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«Archivieren ist Psychohygiene»

Aktualisiert am 07.02.2012

Ende Februar geht Peter Martig in Pension. Unter seiner Leitung hat das Berner Staatsarchiv einen wichtigen Schritt Richtung digitales Zeitalter getan. Warum der «Papierarchivar» froh ist, das Amt abgeben zu können.

Einen idealeren Beruf hätte sich Peter Martig nie vorstellen können. Wenn er nicht schon als Bub davon geträumt hat, Archivar zu werden, dann nur, «weil ich gar nicht wusste, was das ist». Der Historiker hat es nie bereut, dass er vor dreissig Jahren von der Uni Bern ins Staatsarchiv gewechselt hat. Hier begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, als Staatsarchivar geht er nun in Pension. Was machte seinen Beruf so attraktiv: «Dieses Gefühl, wenn man aus einem Haufen Papier, in dem das Chaos herrscht, eine Ordnung herstellen kann», erklärt Martig in seinem sauber aufgeräumten Büro und sagt schmunzelnd: «Das hat einen psychohygienischen Effekt.»

Doch seine eigene Familiengeschichte mochte Martig nicht stammbaummässig in eine klare Ordnung bringen. «Ich habe genug an den lebenden Verwandten und muss mich nicht um die toten kümmern», witzelt er. Martig ist kein Fan der Genealogie, der Familienforschung. Die Genealogen ihrerseits hatten eine Zeitlang auch keine Freude am Berner Staatsarchivar. Bis vor Verwaltungsgericht gingen sie 2004 mit ihm. Die Familienforscher wollten nicht akzeptieren, dass ihnen der Zugriff auf die Kirchenbücher nicht mehr unbegrenzt möglich sein sollte. Martig wurde zum Prügelknaben, obwohl er bloss eine vom Regierungsrat angeordnete Sparmassnahme umsetzte.

«Papierarchivar» dankt ab

Diese Auseinandersetzung ging ihm «an die Nieren». Doch heute kann ihr Martig Positives abgewinnen: «Sie führte zu einem Modernisierungsschub», stellt er fest. Ein privater Anbieter hat die Kirchenbücher digitalisiert. Heute können die Genealogen unabhängig von den Öffnungszeiten des Staatsarchivs in Kirchenbüchern stöbern – wenn sie für rund 150 Franken die CD der gewünschten Gemeinde kaufen. Ein Hobby koste nun mal etwas, sagt Martig dazu. Seine Jahreskarte bei YB sei schliesslich auch nicht gratis, fügt er an.

Martig ist eingefleischter YB-Fan. Seit Jahren sitzt er Saison um Saison auf der Tribüne «in einer Reihe älterer Herren, die sich gemeinsam ereifern können», wie er selber sagt. Zumindest emotional könne er sich YB gar nicht stärker widmen als bisher. Deswegen müsste er sich nicht auf die Pension freuen. Martig erachtet es aus anderen Gründen als ideal, gerade jetzt zurückzutreten. Er, der mit 64 aufhört, geht als einer, «der von der Ausbildung her ein reiner Papierarchivar war». Jetzt müsse eine Person die Leitung des Staatsarchivs übernehme, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sei. Mit seiner bisherigen Stellvertreterin, der 39-jährigen Barbara Studer, steht diese Person bereit.

Schritt in die digitale Zeit

Doch schon unter Martigs Leitung hat das Berner Staatsarchiv grosse Schritte ins digitale Zeitalter gemacht. So wurde ein digitales Inventar mit sämtlichen im Staatsarchiv einsehbaren Beständen vom 12. bis 20. Jahrhundert erstellt. Auch ein grosser Teil der historischen Bilder wurde digitalisiert und kann heute von jedermann zu Hause heruntergeladen werden. Martig freut sich über das wachsende Publikumsinteresse und staunt: Das digitale Staatsarchiv habe Besucher aus aller Welt, auch aus China. «Ich weiss nicht, was die hier bei uns wollen.»

Mitten in den Quellen

Bevor das Staatsarchiv Daten digitalisieren konnte, musste die rechtliche Grundlage geschaffen werden. Seit zwei Jahren ist das neue Archivgesetz in Kraft. Mit diesem ist Martigs grösste berufliche Genugtuung verbunden: Dass das im Staatsarchiv vorbereitete Geschäft den Grossen Rat in erster Lesung mit 134 zu 0 Stimmen passierte, war für ihn ein «Qualitätssiegel».

Als Martig seine Arbeit im Staatsarchiv aufnahm, war er Herr über 13000 Laufmeter historischer Akten. Die Bestände haben sich in den 30 Jahren fast verdoppelt, heute umfassen sie 25 Kilometer. Zu keinem der vielen Dokumente hat Martig eine spezielle Liebe entwickelt. «Ich bin da pragmatisch, ich hatte nie das Gefühl, die Dokumente gehörten mir», sagt er, bevor er für ein Foto ins dritte Untergeschoss führt. Hier, wo die ältesten Dokumente aufbewahrt werden, wo es nach Leder und Papier riecht, wo sich imposante Bände aneinanderreihen und Martig liebevoll über die in sauberer Handschrift vollgeschriebenen Seiten streicht, stellt er fest: «Es war ein Privileg, mitten in den Quellen meinen Beruf ausüben zu können.»

Hilft ihm das Wissen um Vergangenes, aktuelle Entwicklungen besser zu verstehen? «Nein», sagt Martig ohne lange zu überlegen. «Die Geschichte lehrt, dass man aus der Geschichte keine Lehren zieht.» Trotzdem will er die frei werdende Zeit nutzen, um selber wieder in den Quellen zu forschen. Als er letztes Jahr mit «Berns moderne Zeiten» den fünften Band der Reihe «Berner Zeiten» herausgab, bekam er Lust auf mehr. Doch wenn er Ende Februar im Staatsarchiv aufhört, will er sich erst einmal eine Pause gönnen. «Das habe ich verdient», sagt Martig, der nach dem frühen Tod seiner Frau als Vater von zwei Kindern stark gefordert war.Susanne Graf>

Erstellt: 07.02.2012, 11:14 Uhr