77 Berner Gemeinden bieten günstigeren Strom an als die BKW
Von Niklaus Bernhard. Aktualisiert am 16.07.2010 1 Kommentar
Coop und Migros sind günstiger als der kleine Dorfladen, nicht zuletzt wegen der grösseren Mengen, welche die Grosshändler absetzen. Was für den Detailhandel gilt – und eigentlich einleuchtend ist, trifft für den Strommarkt nicht zu. Hier ist es oft so: Je kleiner der Anbieter, desto günstiger die Preise.
Die tiefsten Strompreise für die Privathaushalte im Kanton Bern bietet nicht etwa die grosse BKW, sondern die kleinen gemeindeeigenen Elektrizitätsversorger, die vergleichsweise geringe Energiemengen verkaufen. Der durchschnittliche Haushalt in der Schweiz verbraucht rund 4500 Kilowattstunden pro Jahr. Die 4100 Einwohner der Gemeinde Niederbipp zahlen für diese Menge Strom kantonsweit am wenigsten. In Niederbipp ist die Stromversorgung in der Obhut der Gemeinde. Das heisst, die Gemeinde kauft für ihre Haushalte den Strom von einem grossen Stromproduzenten ein, oft sogar von der BKW, und verteilt diesen über das eigene Netz an ihre Einwohner – nur eben günstiger.
Laut den Zahlen der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (Elcom) kostet in Niederbipp die Kilowattstunde (kWh) 18.02 Rappen. Für die gleiche Menge muss ein Haushalt in Köniz 22.85 Rappen bezahlen oder 21,1 Prozent mehr. Wer in Köniz Strom braucht, muss diesen über die BKW beziehen. Voraussichtlich erst ab dem Jahr 2013 können alle Konsumenten ihren Stromlieferanten frei wählen.
Was für die Könizer gilt, gilt auch für alle anderen Gemeinden im Kanton Bern, die direkt von der BKW beliefert werden: Die Kilowattstunde Strom kostet 22.85 Rappen.
200 Franken Unterschied
Auch in der Oberländer Gemeinde Wilderswil, die die Stromversorgung ebenfalls in der eigenen Hand hat, ist der Strom günstiger als in der Nachbargemeinde Saxeten, die ihren Strom von der BKW bezieht. Die Wilderswiler bezahlen für eine Kilowattstunde (jährlicher Verbrauch 4500 kWh, ohne Elektroboiler) 18.45 Rappen. Pro Jahr spart ein Haushalt in Wilderswil also rund 200 Franken.
Mit dem Stromrechner der Elcom, der die verschiedenen Strompreise im Kanton Bern vergleicht, ist zu sehen, dass je nach Kundenkategorie rund 15 bis 20 Gemeindewerke in der Lage sind, ihren Bürgern günstiger Strom abzuliefern, als dies bei der BKW der Fall ist. In 77 Gemeinden des Kantons ist der Strom billiger als jener der BKW. Wie ist das möglich?
Schlankere Strukturen
Es ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren, wie aus Gesprächen mit Verantwortlichen von Gemeindewerken hervorgeht. Der gewichtigste Grund ist der, dass die Gemeindewerke nicht einen möglichst hohen Gewinn anstreben. Es gilt der Grundsatz: Der Strompreis muss günstiger sein als jener der BKW, aber gerade noch so hoch, dass Ende Jahr ein kleiner Gewinn für die Gemeinde resultiert.
Ein weiterer Grund sind die schlanken Strukturen. Die Stromversorgung der 850 Haushalte in Wilderswil wird von nur zwei Personen abgewickelt. Für die Administration werden Synergien mit der Gemeindeverwaltung genutzt.
Der dritte Faktor, der zu den Preisdifferenzen führt, ist das Versorgungsnetz. Die Grösse des BKW-Netzes schlägt sich im Strompreis der BKW nieder. Das Berner Stromunternehmen muss auch in abgelegenen Gebieten Haushalte versorgen. Das ist für die BKW alles andere als rentabel. Dieses Problem haben die Gemeindewerke nicht. Ihre Netze sind meist kompakt und dadurch auch günstiger im Unterhalt. Zudem sind Gemeindenetze oft bereits abgeschrieben. Das wirkt sich zumindest kurzfristig positiv auf den Gewinn aus.
Stört sich die BKW nicht daran, dass ihr Strom am Ende in etlichen Berner Gemeinden günstiger ist als für die BKW-Kunden? «Jeder Partner von uns ist für den Erfolg seines Unternehmens selbst verantwortlich und bestimmt die Preise selbst», sagt BKW-Sprecher Antonio Sommavilla. Unterschiedliche Preise könne es geben. Bedingt vor allem durch die unterschiedlichen Netzstrukturen, wie auch Sommavilla sagt.
Es kann auch teurer sein
Wenn eine Gemeinde eine eigene Stromversorgung unterhält oder diese in eine eigene Aktiengesellschaft ausgelagert hat, heisst dies aber nicht automatisch, dass die Preise tiefer sind als bei der Konkurrenz. So ist der Strom für eine 5-Zimmer-Wohnung mit Elektroherd und Tumbler in Büren an der Aare mit 22.98 Rappen pro Kilowattstunde leicht teurer als bei der BKW. Den höchsten Tarif verlangt die Elektrizitätsversorgung Siselen mit einem Preis von 26,85 pro Kilowattstunde. (Berner Zeitung)
Erstellt: 16.07.2010, 08:54 Uhr






