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«Atomausstieg muss nicht auf Kosten der Landschaft erfolgen»

Von Mischa Aebi. Aktualisiert am 27.05.2011 9 Kommentare

Raimund Rodewald, Geschäftsführer der Stiftung für Landschaftsschutz, will weiterhin den Bau von Stromleitungen, Wasser- und Windkraftwerken bekämpfen. Gleichzeitig plädiert er für den raschen Atomausstieg. Warum das für ihn kein Widerspruch ist, sagt er im Interview.

Soll durch die Erhöhung der Staumauer um  23 Meter ein Teil dieser Landschaft auf der Grimsel geopfert werden? Nein, findet  die Stiftung für Landschaftsschutz nach wie vor. Dies, obwohl die Kapazität des Stausees verdoppelt würde und obwohl auch die Stiftung für den Ausstieg aus der Atomenergie ist.

Soll durch die Erhöhung der Staumauer um 23 Meter ein Teil dieser Landschaft auf der Grimsel geopfert werden? Nein, findet die Stiftung für Landschaftsschutz nach wie vor. Dies, obwohl die Kapazität des Stausees verdoppelt würde und obwohl auch die Stiftung für den Ausstieg aus der Atomenergie ist.
Bild: Keystone

Gewinner und Verlierer

Die Gewinner und Verlierer des Atomausstiegs

Die Gewinner und Verlierer des Atomausstiegs
Der historische Ausstiegsentscheid des Bundesrates hat weitreichende Konsequenzen. Nebenstehend eine selektive Auswahl von Verlierern und Gewinnern des Verzichts auf Atomstrom.

Raimund Rodewald. (Bild: Keystone )

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Elektrizitätswerke und Landschaftsschutz

Rund 40 Prozent der Elektrizität kommt heute von Atomkraftwerken. Steigt die Schweiz aus der Kernenergie aus, müssen als Ersatz zahlreiche Wasser-, Wind-, Solar-, Gas- oder Geothermiekraftwerke gebaut werden. Aber nicht nur das: Auch die Starkstromnetze müssen massiv ausgebaut werden. Denn: Zum Beispiel Wind und Solarstromanlagen – egal ob im In- oder Ausland – produzieren oft gerade dann viel Strom, wenn eigentlich wenig benötigt wird. Damit die Windkraftanlagen dennoch effizient eingesetzt werden können, muss überschüssiger Strom zwischengespeichert werden können. Das ist möglich dank Pumpspeicherkraftwerken. Diese können aber in der Regel nur in den Bergen gebaut werden. Damit grosse Mengen Elektrizität zu diesen Speicherwerken geleitet werden können, ist der Ausbau der Stromnetze unabdingbar. Bis jetzt hat die Stiftung für Landschaftsschutz den Bau solcher Leitungen mit Einsprachen bekämpft, weil sie in deren Augen die Landschaft verschandeln.

Mit Ihrem Kampf gegen Windräder, Stauseen und Starkstromleitungen dürften Sie es künftig sehr schwer, oder?
Raimund Rodewald: Nicht unbedingt, da wir so oft Projektverbesserungen erreichen konnten. Bereits heute arbeiten wir bei sehr vielen Kraftwerksprojekten mit den Betreibern konstruktiv zusammen und erzielen sinnvolle Kompromisse.

Aber etwa die Erhöhung der Grimselstaumauer sowie Starkstromleitungsprojekte bekämpfen Sie bis heute mit sehr viel Eifer.
Das stimmt. Aber es gibt auch sehr viele Projekte, die wir ausdrücklich unterstützen. Über die Medien entstand da vielleicht ein falsches Bild, weil jene ganz wenigen Projekte, mit welchen wir nicht einverstanden sind, medial aufgebauscht wurden.

Den Kampf gegen die Grimselstaumauer werden Sie also weiterführen?
Ja, dieses Projekt ist für uns nicht natur- und landschaftsverträglich. Es gibt bessere Vorhaben.

Klar scheint aber: Wenn der AKW-Strom bis in 30 Jahren tatsächlich durch andere Energien ersetzt werden soll, müssen Sie nun Ihre Interessen als Landschaftsschützer zurückstecken.
Wir werden uns unter anderem dafür einsetzen, dass zum Beispiel Windkraftwerke nur dort gebaut werden, wo es tatsächlich auch genügend Wind hat, sodass die Anlagen effizient genutzt werden. So wird möglichst wenig Landschaft in Mitleidenschaft gezogen.

Läuft ihr kritisches Verhalten gegenüber solchen Projekten nicht darauf hinaus, dass dann letztlich doch neue AKW gebaut werden müssen?
Nein, ganz sicher nicht. Wir sind vehement gegen den Bau neuer AKW und für den Ausstieg aus der Atomkraft. Aus unserer Sicht dürfte das sogar schneller geschehen. Wir sind überzeugt, dass der Ausstieg auch dann möglich ist, wenn weiterhin schützenswerte Landschaften verschont bleiben.

Wie stellen Sie sich das vor?
Einerseits müssen wir auf effiziente Standorte setzen. Andererseits gibt es Energiearten, die besonders landschaftsverträglich sind. Zum Beispiel die Solarenergie. Sie ist für uns der Königsweg. An erster Stelle heisst es jetzt aber Strom sparen.

Zum Beispiel?
Denken Sie nur an die Tausenden von Leuchtreklamen und Strassenbeleuchtungen, welche die ganze Nacht hindurch brennen. Selbst Bergrestaurants sind heute zuweilen bis weit in die ganze Nacht beleuchtet.

Die meisten Ihrer Vorschläge nützen wenig, wenn nicht gleichzeitig auch die Starkstromnetze massiv ausgebaut werden.
Das stimmt.

Gerade die dazu nötigen Freileitungen bekämpfen Sie aber überall, wo Sie nur können.
Wir tun dies nur, wenn sie mit den Schutzgesetzen kollidieren. Aber es gibt die Alternative, dass man die Leitungen als Erdkabel in den Boden verlegt.

Bodenleitungen sind aber viel teurer. Ist Ihre Forderung nach solch teueren Leitungen opportun, jetzt, da sowieso schon grosse Strompreiserhöhungen drohen?
Energie hat ihren Preis. Das müssen wir uns bewusst werden. Wir dürfen nicht einfach kopflos unsere Landschaft opfern, nur um möglichst günstigen Strom zu erhalten. Mit unserer Forderung, Freileitungen in den Boden zu verlegen, haben wir übrigens einen sehr grossen Rückhalt in der Bevölkerung.

Sie bekämpften grosse Freileitungsprojekte aber auch dort, wo kaum Menschen leben – zum Beispiel die Leitung über die Gemmi. Warum?
Dank unserem Einspruch wurde die Leitung schliesslich in den Tunnel verlegt. Dort stört sie niemanden

Abgesehen von den Steuerzahlern, welche die Mehrkosten tragen müssen. Die Tunnelleitung kostete nämlich viel mehr.
Wie gesagt, Energie ist nicht gratis und soll es auch nicht sein.

Sie bekämpfen auch immer wieder Projekte für Windanlagen, selbst wenn diese fernab der Zivilisation geplant wurden. Warum?
Es kann nicht sein, dass man nun auf jedem Hügel ein Windrad baut. Die Schweiz lebt auch vom Tourismus, und wir benötigen alle unverbaute Landschaften.

Warum nicht? Jetzt muss doch um jeden Preis die Stromlücke geschlossen werden, welche nach der Stilllegung der alten AKW entsteht?
Planlos Windräder aufzustellen, macht schon deshalb keinen Sinn, weil es hierzulande viel zu wenig Wind hat, um sie effizient betreiben zu können. Zudem ist es aus Sicht des Landschaftschutzes sinnvoller, die Windräder auf wenige Standorten, aber mit der grösseren Anzahl Anlagen zu konzentrieren. Wir fordern deshalb eine koordinierte nationale Planung für den Ausbau der Windenergie.

Aber ausgerechnet das grösste Windkraftprojekt, jenes auf der Grimsel, haben Sie ja bekämpft. Warum?
Erstens wäre zumindest ein Teil der Anlagen in eine geschützte Alpenlandschaft zu stehen gekommen. Zudem hat die Betreiberfirma das Projekt wohl mangels Wind und Wirtschaftlichkeit nicht mehr weiterverfolgt.

Es macht den Eindruck, dass Sie von Windenergie nicht allzu viel halten.
Auf die Schweiz bezogen trifft das zu. Das Windpotenzial hier ist klein, wie die Windpotenzialkarten zeigen. Schon nur um einige Prozente des Stromes mit einheimischer Windenergie zu produzieren, bräuchte es Hunderte von Windanlagen. Aber an jenen Standorten, wo es viel Wind hat, unterstützen wir diese Energieform, sofern sie keine geschützte Landschaft beeinträchtigt.

Ganz allgemein: Werden Sie nun, da es konkret um den Ersatz der AKW geht, mehr Kompromisse eingehen?
Kompromisse im Sinne intelligenter Lösungen werden wir eingehen.

Aber?
Dort, wo es um Vorhaben in national geschützten Landschaften geht, werden wir sicher weiterhin versuchen, uns für den Natur- und Landschaftsschutz einzusetzen. Würden wir dies nicht tun, stünde unsere Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Zudem können wir nicht einem Bauern verbieten, einen Stall zu bauen, und dann bei Grossprojekten einfach beide Augen zudrücken. Das würde niemand verstehen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.05.2011, 10:00 Uhr

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9 Kommentare

Markus Kaufmann

27.05.2011, 10:36 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Was ich in diesem Artikel vermisse, ist eine klare Aussage. Herr Rodewald sagt nur, was er nicht meint. Ein konkreter Vorschlag fehlt. Was bedeutet denn "Kompromisse im Sinne intelligenter Lösungen werden wir eingehen."? Das ist, leider, die typische Verhinderungspolitik eines Interessenverbandes.
Sicher, Energieeffizienz sollte ein Anliegen sein. Aber so wird noch keine Energie gewonnen...
Antworten


Edwin Schaltegger

27.05.2011, 11:41 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Als Natur- u. Tierfreund liegen ist mir der Natur- u. Tierschutz am Herzen. Das Verhalten v. Hr. Rodewald u. Konsorten im Grimselprojekt ist schlichtweg verantwortungslos u. zeugt v. Profilierungsneurose. Im Interesse der Stromversorgungssicherheit u. d. "Gemeinwohls" muss man Kompromisse eingehen u. z.B. ein Hochmoor unter Wasser setzen. Die Alternativenergien fordern leider auch ihren Preis! Antworten