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Plädoyer für das Fagott

Aktualisiert am 25.01.2011

Zentrum Paul KleeKlangliche Brillanz, programmatisches Fragezeichen: Fagottist Diego Chenna präsentierte

mit der Camerata Bern das Solokonzert von Mozart – und

eine Trouvaille vom Flohmarkt.

Die Musikgeschichte hat es nicht gut gemeint mit den Fagottisten. Kaum ein Komponist von Rang adelte sie zu Solisten. Umso mehr florierten die Scherze über das Holzrohr mit dem bäurisch-näselnden Ton. Im Schatten der Klassikstars tritt der Italiener Diego Chenna bis heute gegen Vorurteile an – als Anwalt des verkannten Instruments und als unermüdlicher Forscher, stets auf der Suche nach vergessenen (und neuen) Werken. Seit Jahren ist er mit der Camerata Bern verbunden, nun steht der 40-Jährige als Solist erstmals im Mittelpunkt. Chenna spielt Mozarts Fagottkonzert von 1774, das bekannteste überhaupt, ein Werk von galanter Gemütlichkeit, das die Möglichkeiten des Fagotts beispielhaft zur Geltung bringt. Virtuose Passagen mit sprunghaften Läufen finden sich darin ebenso wie sanfte Gesangslinien. Bald tritt das Fagott in den Dialog, bald lädt es zur Burleske, bald wird es wie ein Prinz vom Orchester umschmeichelt.

Geschmeidiges Paradewerk

Chenna spielt das Werk mit vorbildlicher Geschmeidigkeit, gerade in den improvisierten Kadenzen. Und im Mittelsatz bringt er das Instrument in seiner ganzen Poesie und Melancholie zur Entfaltung. Ein überzeugender Auftritt, kein Zweifel, aber auch geprägt von einer gewissen Routine, die daran denken lässt, dass er das Paradewerk schon oft gespielt haben muss. Und so fragt man sich denn auch, weshalb die Camerata nicht die Chance genutzt hat, den Solisten mit einer erlesenen Rarität vorzustellen. Erst bei der Zugabe kommt der «Entdecker» zum Zug – mit dem Adagio eines unbekannten Komponisten. Er habe das Stück «zufällig auf einem Flohmarkt» aufgestöbert, erzählt Chenna im voll besetzten Saal.

Dringliches aus dem Oberland

Das programmatische Fragezeichen drängt sich auch deshalb auf, weil das harmlose Fagottkonzert kaum zu den übrigen Werken passt. Bei aller Spielerei, bei allem Humor: Sowohl Bartóks Divertimento, geschrieben im Berner Oberland kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als auch Beethovens spätes Streichquartett Nr. 14 (in einer Fassung für Streichorchester) atmen einen ganz anderen Geist. Es sind komplexe Werke von grosser emotionaler Dichte und Dringlichkeit, vor allem in den ruhigen Sätzen, die zum Bedrückendsten gehören, was die Klassik zu bieten hat. Das gewohnt stilsichere Ensemble verleiht ihnen eine Intensität, die unter die Haut geht – und das eigentliche Konzertmotto «Fagott trifft Streicher» mitsamt dem Solisten in den Hintergrund rückt. Oliver Meier>

Erstellt: 25.01.2011, 00:32 Uhr

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