Alte und Junge unter einem Dach
Von Brigitte Walser. Aktualisiert am 22.11.2010 1 Kommentar
Sozialhilfe springt ein
Für die Betreuung der drei Pensionäre im privaten Haushalt besitzt das Ehepaar Herren eine offizielle Bewilligung. Auch wenn diese Bewilligung explizit sowohl für Betreuung als auch für Pflege ausgestellt wurde, ist nicht vorgesehen, dass das Paar auch die Pflege übernimmt. Das mag ein Detail sein, hat aber Auswirkungen auf die Finanzierungsregeln. Die Krankenkasse zahlt nichts. In Alters- oder Pflegeheimen, wo die Ausbildung der Pflegenden im Gegensatz zum Generationenhaus klar geregelt ist, übernimmt die Krankenkasse einen Teil der Pflegekosten. Bei der Hilflosenentschädigung werden fürs Generationenhaus die tieferen Tarife angewandt. Zudem fallen für die Bewohner die Ergänzungsleistungen tiefer aus, als wenn sie in einem Heim der kantonalen Liste wohnen würden. In den mittleren Pflegestufen ist dieser Betrag um rund die Hälfte kleiner als im Heim, in den höchsten Stufen noch kleiner.
In diese finanzielle Lücke springt bei den Generationenhaus-Bewohnern die Sozialhilfe. Für das Ehepaar Herren ist diese Situation nicht befriedigend. Es fordert, dass seine Pflege im Bereich der Ergänzungsleistungen besser berücksichtigt wird, damit nicht die Sozialhilfe einspringen müsse. Ein Heim zu gründen, um diese Schwierigkeiten aus dem Weg zu schaffen, kommt für das Ehepaar Herren nicht in Frage. Zudem sind seine Preise teilweise deutlich tiefer als in Alters- und Pflegeheimen.
Spitex eröffnet
Das Ehepaar Erb hat eine etwas andere Lösung gewählt. Da sie Pflegefachfrau und er Pflegefachmann ist, haben die beiden eine private Spitex eröffnet. Auf diese Weise zahlt die Krankenkasse an die Pflegekosten in ihrem Generationenhaus.
In den Generationenhäusern findet regelmässig eine Lebensmittelkontrolle statt, und auch Mitglieder der Gemeindebehörde schauen immer wieder vorbei. Zudem ist beiden Ehepaaren die Zusammenarbeit mit dem Hausarzt der Betagten wichtig.
Der Ursprung für diese Art von Altersbetreuung liegt im Angebot der Ökonomischen und Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Bern (OGG), welche betreutes Wohnen – meist auf dem Bauernhof – anbietet und wo bei Pflegebedarf die Spitex einspringt.
Wenn die Familie Herren Ferien plant, muss die vierjährige Melina jeweils nachfragen, wer alles mitfahren wird. Bei Herrens ist gar nicht so klar, wer alles zur Familie gehört. Da sind ihre Eltern Lukas und Martina und ihr Bruder Silvan, da sind aber auch Vreni, Margrit und Paul. Melina nennt die drei Betagten beim Vornamen, auch wenn sie um Generationen älter sind als sie. Familie Herren bietet seit fünf Jahren drei Wohnplätze für alte Menschen an. Zum Mittagessen setzen sich jeweils noch weitere Kinder an den Tisch. Herrens haben auch Kindertagesplätze eingerichtet. Ihr Zuhause in Heimenschwand nennen sie Generationenhaus.
Alle unter dem gleichen Dach
Das Kinderzimmer liegt neben den Pflegezimmern, ausser den Schlafräumen werden alle Hausteile von allen genutzt, und alle beteiligen sich am Familienleben. Das Nebeneinander von Generationen ist für das Ehepaar Herren ein perfektes Rezept. Bei dieser Durchmischung erhalte weder das Alter noch die Kindheit zu viel Gewicht, erzählen sie. Am Mittagstisch würden manchmal Klagen über Gebrechen oder Geräusche des Alters abgelöst von Trotzaktionen oder Ausrufen der Jugend. «Nicht selten müssen am Schluss alle lachen», sagt Lukas Herren. Jung und Alt unterstützen sich gegenseitig. So erlaubt etwa einer der Betagten nur der vierjährigen Melina, ihm den Weg zu zeigen, ansonsten nutzt der Sehbehinderte den Gehstock. Die jüngste Generation wiederum weiss, dass auf dem Boden kein Spielzeug herumliegen darf, weil nicht alle im Haus gut zu Fuss sind.
Pflege bis zum Tod
Lukas Herren ist gelernter Koch, seine Frau Lehrerin und Fachangestellte Gesundheit. Drei Angestellte springen ein, wenn die beiden weg sind oder Unterstützung brauchen. Dass die betreuten Menschen zwar am Familienleben teilnehmen, aber keine Angehörigen sind, sei ein Vorteil, sagt Martina Herren. «Wir haben zu ihnen eine grössere Distanz als zu unseren Eltern. Bei der Pflege hilft das.» Wenn es medizinisch machbar ist, dauert diese Pflege bis zum Tod. Die Kinder kennen sich mit Krankheit und Sterben aus. Sie wissen, dass man krank sein kann am Bein, an den Augen oder auch im Kopf.
Nicht alleine
Im Frühling hat auch die Familie Erb Baumgartner in Aeschi bei Spiez aus ihrem Zuhause ein Generationenhaus gemacht. Beide Ehepartner haben eine Pflegefach-Ausbildung und hatten zuvor mit der Familie Herren Kontakt aufgenommen. Denn deren Konzept hat sie begeistert. Im Moment schlagen sie sich noch mit viel Bürokratie herum, doch vom Generationenhaus sind sie überzeugt. Anita Baumgartner erzählt lachend: Eine Bewohnerin habe einmal gesagt, ein Leben im Altersheim könne sie sich nicht vorstellen; jetzt habe sie sich einen Platz im Jugendheim ausgesucht. Auch für ihre eigene Familie sei es spannend, wie viel Neues das Generationenhaus in die Familie bringe, so Baumgartner.
Anonymität nicht garantiert
«Nicht für alle ist diese Wohnform geeignet», sagt Lukas Herren. Wer viel Privatsphäre wünscht, wird im Alter nicht im Generationenhaus leben wollen. Und wer Arbeit und Privates trennen will, der wird diese Wohnform nicht anbieten. Für das Ehepaar Herren bedeutet das Generationenhaus Arbeit rund um die Uhr – und trotzdem weniger Stress als eine 40-Stunden-Woche. «Wenn ich mich mit einer Tasse Kaffee neben eine demente Bewohnerin setze und sie beruhige, weiss ich nicht, ob das nun Arbeit oder Erholung ist», sagt Martina Herren. Das spielt auch keine Rolle, denn im Generationenhaus wird keine Zeit erfasst, es gibt keine Schichtwechsel und keine Umstrukturierungen oder beschränkte Besuchszeiten.
Es ist eine Art der Altersbetreuung, die sich nicht genau in die bestehenden Reglemente einordnen lässt. Doch ein Heim gründen mit Formalitäten und Strukturen möchten die beiden Familien nicht, sie wollen die Durchmischung von Alt und Jung und die familiäre Atmosphäre des Generationenhauses beibehalten. Lukas Herren sagt: «Es ist nicht diplomiert, standardisiert und zertifiziert. Es ist das Leben.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 22.11.2010, 09:16 Uhr






