bestanden hat?
Am Mittwoch ist eine Betriebsstörung eingetreten, die keine oder höchstens geringe sicherheitstechnische Bedeutung hat. Es handelte sich nicht um einen Notfall, für den die Notfallpläne des Bundes zur Anwendung kämen. Der Reaktor befand sich zu jeder Zeit in einem sicheren Zustand. Es kam zu keiner unzulässigen Freisetzung von Radioaktivität. Die Sicherheit der Bevölkerung war zu jeder Zeit gewährleistet. Innerhalb der Anlage ist an keiner Stelle Radioaktivität aus den Systemen ausgetreten und es ist an keiner Stelle eine erhöhte Strahlung aufgetreten, die zu einer Gefahr für das Betriebspersonal hätte führen können. Auch die Arbeitssicherheit war zu jeder Zeit gewährleistet, so dass wir Ihre Frage wirklich mit gutem Gewissen beantworten können: Ja, es hat zu keiner Zeit irgendeine Gefahr für irgendjemanden, auch nicht für die Arbeiter, bestanden. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.02.2012, 14:58 Uhr
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2 Kommentare
Dieses Vorgehen beruhigt mich nun endgültig??!!
Hier weiss offensichtlich die Linke nicht, was die Rechte tut. Wunderbar, wie hier die Kommunikation unter den Beteiligten funktionieren muss.
Der Kommandoraum glaubt etwas, und die Akteure machen dann aber etwas anderes. Wäre ja fast witzig, wenn es nicht so tragisch wäre.
Aber für die Betreiber handelt es sich ja nur um eine Bagatelle.
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