«Der Aufnahmetest sucht nicht perfekte Ärzte»
Von Interview: Brigitte Walser. Aktualisiert am 09.07.2010 2 Kommentare
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Wieso bietet Bern nur 180 Studienplätze an, wenn es an Schweizer Ärzten mangelt und fast 600 Personen Interesse für ein Studium in Bern angemeldet haben?
Peter Eggli: Wir haben bereits reagiert und die Anzahl Studienplätze erhöht. Vor vier Jahren hatten wir lediglich 125 Plätze. Mit dem Ausbau auf 180 Studienplätze in Humanmedizin sind wir an die Grenzen des derzeit Möglichen gestossen.
Ist kein weiterer Ausbau geplant?
Wir können die Zahl der Studienplätze nicht beliebig erhöhen, ohne sehr viel Geld in die Hand zu nehmen. Wir müssten die Institute und Kliniken ausbauen und Praktikumsplätze finden. Will man die Kapazitäten ausweiten, muss das jemand finanzieren. Doch die Spitäler und die Universitäten müssen sparen.
Die Platzbeschränkung und damit den Numerus clausus aufzuheben, wäre also keine Lösung?
Das mag ein schönes politisches Schlagwort sein, aber durchführbar ist das nicht.
Das heisst, wir sind für längere Zeit auf ausländische Ärzte angewiesen.
Der Ärztemangel bezieht sich vor allem auf die Assistenzstellen in den Spitälern, hier beträgt der Ausländeranteil in der Deutschschweiz derzeit knapp 50 Prozent. Ein Grund, der zu einem erhöhten Bedarf an Assistenzärzten beigetragen hat, ist die Einführung der 50-Stunden-Woche. Wie viele Ärzte es in Zukunft in- und ausserhalb der Spitäler tatsächlich braucht, weiss niemand so genau. Noch vor wenigen Jahren wurde vor einem Ärzteüberfluss gewarnt und die Selektion im Medizinstudium durch den Bund verschärft. Innerhalb von wenigen Jahren hat sich das Blatt offenbar gewendet.
Gibt es andere Lösungen?
Es gibt Diskussionen, an neuen Standorten, etwa im Tessin oder in Luzern, zumindest Teile des Medizinstudiums anzubieten. Ob man das will, ist nicht zuletzt eine politische Entscheidung.
Es gibt auch die Forderung, dass sich Medizinstudenten verpflichten, nach dem Studium als Arzt zu arbeiten oder sonst einen Teil der Studienkosten zurückzuzahlen.
Das wäre quasi ein Zwang zur Berufsausübung und eine starke Einschränkung der Freiheit des einzelnen. Vor allem für Frauen könnte eine solche Verpflichtung einschneidend sein.
Heute sind 60 Prozent der Medizinstudierenden Frauen. Muss man Gegensteuer geben?
Nein, wieso denn? Für Frauen wird es höchstens schwierig, die Weiterbildung mit einer Familiengründung und Teilzeitarbeit zu vereinbaren. Hier müssen auch die Spitäler flexibler reagieren, wenn sie keine Arbeitskräfte verlieren wollen.
Die Spitäler tun sich schwer damit.
Es ist nicht überall gleich einfach. In der Chirurgie ist viel handwerkliches Geschick nötig, das nur mit Übung und Erfahrung erlangt werden kann. Teilzeitarbeit ist hier sicher eine Herausforderung. Bei der Arbeitsorganisation ist in Zukunft noch mehr Kreativität gefordert.
Ändert sich damit das Bild des Arztberufs?
Bei der heutigen jungen Generation hat sich die Vorstellung geändert, dass Ärzte Tag und Nacht anwesend sein müssen und sich an den Wochenenden noch in der Forschung betätigen. Man sah bisher im Arztberuf etwas Aussergewöhnliches, für das man auch bereit war, aussergewöhnliche Opfer zu bringen. Das lässt sich jedoch immer weniger mit den Forderungen der heutigen Gesellschaft vereinbaren, die der Familie und dem Privatleben mehr Raum einräumt.
Damit verliert der Beruf das Aussergewöhnliche?
Viele Berufsbilder sind im Wandel. Bei den Ärzten wird auch die Rollenverteilung diskutiert: Was sollen in Zukunft die Ärzte machen und welche Aufgaben übernehmen die Pflegefachfrauen? Was ist die Rolle der Grundversorger und wofür sind die Spezialisten zuständig?
Im Gesetz ist definiert, was ein Arzt können muss.
Phu ja, das müssen Sie einmal nachlesen. Gemäss diesem Gesetz müssten lauter Übermenschen das Studium abschliessen. Ärzte sollen nicht nur kranke Menschen behandeln, sie müssen auch alle ökonomischen, ökologischen, rechtlichen, sozialen, psychischen und ethischen Auswirkungen ihrer Tätigkeiten im Auge behalten und entsprechend handeln. So perfekt ist niemand.
Laut dem Gesetz muss das Studium auch die soziale Kompetenz fördern. Wie machen Sie das?
Wir haben neue Unterrichtsformen eingeführt, die Teamarbeit erfordern. Das berücksichtigt, dass Medizin heute auch bedeutet, im Team zu arbeiten. Im Rahmen des Ethikunterrichts und der psychosomatischen Medizin setzt man sich mit der entsprechenden Problematik auseinander. Seit einigen Jahren machen die Studierenden zudem ein Praktikum bei einem Hausarzt.
Im Aufnahmetest werden soziale Kompetenzen aber nicht getestet. Findet der Test die guten Ärzte?
Der Test sucht nicht perfekte Ärzte, mit diesem Ziel wäre er zum Scheitern verurteilt. Gute Chirurgen haben andere Profile als gute Forscher oder gute Hausärzte. Was der Test gut voraussagt ist die Chance, das Studium erfolgreich hinter sich zu bringen. In Bern brechen nur zehn Prozent das Studium innerhalb der ersten beiden Jahre ab, das ist sehr wenig.
Haben jene Personen beim Test die besten Chancen, die am längsten darauf gelernt haben?
Nein, und deshalb ist er auch gerecht und breit akzeptiert. 20 Stunden Vorbereitung sind optimal, weniger führt zu schlechteren Resultaten, mehr bringt nichts. Das wäre ein Problem beim Versuch, soziale Kompetenzen zu prüfen. Diese Art von Tests kann man relativ gut vorbereiten.
Wenn sich das Berufsbild ändert, wandelt sich auch das Studium?
Natürlich. Das Wissen und die Unterrichtsmethoden ändern sich. Zur Zeit meines Vaters gingen die Medizinstudenten noch in den Bremgartenwald, um Pflanzen zu sammeln und die Grundlagen der Pflanzenheilkunde zu erlernen. Heute ist das nicht mehr möglich bei all dem Wissen, das wir den Studenten vermitteln müssen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.07.2010, 07:30 Uhr
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2 Kommentare
Notmassnahmen gegen den Lehrermangel !? Grosser Fachkräftemangel in vielen Bereichen, trotzt immer noch hohen Arbeitslosenzahlen. Warum? 30% aller Studenten verlassen die ETH Zürich ohne Abschluss. 30% der Gymnasiasten schaffen den Abschluss nicht, steigen aus, oder um. Durchfallquoten von bis zu 50% sind in der Schweiz keine Seltenheit. Wer sind diese Menschen? Warum werden sie nicht Lehrer oder Lehrerinnen? Der Nobelpreisträger Albert Einstein hätte die Basisprüfung an der ETH Zürich, heute nicht mehr bestehen können. Wie seine Biographie zeigt. Wie anspruchsvoll und kompliziert muss es denn noch sein? Ist das wirklich nötig? Studien zeigen: 50% von allem was man gelernt hat, kann man gar nie gebrauchen. Ich habe hier ein Modellbeispiel zusammengestellt. Sie erhalten diese Unterlagen als Information und zur Auswertung. Ist die Bildung an dieser Entwicklung nicht ganz einfach selber Schuld? Sind die immer noch hohen Arbeitlosen - Zahlen auch hausgemacht? Antworten
50% der Medizinstudenten sind Frauen. Sie arbeiten später höchstens Teilzeit, keine Überstunden. Folgende Massnahmen: a) Studi bezahlen mit die Ausbildungskosten von ca. 30'000 Franken pro Jahr selber oder die Hälfte davon. b) Studi bekommen Kredit, zinslos und können die Studiengebühren nach dem Studium in 15 Jahresraten zurückzaheln. Folge:Es studieren nur noch Leute, die in dem Beruf arbeiten Antworten






