Beatrice Simon: «Wir müssen das Lohnproblem dringend angehen»
Von Fabian Schäfer. Aktualisiert am 16.12.2010 5 Kommentare
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Zahlen
Personalkosten. Die Löhne des Kantonspersonals und der Lehrkräfte steigen 2011 um 1,8 statt wie geplant um 1 Prozent: Dies hat der Regierungsrat jüngst beschlossen, notabene mit dem Segen des bürgerlich dominierten Grossen Rats. Damit erhöht sich die gesamte Lohnsumme 2011 um 140 Millionen Franken (inklusive Einkaufsbeiträge an Pensionskasse). 0,7 Prozent werden als Teuerungsausgleich an alle verteilt und 1,1 Prozent individuell.
Zuvor hatte der Regierungsrat in bislang ungekannter Offenheit deklariert, der Kanton habe sich «im Vergleich zum relevanten Konkurrenzumfeld» einen Lohnrückstand eingehandelt. Er betrage nach den letzten 13 Jahren im Durchschnitt über 17 Prozent, rechnet die Regierung vor: Der Rückstand bestehe aus nicht ausgeglichener Teuerung (7 Prozent) und nicht gewährtem individuellen Lohnaufstieg (10 Prozent). Die «ungenügende Lohnentwicklung» trug laut dem Regierungsrat mehr als 3,5 Milliarden Franken zum Schuldenabbau der letzten Jahre bei.
Dazu ist zu sagen, dass der Anteil der Personalkosten an den Ausgaben des Kantons naturgemäss sehr hoch ist. 2009 gab der Kanton 9,6 Milliarden Franken aus; rund 4,6 Milliarden waren Personalkosten.
Ende 2009 verzeichnete der Kanton 27'441 Vollzeitstellen (Verwaltung, Volksschule und Hochschulen). Dazu kommen 24605 Vollzeitstellen im «subventionierten Bereich», namentlich in Spitälern und Heimen. Die Zahl der Vollzeitstellen steigt stetig.
Die Fluktuation – der Anteil der Angestellten, die kündigen – ist stabil: Sie sank von 2001 bis 2004 von 6,2 auf 3,3 Prozent; danach stieg sie bis 2008 wieder auf 5,1 Prozent und sank 2009 auf 4,6 Prozent.
Beispiele
Wenn der Kanton Bern 2011 und in den folgenden Jahren wieder mehr Geld für Lohnerhöhungen aufwirft, werden auch die Verteilkämpfe zwischen den Personalgruppen und Hierarchiestufen zunehmen. Eine Gruppe darf ziemlich sicher mit einer überdurchschnittlichen Berücksichtigung rechnen: die jungen Lehrerinnen und Lehrer. Sie sollen künftig – gemäss Planung der Erziehungsdirektion schon ab 2014 – wieder ein rascheres Lohnwachstum erwarten dürfen.
Als Anhaltspunkt ein paar Fallbeispiele, berechnet von der Erziehungsdirektion. Der Anfangslohn eines Berner Primarlehrers liegt aktuell bei rund 5600 Franken im Monat (brutto). Ein Kollege mit zehn Jahren Berufsjahren erhält derweil 6200 Franken. Bei Kindergärtnerinnen steht einem Anfangslohn von 5350 Franken ein Lohn von 5950 Franken für eine Kindergärtnerin mit zehn Berufsjahren gegenüber. Auf der Sekundarstufe sind es 6600 und 7300 Franken.
Zum Vergleich dazu die Löhne, die der Kanton Zürich aktuell auszahlt und die – abgesehen vom höheren Lohnniveau – vor allem rascher steigen: «Frische» Primarlehrer erhalten 6400 Franken, Kolleginnen mit zehn Berufsjahren bekommen 7900 Franken; bei den Kindergärtnerinnen sind es 5250 beim Start beziehungsweise 6500 Franken nach zehn Jahren. Sekundarlehrer erhalten am Anfang 7100 und nach zehn Jahren 8700 Franken.
Die Löhne der Berner Jung-lehrer mit einem bis sechs Berufsjahren werden auf das nächste Schuljahr hin ein erstes Mal aufgebessert: Der Regierungsrat erhöht sie gezielt um vier Gehaltsstufen.
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Der Regierungsrat hielt kürzlich offiziell fest: «Die Löhne des Kantonspersonals und der Lehrerschaft sind heute nicht mehr konkurrenzfähig.» Steht es wirklich so schlimm?
Beatrice Simon: Ja, wir haben im Durchschnitt einen deutlichen Lohnrückstand auf andere Arbeitgeber, die auf dem Arbeitsmarkt wichtige Konkurrenten sind. Das sind zum Beispiel Bund, Post, Swisscom, andere Kantone und auch private Unternehmen. Deutlich wird das Problem vor allem bei den jungen Lehrerinnen und Lehrern und generell bei Angestellten im Alter von 30 bis 45 Jahren, die in den letzten zehn Jahren bei uns eine Lohnentwicklung hatten, die im Vergleich mit der Konkurrenz klar ungenügend war. Einen sehr deutlichen Rückstand haben wir beim obersten Kader. Hier müssen wir ebenfalls ansetzen.
Wie sieht es bei den Polizisten aus? Bei ihnen war in letzter Zeit ebenfalls von einem enormen Lohnrückstand die Rede.
Hier sind wir gegenüber anderen Konkurrenzkantonen und dem Bund ebenfalls im Rückstand.
Trotzdem: Der Regierungsrat schadet dem Ruf des Kantons als Arbeitgeber, wenn er öffentlich bekannt gibt, man bezahle keine konkurrenzfähigen Löhne.
Das denke ich nicht. Ich bin überzeugt, dass es nötig war, das Lohnproblem klar und transparent anzusprechen. Damit hat der Regierungsrat gezeigt, dass er die Probleme erkannt hat und Verbesserungen plant. Ohne unsere klare Kommunikation wäre es politisch nie möglich gewesen, dass sich der Grosse Rats in der Novembersession so klar dafür aussprach, die Lohnsumme schon 2011 stärker zu erhöhen als geplant, was die Regierung dann ja auch getan hat.
Sie beziehen sich jeweils auf Vergleiche mit anderen Arbeitgebern, machen diese Vergleiche aber nicht öffentlich. Das macht es schwierig, die Argumentation nachzuvollziehen. Man weiss auch nicht genau, welche Personalgruppen besonders stark betroffen sind.
Wie erwähnt sind junge Lehrpersonen sowie 30- bis 45-Jährige besonders betroffen. Zudem konnte namentlich der Bund den Angestellten in den letzten Jahren ein viel schnelleres Lohnwachstum bieten als wir, was öffentlich bekannt ist. Ansonsten muss ich darauf hinweisen, dass sich der Kanton Bern wie alle Arbeitgeber, die an diesen Vergleichen teilnehmen, verpflichtet hat, keine Ranglisten oder dergleichen zu veröffentlichen. Wir können deshalb nicht im Detail bekannt geben, im Vergleich zu welchen Vergleichspartnern wir bessere und gegenüber wem wir schlechtere Löhne bezahlen. Ich kann Ihnen aber versichern, dass unsere Analysen fundiert sind.
Wenn der Kanton dermassen schlechte Löhne zahlt, ist zu erwarten, dass ihm das Personal davonläuft. Ist dem so?
Bisher wäre nicht belegt, dass uns das Personal in Massen davonlaufen würde. Wir bemerken aber in Austrittsgesprächen, dass es nicht mehr so weitergehen kann. Sonst wird die Fluktuation wegen der Lohnfrage zunehmen. Das zeigte sich auch in der letzten Personalbefragung. Wir müssen unbedingt verhindern, dass es so weit kommt, sonst verlieren wir sehr viel Know-how. Schon heute zeigt sich, dass es vor allem die guten Leute sind, die uns verlassen. Bisher trugen unsere Angestellten die Sparpolitik sehr loyal mit; jetzt müssen wir ihnen beim Lohn wieder Perspektiven eröffnen und verhindern, dass der Rückstand weiter anwächst.
Ist das Personal unzufriedener geworden?
Eindeutig. Das hat die letzte Befragung, die im Frühjahr 2010 abgeschlossen wurde, klar gezeigt. Das Personal hat die Entlöhnung in seiner Rangliste ganz am Schluss platziert (das Gehaltssystem erhielt vom Personal 38 von 100 möglichen Punkten, genau wie bei der Befragung 2006; Anm. d. Red.). Auch die Kundgebung der Lehrerschaft vom 12.November war ein ganz deutliches Signal.
Hat der Kanton Probleme, freie Stellen zu besetzen?
Meine Rückmeldungen zeigen, dass wir die Stellen insgesamt noch besetzen können. Es gibt aber vermehrt Kategorien – Ingenieure zum Beispiel –, in denen dies sehr schwierig ist. Besonders im Kader können wir nicht immer die Leute anstellen, die am besten geeignet wären, weil unsere Löhne nicht genügen. Es geht vor allem darum, zu verhindern, dass uns die Leute wirklich in Scharen davonlaufen und wir freie Stellen wirklich nicht mehr besetzen können. Wenn es einmal so weit ist, können wir fast nicht mehr reagieren. Darum müssen wir jetzt handeln.
Mit anderen Worten: Das Personal hat bei Ihnen und der Regierung im Moment die höchste Priorität – vor Schuldenabbau, Steuersenkungen, Investitionen und so weiter.
Diese Frage wird sich der Regierungsrat jedes Jahr wieder neu stellen. Für mich steht fest, dass jetzt die Löhne des Kantonspersonals und der Lehrerschaft ebenfalls oberste Priorität haben müssen, nachdem der Kanton Bern während vieler Jahre Schulden abgebaut, die Investitionen stark erhöht und die Steuern mehrmals gesenkt hat. Allerdings wird der Regierungsrat auch alles daransetzen, in den kommenden Jahren eine Neuverschuldung zu verhindern. Dieser Zielkonflikt bleibt und wird nicht einfach zu lösen sein.
Was halten Sie vom Vorschlag, der Kanton solle künftig weniger Leute einstellen, diese aber anständig entlöhnen?
Freie Stellen generell nicht mehr zu besetzen, ist keine Option. Entweder würde der Kanton das Angebot dort abbauen, wo es zufälligerweise Kündigungen gibt, oder das verbleibende Personal hätte mehr zu tun – bei unbefriedigendem Lohn. Unsere Absicht ist, ständig zu prüfen, wo der Kanton auf Aufgaben und Stellen verzichten kann. Die frei werdenden Mittel müssen wir meines Erachtens auch für zusätzliche Lohnmassnahmen einsetzen – jedenfalls, wenn es uns gleichzeitig gelingt, die drohende Neuverschuldung zu mässigen und die Investitionen hoch zu halten. Sie merken: Wir müssen beim Personal jedes Jahr neu beurteilen, was an Verbesserungen drinliegt.
Wie schätzen Sie die politische Stimmung ein: Wird die bürgerliche Grossratsmehrheit den Kurs der Regierung mittragen?
Ich hoffe es. Klar scheint mir, dass der Schuldenabbau, der in den nächsten Jahren sowieso kaum möglich sein wird, nicht mehr allein oberste Priorität hat. Ich denke, die Einsicht ist da, dass wir das Lohnproblem dringend angehen müssen.
Seit einiger Zeit stellt der Regierungsrat die Lohnsituation fast so schlimm dar wie die Personalverbände. Noch 2009 hielt er die Löhne für konkurrenzfähig. Hat der Umschwung mit Ihrem Amtsantritt im Juni 2010 zu tun?
Ich habe von den Personalverbänden auch gehört, die Finanzdirektion habe die Probleme noch nie so klar eingestanden. Aber ich äussere mich nicht zu Dingen, die in meinem Aufgabenbereich vor meinem Amtsantritt waren. Selbstverständlich hat mich mein Vorgänger Urs Gasche (ebenfalls BDP) auf das Lohnproblem aufmerksam gemacht. Ich habe die laufenden Analysen zusammen mit meinen Mitarbeitenden weitergeführt und wollte sie auch etwas beschleunigen. Es war mein Ziel, im Herbst dieses Jahres – rechtzeitig vor der Budgetdebatte im November – das Lohnproblem transparent aufgearbeitet und dem Grossen Rat kommuniziert zu haben. Dies ist gelungen. Heute haben wir eine klare Datenbasis, welche es erlaubt, die nötigen politischen Entscheide zu fällen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 16.12.2010, 07:31 Uhr
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5 Kommentare
Ich glaube ich lebe in einem anderen Kanton als Frau RR Simon. Der Kanton Bern hat doch die Steuern nicht gesenkt, sondern nur die kalte Progression ausgeglichen und das auch nur bei den mittleren Einkommen. Immer wieder wurde gesagt, dass eine Entlastung von 50 Millionen nicht mögilch sei. Nun ist es aber möglich 140 Millionen mehr Lohn zu bezahlen und das ohne Grund und ohne offentliche Daten... Antworten
Nur weiter so, Frau Simon - sie haben überhaupt noch nicht gemerkt, dass der Kanton bei den Ausgaben die Bremse anziehen muss - wo laufen Ihnen die Leute in Scharen davon? - Zuerst müssen sie eine Stelle finden - auch wenn der Lohn ein paar Franken höher ist - die Pensionskasse und Ferienregelung macht die Differenz mehrfach wett - Sie vergleichen Birnen mit Aepfel - + 140 Mil eindeutig zu viel Antworten






